Bis in die Chefetage der Erfurter Stadtpolitik wirbelten die Sätze von Matthias Große Staub auf. Beim abgebrochenen Verbandstag der Deutschen Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft (DESG) im vergangenen Mai kündigte der Präsident aus dem Nichts an, dass Erfurt neben Chemnitz als etablierter Eisschnelllauf-Bundesstützpunkt infrage stünde. Die Aussage steht bis heute im Raum und sorgt für Ungewissheit, während die DESG unter Erklärungsdruck gerät.
Ein Beitrag der ARD belastet den DESG-Chef während der Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina d’Ampezzo. Die Rede ist von intransparentem Führungsstil auf Kosten der Athleten. Dabei zeichnen vor allem auch die Erfurter Sportler dank großer Zahl in Mailand in ein erfreulicheres Bild vom Eisschnelllauf. Womöglich endet an diesem Donnerstag durch ESC-Talent Finn Sonnekalb die 16-jährige Zeit ohne Medaille.
Zwischen Verbandskrise und Medaiellenhoffnung
Einen Olympia-Besuch wollte sich Gunda Niemann-Stirnemann nicht nehmen lassen. Einmal Mailand und zurück – das musste für die einstige Gold-Frau sein. „Ich liebe es, diese Atmosphäre zu schnuppern“, sagte sie. Die Winterspiele gehören zu ihrem Leben seit fast 40 Jahren. Eisschnelllauf in Erfurt ist vor allem auch mit ihrem Namen verbunden.
Die Eislauf-Geschichte in Erfurt begann viel früher. In Zeitungen wurde 1885 am Krämpferwallgraben dafür geworben. Am Bahnhof gab es später unter anderem eine 500-Meter-Bahn. Anfang des 20. Jahrhunderts war der Espachteich beliebter Wintertreff der Bevölkerung, um über das Eis zu gleiten.

Eisschnelllauf statt Eishockey: Eine Wende über Nacht
Spätestens nach den Winterspielen in Cortina d‘Ampezzo 1956 wurde aus dem Freizeitspaß ein olympischer Sport. Die Gründung der Kinder- und Jugendsportschule in Erfurt erfolgte im gleichen Jahr. Auf dem Gebirgssee Lago di Misurina wurde damals bei Olympia zum letzten Mal auf Natureis gelaufen, in Erfurt 1957 im Eisstadion an der Arnstädter Straße schon auf Kunsteis. Das 1970 von der DDR über Nacht beschlossene Aus für die Eishockey-Förderung zielte auf die Entwicklung des Eisschnelllaufs als medaillenträchtigere Sportart ab.
Günter Tilch soll einer der ersten Eisschnellläufer aus den Kindertagen des Sports in Erfurt gewesen sein. Der Berliner sei einst für den SC Turbine gestartet, heißt es. Als 22-Jähriger gehörte er zum damals noch gesamtdeutschen Aufgebot in Squaw Valley (1960) und danach auch in Innsbruck (1964).

Mit einem Sturz beginnt eine Ära
Gunda Niemann-Stirnemann (geb. Kleemann) ist neben Constanze Moser-Scandolo eine der ersten Eisschnellläuferinnen, die als Erfurter Olympiastarterinnen aus der gezielten Förderung auf dem Eisoval hervorgegangen sind. In Calgary 1988 waren beide dabei. Während Moser wegen einer Zerrung den 1500-m-Start absagen musste, stürzte ihre Teamgefährtin über 5000 Meter und wurde trotzdem Siebte wie über 1500 Meter.
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„Vor lauter Aufregung war ich zu schnell“, erzählt Niemann-Stirnemann. Mit dem Sturz begann eine Ära. Zwischen 1991 und 2001 gewann die „Eisschnellläuferin des Jahrhunderts“ 19 Weltmeistertitel und acht olympische Medaillen, darunter drei Goldene.
Teamstärke: Erfurt glänzt zu siebt in Mailand
Die 59-Jährige erinnert sich an die Zeit, unter freiem Himmel auf der 1982 gebauten 333-m-Bahn hart für den Erfolg zu trainieren. Wenn kräftig mit Kohle geheizt wurde, war das Eis schon mal dunkler. „Manchmal hat man Asche gehustet“, berichtet sie. Dass 2001 eine Halle gebaut wurde, geht nicht zuletzt auf die vielen Erfolge der Eisschnellläuferinnen um Trainer Stephan Gneupel zurück. Dass der futuristische Bau ihren Namen trägt, macht Gunda Niemann-Stirnemann stolz. „Diese Halle steckt voller Atmosphäre“, findet „Gold-Gunda“, wie sie einst bezeichnet worden war. Als Trainerin arbeitet sie dort. Sie hat Moritz Klein auf dem Weg zu seinen olympischen Spielen nach Mailand begleitet.

