US-Präsident Donald Trump beschuldigt die Staatschefs Venezuelas und Kolumbiens, direkt am Drogenhandel in die Vereinigten Staaten beteiligt zu sein. Wie mächtig sind die größten lateinamerikanischen Rauschgift-Kartelle? Und wie sehr haben sie die Staaten infiltriert? Ein Überblick.
Venezuela: „Cartel de los Soles“ und „Tren de Aragua“
Die Anklage ist massiv und umfangreich. Auf 25 Seiten wirft die US-Staatsanwaltschaft in New York dem venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro, seiner Ehefrau sowie mehreren hochrangigen Regierungsmitgliedern „Drogenterrorismus“ vor. Sie sollen über Jahrzehnte ein staatlich gestütztes Narco-Terrorismus-Netzwerk betrieben haben. Ziel sei es gewesen, in großen Mengen Kokain in die USA zu schmuggeln, politische Macht zu sichern und sich persönlich zu bereichern. US-Präsident Donald Trump warf Maduro immer wieder vor, er leite den Drogenhandel für das „Kartell der Sonnen“ („Cartel de los Soles“). Stichhaltige Belege hierfür wurden allerdings nie vorgelegt.
Der Begriff „Kartell der Sonnen“ wird verwendet, um Gruppen innerhalb der venezolanischen Sicherheitskräfte zu beschreiben, die angeblich mit Kokain handeln. Der Name ist den Sonnen auf den Schulterklappen venezolanischer Generäle entlehnt. Nach Ansicht von Experten ist das „Kartell der Sonnen“ kein klassisches Kartell mit klar definierten hierarchischen Pyramidenstrukturen. Vielmehr handele es sich um ein informelles Netzwerk.
Mehr zum US-Angriff auf Venezuela
In der neuesten Anklageschrift, die vom US-Justizministerium formuliert wurde, wird das „Kartell der Sonnen“ nicht mehr als eigentliche Organisation bezeichnet. Stattdessen ist von einem „Patronage-System“ und einer „Kultur der Korruption“ die Rede, die durch Drogengeld geschmiert werde. Maduro sei allerdings in dieses Netzwerk verwickelt gewesen, heißt es weiter. Beim Drogenschmuggel in Venezuela handelt es sich vor allem um Kokain, das aus dem Nachbarland Kolumbien stammt. Die Streitkräfte spielen dabei eine Schlüsselrolle. Die Armee „begleitet und schützt“ die Drogenlieferungen nach Venezuela hinein und wieder hinaus, sagt Jeremy McDermott von der Denkfabrik InSight Crime. Für die Eskort-Dienste werde kräftig abkassiert.
Beweise, dass Maduro persönlich von dem Drogengeschäft profitierte, wurden bislang nicht präsentiert. Man kann aber davon ausgehen, dass er davon wusste und dies gezielt eingesetzt hat. Militär und Geheimdienste waren die wichtigsten Stützen seines Herrschaftssystems, das unter seiner geschäftsführenden Nachfolgerin Delcy Rodríguez weiterhin intakt ist. Nach Ansicht des Drogenexperten McDermott hat Maduro aus Gründen der Machterhaltung ein Netzwerk der Komplizenschaft im Drogenhandel geschaffen – in der Erwartung, dass „diese Personen am meisten zu verlieren haben, wenn sein Regime stürzt, und deshalb darum kämpfen werden, es zu erhalten“. Vieles spricht dafür, dass das venezolanische Drogenkartell „Tren de Aragua“ aus den gleichen Gründen durch die Armee gedeckt war.

Kolumbien: „Clan del Golfo“
Auch gegenüber Kolumbien erhebt Trump massive Vorwürfe. Er bezichtigte den linksgerichteten Präsidenten Gustavo Petro des Kokainhandels in die USA – einer Aktivität, der Petro „nicht mehr lange“ nachgehen werde. Tatsache ist: Kolumbien ist der größte Kokainproduzent der Welt. Der „Clan del Golfo“ ist das mächtigste Drogenkartell Kolumbiens und der größte Kokainhersteller auf dem Globus. Ein großer Teil des kolumbianischen Kokains wird nach Venezuela geschmuggelt und von dort nach Europa verschifft.

