Der 23. Januar 1992 ist für die Thüringer CDU und auch für Christine Lieberknecht, die damalige Kultusministerin im Kabinett von Josef Duchac, ein einschneidender Tag. Denn Lieberknecht und die beiden CDU-Minister Jochen Lengemann und Klaus Zeh ziehen die Reißleine und treten aus dem Kabinett Duchac aus. Sie zwingen mit diesem spektakulären Schritt den Ministerpräsidenten zum Rücktritt. „Eine Politikerin, die weiß, was sie will“, kommentierte die TLZ.

Duchac mit Lieberknecht 1992
Josef Duchac und Christine Lieberknecht kurz bevor der Ministerpräsident abtreten musste.© Sascha Fromm | Sascha Fromm

„Ich hatte nie vor, in die Politik zu gehen“, erzählt sie später. Ihr politisches Engagement begann für die junge Pastorin 1989 nach den gefälschten Kommunalwahlen in der DDR. Der damalige Chefredakteur der Kirchenzeitung „Glaube + Heimat“ und spätere Landtagspräsident Gottfried Müller sprach sie an und überzeugte sie zur Mitwirkung an dem „Brief aus Weimar“, mit dem im Herbst 1989 dringende Reformen in der DDR angemahnt wurden. „Und mit Veröffentlichung dieses Briefes stand ich auf einmal auch in der Öffentlichkeit.“ Ziel der vier Unterzeichner war es, die DDR zu demokratisieren und der Blockpartei CDU eine gewisse Unabhängigkeit als einer eigenständigen Partei zu ermöglichen.

CDU-Parteitag in Dresden 1991
Helmut Kohl, Christine Lieberknecht und Angela Merkel beim CDU‑Parteitag im Dezember 1991 im Kulturpalast in Dresden. Mit Lieberknecht und Merkel habe die Erneuerung der CDU begonnen, sagte später Volker Rühe.© picture-alliance / dpa | Michael_Jung

Damit war Lieberknecht mitten in der Politik anbelangt. Martin Debes, jetzt Reporter beim Magazin Stern, lange Jahre landespolitischer Redakteur der Thüringer Allgemeinen, hat in einem Buch über Lieberknecht geschrieben, sie sei von einer Mitläuferin zur Ministerpräsidentin geworden. Lieberknecht selbst rückt das später zurecht: Sie habe sich immer um Kompromisse bemüht, wenn sie sich in die gesellschaftlichen Diskussionen eingemischt habe.

Zu den Kompromissen, die sie in der DDR machte, gehörte ihre FDJ-Mitgliedschaft. Aber bereits in ihrer Schulzeit habe sie nicht zu allem Ja gesagt, erzählt sie in einem Gespräch mit der TLZ in ihrem Haus in Ramsla. Und dann holte sie ein altes Schulheft hervor aus der Klasse 11a. Sie schrieb darin, dass die Arbeiterklasse die Weltanschauung des Marxismus-Leninismus gewählt habe, und fügte hinzu: „Standpunkt der AK – nicht mein eigener.“

Ausriss aus einem Brief von Uwe Ehrich vor dem 1. Landesparteitag der CDU Thüringen wegen der gegen ihn erhobenen Stasivorwürfe.
Ausriss aus einem Brief von Uwe Ehrich vor dem 1. Landesparteitag der CDU Thüringen wegen der gegen ihn erhobenen Stasivorwürfe. © TLZ | Peter Michaelis

Lieberknecht hat in der unmittelbaren Nachwendezeit für die Thüringer CDU eine tragende Rolle gespielt. Sie ist es, die die Partei nach dem Rücktritt des ersten Vorsitzenden Uwe Ehrich (1944–2018) in die West-CDU überführte. So wurde auch Helmut Kohl auf die junge, dynamische Frau aus Thüringen aufmerksam.

1991 rückte sie ins Präsidium der CDU auf. „Mädchen, mach den Mund auf“, ermunterte Helmut Kohl (1930–2017) sie vor ihrer Bewerbungsrede auf dem Dresdener Parteitag am 16. Dezember 1991. Aber nicht nur sie war damit gemeint, erzählte sie später immer mal wieder. Sondern auch Angela Merkel. Beide waren beim Kanzler und CDU-Vorsitzenden unmittelbar vor den anstehenden Wahlen auf dem Parteitag. Kohl wollte ihnen mit dem lockeren Spruch Mut machen, sie sollten unbefangen erzählen, wo sie herkommen und was sie denken. Merkel und Lieberknecht sollten die frischen, weiblichen, ostdeutschen Gesichter der CDU sein. Volker Rühe, damals Generalsekretär, bilanzierte nach der Wahl zufrieden: Mit Lieberknecht und Merkel habe die Erneuerung der CDU begonnen.

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