Der 25-Jährige ist einer von sieben Erfurter Olympia-Startern in Mailand. So viele stellte der Stützpunkt noch nie. Durch Sophie Warmuth sprang ein achter Platz über 500 Meter heraus. Das Team um Patrick Beckert, Fridtjof Petzold und Felix Maly lief als Siebter im Rahmen der Erwartungen. Mit Finn Sonnekalb, Hendrik Dombek und Moritz Klein geht am Donnerstag ein ESC-Trio an den Start über 1500 Meter. „Das zeigt, dass tolle Arbeit geleistet wird“, sagt Gunda Niemann-Stirnemann.
Unterhaltung kostet mehr als eine Million Euro
Die Voraussetzung dafür kostet. Erfurt investiert mehr als eine Million Euro pro Jahr für das Betreiben der Trainingsstätte. Bundesstützpunkt zu sein ist durch eine Förderung des Bundes nicht unerheblich. „Wenn man etwas erreichen will, muss man groß denken“, sagt Gunda Niemann. „Und wenn wir das hier erhalten wollen, müssen wir erst recht groß denken“, fügt sie an. Sie wünschte sich Ereignisse wie einst Weltcups.
Wenn man etwas erreichen will, muss man groß denken.
Gunda Niemann-Stirnemann, Eisschnellläuferin des Jahrhunderts, Trainerin beim ESC

Als Gastgeber internationaler Wettbewerbe hat Inzell die Nase vorn. Wenige Bundeskader trainieren allerdings dort. Die DESG setzte Claudia Pechstein, die Lebensgefährtin von Matthias Große, als Trainerin nach ihrem Karriereende in Inzell ein, nachdem die Frauen in Berlin zusammengezogen worden waren und die Männer vor allem in Erfurt.
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Junge Sportler wechselten vom bayrischen Stützpunkt aus eigenem Antrieb nach Thüringen. Zwei davon gehören zu den sechs Erfurter Talenten. Sie stellen den überwiegenden Teil des zehnköpfigen Teams bei der nahenden Junioren-WM in Inzell. Fast die Hälfte aller Bundeskader trainiert in Erfurt.
Kampf um Anerkennung trotz bester Bedingungen
„Die Bedingungen sind einmalig“, schwärmt ESC-Nachwuchstrainer Harald Harnisch. Die Schule, der Kraftraum, das Stadion, die Eishallen, die Rollbahn, die Schwimmhalle nebenan. Alles liegt dicht beieinander. Doch es bleibt offenbar ein Kampf. Nur mit Nachdruck gelang es, dass der Junioren-Trainer seine Talente beim Weltcup und der JWM in Inzell auch betreuen kann. Aus Kostengründen sah der Verband eine Vor-Ort-Lösung vor.
Am 26. Februar kündigte DESG-Präsident Große gegenüber dem Sportinformationsdienst (SID) an, man werde sich zu den Vorwürfen, dass der Verband Haushaltspläne zurückgehalten und versprochene Prämien nicht an Vereine und Sportler ausbezahlt habe, äußern.
Fragen nach der Zukunft sind offen. Bis Ende 2026 ist der Status für den Bundesstützpunkt Erfurt gesichert. Mit jedem neuen Olympiazyklus beginnt in der Regel ein neues Anerkennungsverfahren. Sieben besonders starke Argumente laufen gerade in Mailand.




