Produkte der Zukunft kommen oft unscheinbar daher. Dieses hat Form und Format eines dicken Füllfederhalters aus mattiertem Edelstahl. Tatsächlich hat das, was Ulrike Sailer gerade hochhält, es in sich: Statt Tinte fließt aus ihm auf Knopfdruck ein Plasma-Strom, der hilft, Wunden, die nicht heilen wollen, zu verschließen – einfach und ohne Nebenwirkungen.

Sailer ist geschäftsführende Gesellschafterin des Unternehmens Neoplas Med aus Greifswald im Nordosten Deutschlands, das den „Füllfederhalter“ entwickelt hat. Plasmajet Kinpen Med, wie er offiziell heißt, ist die Hoffnung für Millionen Menschen. „Bei einer chronischen Wunde schafft der Körper es nicht mehr, die Keime abzutöten und den physiologischen Heilungsvorgang einzuleiten“, erklärt Sailer. „Der Stift übernimmt das. Dann kann sich die Wunde wieder wie von selbst schließen.“

Neoplas Med aus Greifswald - Kaltplasmastift
Ein Plasmajet, der ein bisschen wie ein Füllfederhalter aussieht: Das Greifswalder Medizintechnik-Unternehmen Neoplas Med möchte damit den Gesundheitsmarkt revolutionieren.© Neoplas Med | Neoplas Med

Gesundheit: Keime können nicht gegen Plasma resistent werden

Der Stift nutzt Plasma, neben Eis, Wasser und Gas der vierte sogenannte Aggregatzustand, der entsteht, wenn Gas Energie zugeführt wird. „Technisches Plasma kann mehrere 1000 Grad heiß sein“, sagt Klaus Ruhnau, im Unternehmen zuständig für klinische Forschung und Produktentwicklung. „Wir arbeiten mit kaltem physikalischem Plasma von 37 bis 39 Grad.“ Dafür nötig ist das Edelgas Argon, das ein Gerät liefert, an das der Stift angeschlossen ist. „Das ist im Prinzip eine miniaturisierte Sonne, gezähmt in einem Stift“, erklärt Ruhnau das Konzept.

Das Plasma strömt leicht bläulich aus der Spitze des Stifts. „Für den Patienten fühlt es sich wie ein Lufthauch an, als puste man sich selbst auf die Hand“, sagt Sailer. Der Strahl tötet die Keime. „Der Arzt oder das Fachpersonal sieht schnell, wie sich die Wunde verändert.“ Ein großer Vorteil: „Unsere Anwendung hat keine bekannten Nebenwirkungen“, sagt die Chefin. Und die Keime können dem Plasmastrahl nicht widerstehen – anders als Medikamenten, gegen die sie resistent werden.

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Neoplas Med: 80 Prozent der Unikliniken nutzen den Plasmajet

„40 Millionen Menschen weltweit leiden unter chronischen Wunden. Das birgt auch hohe Kosten für die Gesundheitssysteme“, sagt Sailer. Die Technologie sei gut verträglich und beschleunige die Wundheilung. „Liegezeiten in Krankenhäusern können sich verkürzen, Folgebehandlungen wären nicht nötig. Den Patienten kann es besser gehen.“ Und das Gesundheitssystem spare viel Geld.

„Wir sehen uns als Pioniere und wollen die Medizin der Zukunft mitgestalten“, sagt Sailer. „Es geht uns darum, unsere Jetplasma-Behandlung als internationalen Standard zu etablieren.“ In Deutschland sind die Greifswalder bereits recht erfolgreich. 80 Prozent der Unikliniken in Deutschland nutzen die Geräte, viele setzen bereits zwei ein. Auch Wundzentren und Schwerpunktkliniken arbeiten mit dem Stift.

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In dieser Serie schauen wir auf überraschende Produkte, Innovationen, die Mut machen, und Unternehmen, die künftig Teile unseres Wohlstands sichern wollen.© ZRB | Sophie Hameister

Schlechte Nachrichten aus der deutschen Wirtschaft? Gibt es zuhauf. Doch mit dem neuen Jahr wollen wir in einer sechs Folgen umfassenden Serie auf Firmen und Branchen blicken, die an der Zukunft arbeiten. Auf überraschende Produkte, Innovationen, die Mut machen, und Unternehmen, die künftig Teile unseres Wohlstands sichern wollen. Heute: Kaltplasma von Neoplas Med.

Deutschland kann Innovationen: „Die USA schauen bei Plasma auf Deutschland“

Das Unternehmen beweist auch, dass der Standort D Innovation kann und international wettbewerbsfähig ist. „Die USA schauen bei Plasma auf Deutschland. Die Jet-Präzisionstechnologie kommt nicht aus Boston, sondern aus Greifswald“, sagt Sailer. Das hängt mit dem Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie zusammen, das in der Stadt an der Ostsee sitzt und wo die Grundlagen für den Stift entdeckt wurden. Um ihn zu vermarkten, gründete sich Neoplas Med 2009. Seit 2013 wird er verkauft, seit zwei Jahren hat er die Medizintechnik-Zulassung für die Europäische Union.

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Erhältlich ist das Gerät in mehr als 25 Ländern. Wichtige Märkte sind Deutschland sowie Österreich und die Schweiz. Inzwischen sind die Stifte auch im Nahen Osten im Einsatz, vor allem in Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. In den USA, dem größten und teuersten Gesundheitsmarkt der Welt, startete das Unternehmen 2025. Dort nutzen zunächst Veterinäre die Geräte. Die Zulassung als Medizinprodukt für Menschen steht noch aus.

Auch eine Kamelklinik in Dubai nutzt den Stift

Neoplas Med hat derzeit rund 30 Beschäftigte, wächst stetig. Sailer ist wichtig, dass die meisten Teile des Plasmageräts aus Mecklenburg-Vorpommern stammen. Zusammengebaut wird in der eigenen Fabrik in Greifswald. Das Unternehmen gehört neben Sailer mehreren Investoren, darunter der strategische Partner Niterra aus Japan. Der Weltmarktführer für Zündkerzen erfindet sich gerade neu, unter anderem mit Medizintechnik. Die Japaner haben bisher 25 Millionen Euro in Neoplas Med gesteckt, sehen große Chancen.

Die Greifswalder berichten denn auch von 400 Prozent Umsatzwachstum in den vergangenen fünf Jahren. Und der Stift, in dem die Sonne steckt, kann wohl nicht nur chronische Wunden beim Menschen heilen. Das Gerät auch für Tiermedizin zu verwenden, ist ein neues Geschäftsfeld. Unter anderem nutzt eine Kamelklinik in Dubai die Technologie. Sie funktioniert auch bei Pferden, Hunden und Katzen. Ein Vorteil: Es wird nichts aufgetragen oder aufgeklebt, was die Tiere verlieren oder abreißen könnten.

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Plasmastift könnte auch von Augen- und Zahnärzten genutzt werden

Eine neue Idee ist, den Plasmastrahl auch vorbeugend bei Operationen zu verwenden, was noch genauer untersucht werden muss. Die Universitätsmedizin Köln ermittelte jedenfalls in einer ersten Studie, dass Hochrisikopatienten seltener Probleme mit Wunden hatten. Mögliche weitere Einsatzbereiche sieht Neoplas Med in der Augen- und Dentalheilkunde. „Auch Krebs könnte künftig mit Plasma behandelt werden“, sagt Ruhnau. „Das steckt noch in den Anfängen. Hier startet gerade die klinische Forschung.“ Sailer ergänzt: „Wie bei Sprunginnovationen üblich, entdecken wir gerade erst, wie vielfältig sich das Kaltplasma anwenden lässt.“