Immer mehr Babyboomer gehen in Rente – und hinterlassen eine Lücke an ihrem Arbeitsplatz. Die könnten Fachkräfte aus dem Ausland schließen. Doch nicht überall, denn das Ost-West-Gefälle ist enorm. Zugewanderte Fachkräfte wollen nicht in den ostdeutschen Flächenländern leben und arbeiten; sie bevorzugen Stadtstaaten und Westdeutschland. Zu diesem Schluss kommt das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) aus Köln in einer Studie, deren Kurzbericht dieser Redaktion vorab vorliegt.
Handwerker, Pflegekräfte, Richter: Nicht zuletzt wegen des demografischen Wandels werden Fachkräfte in Deutschland händeringend gesucht. Schon heute fehlen schätzungsweise bis zu 500.000 Fachkräfte. Setzen sich die Trends der vergangenen Jahre fort, kann diese Zahl bis 2028 auf rund 770.000 anwachsen. Abhilfe könnten hier Zuwanderer schaffen. Denn das IW rechnet vor: Würde keine Zuwanderung nach Deutschland erfolgen, würde der Anteil der Personen im erwerbsfähigen Alter (25 bis 64 Jahre) an der Gesamtbevölkerung bis zum Jahr 2034 auf nur noch knapp 50 Prozent zurückgehen.
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Einwanderungsland Deutschland: Jeder Vierte aus Ausland zugezogen
Dabei ist Deutschland schon längst ein Einwanderungsland: Jeder Vierte im erwerbsfähigen Alter ist laut IW aus dem Ausland zugezogen. Für die Wirtschaft sind insbesondere gut ausgebildete Fachkräfte interessant. Nimmt man vor diesem Hintergrund nur Zuwanderer im erwerbsfähigen Alter in den Blick, die über einen Ausbildungs- oder Studienabschluss verfügen, kommt man auf eine Gesamtzahl von 6,25 Millionen. Dies entspricht laut IW knapp 18 Prozent aller Personen mit Ausbildungs- oder Studienabschluss und 14 Prozent der Gesamtbevölkerung in diesem Alter.
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Doch die regionalen Unterschiede sind enorm. Unter den Fachkräften in Berlin, Bremen und Hamburg ist rund jede vierte Person nicht in Deutschland geboren, in Hessen und Baden-Württemberg mehr als jede fünfte. In den ostdeutschen Ländern liegt der Anteil der Zuwanderer an den Fachkräften hingegen unter neun Prozent. Gleichzeitig liegt die sehr rechte AfD in den fünf ostdeutschen Bundesländern bei Umfragen zwischen 34 und 39 Prozent.
„Gesichert rechtsextrem“: Die AfD in Ostdeutschland
Bundesweit wird die AfD unterschiedlich bewertet. In Niedersachsen, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen werden die Landesverbände als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft. Andere Landesverbände werden weiterhin als Verdachtsfall beobachtet. Auch auf Bundesebene hatte der Verfassungsschutz die Gesamtpartei als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft, diese Bewertung nach einer Klage jedoch vorläufig ausgesetzt.
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„Ostdeutschland steht angesichts des demografischen Wandels vor besonderen Herausforderungen, um den Fachkräftemangel zu bewältigen“, sagte die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser, dieser Redaktion. „Für eine positive Entwicklung in Ostdeutschland sind wir auch auf Zuzug und Zuwanderung angewiesen.“ Deshalb brauche es eine Kultur der Offenheit vor Ort. Doch die Ostbeauftragte warnte: „Hier stellt das Handeln von populistischen Parteien, die die Skepsis gegenüber dem Zusammenleben mit Zugewanderten schüren, eine Gefahr dar.“ Kaiser verwies auf Umfragen, wonach zwar viele Menschen mit der Umsetzung von Demokratie derzeit unzufrieden seien, sie jedoch nach wie vor für die beste Staatsform hielten. „Darauf lässt sich aufbauen.“
Handwerkspräsident: Sind auf Zuwanderer angewiesen
Ohne zugewanderte Fachkräfte würde sich auch die ohnehin schon äußerst angespannte Situation im Handwerk verschärfen. Rund 200.000 Stellen sind hier derzeit unbesetzt. „Es wird nur mit qualifizierter Zuwanderung gelingen, die Fachkräftebasis nachhaltig zu sichern“, sagte Jörg Dittrich, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), dieser Redaktion. Knapp ein Sechstel aller Auszubildenden im Handwerk hätten eine ausländische Staatsangehörigkeit. Deshalb müssten die Politik, aber auch die Menschen vor Ort ihr Bestes geben, um ausländische Fachkräfte zu gewinnen und zu halten. „Entscheidend sind gelebte Weltoffenheit und ein Umfeld, das Integration ermöglicht und fördert. Wer zu uns kommt, um zu arbeiten und mit anzupacken, muss sich willkommen fühlen, im Betrieb ebenso wie in der Gesellschaft“, sagte Dittrich, selbst Dachdeckermeister in Dresden.

Studienautor Wido Geis-Thöne verweist zudem auf strukturelle Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. So sei die Wirtschaft in Ostdeutschland nach der Wende stark eingebrochen. Zudem seien große Unternehmen, die für zugewanderte Fachkräfte als Arbeitgeber attraktiv seien, in Ostdeutschland seltener ansässig. Erst seit einigen Jahren gäbe es im Osten vor dem Hintergrund des demografischen Wandels Fachkräfteengpässe – und damit überhaupt einen Bedarf an Arbeitskräften aus dem Ausland. „Große Teile des Unterschieds zum Westen gehen also auf eine Zeit zurück, als es die AfD noch gar nicht gab, sehr wohl aber bereits rechtes Gedankengut und rechte Parteien, und das wirkt natürlich der Willkommenskultur entgegen und macht den Osten für Zuwanderer weniger attraktiv“, so der IW-Experte.
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Zugewanderte Fachkräfte würden sich jedoch umso wohler fühlen, je attraktiver das Lebens- und Arbeitsumfeld sei, schlussfolgert er. Und mahnt an: „Dies ist wiederum auch zu bedeutenden Teilen eine Frage der Willkommenskultur und Weltoffenheit der Bevölkerung. Diese ist gerade dort besonders wichtig, wo bisher noch wenige Fachkräfte aus dem Ausland leben.“