Präsident Petro, ein ehemaliges Mitglied der Guerilla-Gruppe „Movimiento 19 de Abril“, hat im Sommer Gespräche mit dem „Clan del Golfo“ aufgenommen. Zuvor hatte die Regierung einen Antrag ins Parlament eingebracht, wonach Mitglieder krimineller Banden im Gegenzug für ihre freiwillige Selbstentwaffnung von Straferlassen profitieren und nicht in die USA ausgeliefert werden sollen. Bislang verliefen die Verhandlungen erfolglos. Auch wenn Kolumbien nicht mit dem diktatorischen Maduro-Regime verglichen werden kann: Im Nachbarland Venezuelas floriert ebenfalls ein System der Bestechung, in dem sich die Drogenmafia für ihre Handelsrouten den Schutz des Militärs erkauft und an Politiker für Gefälligkeiten zahlt. Für eine direkte Verwicklung Petros gibt es keine Hinweise.
Auch interessant
Mexiko: Sinaloa-Kartell und Jalisco-Kartell
Mexiko steht ebenfalls auf Trumps Liste. Präsidentin Claudia Sheinbaum von der linken Morena-Partei habe Angst vor der Drogenmafia und sei nicht in der Lage, entschieden gegen diese vorzugehen, so Trump. „Mit Mexiko wird etwas geschehen müssen“, kündigte er an. Tatsächlich operieren in Mexiko mächtige Drogensyndikate wie das Sinaloa-Kartell oder das Jalisco-Kartell. Florian Huber, Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Mexiko, schätzt die jährlichen Einnahmen der mexikanischen Kartelle aus dem Drogenhandel auf bis zu 58 Milliarden Dollar. Das ist deutlich mehr als in Venezuela, wo nach Angaben der Anti-Korruptions-Organisation Transparencia Venezuela rund 8,2 Milliarden Dollar in schwarze Kassen fließen.
Mexiko ist beim Drogenschmuggel für Amerika viel gefährlicher als Venezuela. Im US-Nachbarland wird Kokain weiterverarbeitet und vor allem die Horrordroge Fentanyl hergestellt. Sie wirkt 50-mal stärker als Heroin. Viele der chemischen Grundprodukte kommen aus China. Nach Angaben der US-Behörde für Gesundheitskontrolle und Prävention (CDC) starben 2024 fast 50.000 Menschen an einer Überdosis von Fentanyl. Die Drogenkartelle sind oft besser mit hochmodernen Waffen ausgestattet als die Armee – und zwar dank der Vereinigten Staaten. Nach Berechnungen der amerikanischen Behörde National Firearms Commerce and Trafficking Assessment (NFCTA) wechseln pro Jahr rund 200.000 Feuerwaffen von Norden nach Süden.
Auch interessant
Die mexikanische Drogenmafia hat ein krakenartiges System aufgebaut, das große Teile der Gesellschaft durchdringt und sich Einfluss auf allen politischen Ebenen erkauft. Vor allem in landwirtschaftlichen Bundesstaaten wie Michoacán ist die Armut groß. Den milliardenschweren Rauschgift-Multis fällt es leicht, sich mit Bestechungsgeldern oder dem Bau von Schulen, Krankenhäusern oder Wasserleitungen den Rückhalt in der Bevölkerung zu sichern. „Die Kartelle sind weitläufige Netzwerke. Sie haben Überwachungspersonen, Killer, Schmuggler, Unternehmer und Buchhalter sowie Polizisten, Soldaten und Politiker auf ihrer Gehaltsliste“, sagt der in Mexico-Stadt lebende Journalist Ioan Grillo, Direktor des Online-Portals CrashOut Media. Laut dem US-Magazin „Science“ sind die Drogenkartelle mit bis zu 185.000 „Mitarbeitern“ einer der größten Arbeitgeber des Landes.
Es gebe zwar „keine eindeutigen Beweise“, dass Präsidentin Sheinbaum einer Allianz zwischen staatlichen Behörden und der mexikanischen Drogenmafia zugestimmt habe, schreibt der Lateinamerika-Spezialist Will Freeman von der New Yorker Denkfabrik Council on Foreign Relations. „Doch diese tiefgreifenden Verbindungen auf lokaler Ebene werfen die Frage auf: Wie kann es sein, dass die mexikanische Präsidentin nichts davon weiß? Wie kann es sein, dass ein Präsident nach dem anderen nichts davon wusste?“








