Zum ersten Mal bekommt die Deutsche Bahn eine Frau an ihrer Spitze – Evelyn Palla soll neue Bahnchefin werden. Sie wird Nachfolgerin von Richard Lutz, der ihr immense Baustellen hinterlässt: An diesem Montag will Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) sein Konzept für die Bahnreform vorstellen und damit auch einen Fahrplan für die Neue an der Spitze.

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Bahn: Was ist das Erfolgsrezept der neuen Chefin?

In den vergangen Wochen waren etliche Namen für den Spitzenjob gehandelt worden. Für Palla spricht vor allem ihre tiefe Kenntnis des eigenen Ladens: Sie ist seit 2019 dabei, erst als Finanzvorständin beim Fernverkehr, seit Juli 2022 als Chefin des Regionalverkehrs. Palla kommt damit aus der Etage unter dem Vorstandschef nach oben - gehört also jetzt schon zu den wichtigsten Entscheiderinnen. In einer Lage, in der der Bahn die Zeit davon läuft und Reformen dringend greifen müssen, braucht es eine Konzernspitze, die es mit der Erneuerung ernst meint. Palla hat diesen unbedingten Willen zur Reform bereits bewiesen.

Die gebürtige Südtirolerin hat beim Regionalverkehr ein Rezept angewendet, das möglicherweise auch für den Gesamtkonzern funktioniert. Palla hat die Verantwortung für das tägliche Geschäft aus der Zentrale an die Regionen überwiesen und damit Erfolg gehabt. Zuletzt hat sie es geschafft, die Sparte aus den roten Zahlen deutlich in die Gewinnzone zu führen. Verzeichnete der Regionalverkehr 2023 noch einen Verlust von 22 Millionen Euro, war es im Jahr darauf schon ein Gewinn von mehr als 100 Millionen Euro.

Mehr noch: Während die Pünktlichkeit im Fernverkehr weiter mies ist, läuft es im Regionalverkehr deutlich besser. So lag bei den ICE- und IC-Zügen die betriebliche Pünktlichkeit laut Bahn im August bei 59,6 Prozent, im Regionalverkehr dagegen kamen 89,2 Prozent der Züge pünktlich ans Ziel.

Die Frau aus Bozen, die am kommenden Mittwoch 52 Jahre alt wird, war vor ihrer Zeit bei der Deutschen Bahn acht Jahre lang bei den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB). Ebenso wie die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) gelten die Österreicher im Vergleich zu Deutschland als Vorzeigenation, wenn es um den Verkehr auf der Schiene geht.  In Österreich kommen aktuell rund 95 Prozent aller Züge im Personenverkehr pünktlich. 

Bahn: Was passiert am Montag?

Um 10 Uhr hat Schnieder in die Bundespressekonferenz geladen, um seine Strategie für die Bahn vorzustellen. Es soll unter anderem darum gehen, wie die Sanierungen in den nächsten Jahren vorangebracht und die katastrophalen Pünktlichkeitswerte im Fernverkehr verbessert werden können - schließlich kommen mittlerweile rund ein Drittel der Fernreisenden zu spät an. Und womöglich ist selbst das noch wohlwollend ausgelegt. Der „Spiegel“ berichtete am vergangenen Freitag darüber, dass die Deutsche Bahn Züge ausfallen lasse, um die Statistik zu verbessern. Auch der Chef der Lokführergewerkschaft GDL, Mario Reiß, bestätigte den Vorgang und sprach von einem „offenen Geheimnis“. Die Bahn dementierte dagegen prompt. Man schöne keine Statistiken, teilte der Konzern mit.

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So oder so: Es bleiben viele Baustellen, die auf die Neue an der Spitze der Bahn zukommen. Und das wortwörtlich. Seit August läuft die Generalsanierung der vielbefahrenen Strecke Hamburg-Berlin, bis 2031 sollten insgesamt mehr als 40 stark genutzte Strecken saniert sein. Ob es dabei bleiben oder der Zeitplan nach hinten gestreckt wird, dürfte sich ebenfalls am Montag klären. Schnieder und Palla - auf dieses Duo kommt es nun an: Nur, wenn beide an einem Strang ziehen, ist die Trendwende bei der Bahn realistisch.

Bahn-Chefin: Was erwarten die Gewerkschaften?

Die Erwartungen jedenfalls sind groß – und nicht immer zuversichtlich. So warnte die Eisenbahn- und Verkehrsgesellschaft (EVG) bereits vor einem „Sparhammer“: „In Deutschland wird das Wort Reform leider oftmals falsch mit Kürzungen übersetzt“, so EVG-Chef Martin Burkert, der auch stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender im Konzern ist.

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Die Allianz Pro Schiene hofft dagegen auf Aufbruchstimmung. „Ich erwarte vom Bundesverkehrsminister eine Zukunftsstrategie für den Bahnverkehr in Deutschland, die aufzeigt, wie es nach der Sanierung des Bestandsnetzes mit der Schieneninfrastruktur in Deutschland weitergeht. Die Strategie muss eine Aufbruchstimmung erzeugen“, sagte Geschäftsführer Dirk Flege dieser Redaktion. „Das geht nur, wenn positive Visionen mit realistischen Zielen und Maßnahmen und klaren Verantwortlichkeiten hinterlegt sind.“

Noch ambitionierter sind die Hoffnungen der IG Metall. Die Verkehrswende müsse zu einer „Job-Offensive in Deutschland und Europa“ führen, sagte der Zweite Vorsitzende der Gewerkschaft, Jürgen Kerner, dieser Redaktion. Dafür müsse aber die Vergabepraxis neu geregelt werden. „Aufträge der öffentlichen Hand und der Deutschen Bahn dürfen nicht allein auf den niedrigsten Einkaufspreis abzielen, wie dies immer noch gängige Praxis ist“, forderte der Gewerkschafter. Stattdessen müssten soziale und ökologische Kriterien stärker berücksichtigt werden. „Dafür brauchen wir auch eine stärkere Gewichtung regionaler Wertschöpfung bei der Auftragsvergabe.“ Zudem müsse die Finanzierung gesichert sein: „Die Bahnstrategie muss eine langfristig verlässliche und auskömmliche Finanzierung des Schienenverkehrs über einzelne Haushaltsjahre hinweg garantieren, um Planungssicherheit für die Industrie zu schaffen.“

Grünen-Chef Felix Banaszak mahnte die Spitzen der Regierungskoalition, das 500 Milliarden große Sondervermögen wesentlich zur Ertüchtigung der Bahn einzusetzen. „Die neue Bahnchefin muss von Lars Klingbeil jetzt die Milliarden bekommen, damit die Bahn mit stabilen Preisen, pünktlicheren Zügen und mehr Verbindungen punkten kann“, sagte Banaszak dieser Redaktion. „Ich erwarte von der Regierung Merz, dass in drei, vier Jahren das Sondervermögen im Alltag der Bevölkerung in allen Regionen zu spüren ist.“