Es ist 6.05 Uhr am Dienstagmorgen, als Beamte die Zellentür in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bremerförde öffnen. Sie stoßen auf den leblosen Körper des mutmaßlichen Todesschützen von Stade. „Tod durch Strangulation“, heißt es von den niedersächsischen Behörden, sie gehen von Suizid aus.

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Dabei wollte sich der in Deutschland geborene Türke sein Leben schon viel früher beenden, wie der „Spiegel“ berichtet. Ende Juni hatte er mit einer Pistole in einer Jugendeinrichtung im niedersächsischen Stade vier Frauen und zwei Männer getötet. Für den eigenen Todesschuss habe er dann keine Munition mehr gehabt, soll er dem Magazin zufolge selbst gesagt haben. Stattdessen entschied sich der 45-Jährige für die Flucht, wurde auf einer Landstraße von der Polizei überwältigt und festgenommen. Seit dem 30. Juni saß er in Untersuchungshaft. Doch wie konnte es passieren, dass er sich dort nun das Leben nahm?
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Noch am Tag der Inhaftierung habe standardgemäß ein sogenanntes Zugangsgespräch stattgefunden. Dabei soll mithilfe eines Formulars unter anderem herausgefunden werden, ob der Gefangene sich möglicherweise selbst verletzen könnte. Eine solche Gefahr habe in diesem Fall vorgelegen, sagte der Sprecher des Justizministeriums. „Der Gefangene musste rund um die Uhr ohne Unterbrechung im Blick behalten werden.“
Die besondere Beobachtung wurde dann nach Einschätzung einer Psychologin schrittweise gelockert und schließlich – am Tag vor seinem Tod – ganz aufgehoben. Er habe keine Suizidabsichten geäußert, stattdessen sogar zur Tataufklärung beitragen wollen, berichtet der NDR. Den Recherchen zufolge soll er bereits Ideen für die Zeit nach der Haft geäußert haben, wollte studieren oder ein Buch schreiben.
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„Negative Wahrnehmungen hinsichtlich einer Gesundheitsgefahr beziehungsweise einer Gefahr der Selbstverletzung oder gar der Selbsttötung sind keine dokumentiert“, heißt es in einem Protokoll der JVA. Nach ersten Erkenntnissen lägen demnach keine Hinweise auf Fehler der JVA vor. Die internen Untersuchungen seien jedoch noch nicht abgeschlossen.
Debatte in Niedersachsen: „Serie schwerwiegender Pannen“
In der niedersächsischen Landespolitik sorgt der Fall bereits für scharfe Kritik an Justizministerin Kathrin Wahlmann (SPD): Sollten Berichte zutreffend sein, wonach der Mann bereits nach seiner Festnahme Suizidabsichten geäußert haben soll, sei nicht erklärbar, wie es dazu kommen konnte, erklärte die parlamentarische Geschäftsführerin der CDU-Landtagsfraktion, Carina Hermann.
Die CDU-Politikerin forderte den niedersächsischen Ministerpräsidenten Olaf Lies (SPD) auf, zu handeln. Es gebe eine „Häufung von Pannen und nicht erklärbaren Vorgängen“ im Justizressort. Lies dürfe dem „Kontrollverlust“ dort nicht länger zusehen, erklärte Hermann. „Wenn er jetzt nicht eingreift und für klare Führung sorgt, werden aus den Problemen seiner Justizministerin endgültig seine eigenen.“

Hermann erklärte, mit dem Suizid des Tatverdächtigen werde den Angehörigen der Getöteten die Chance genommen, die vollständige strafgerichtliche Aufarbeitung der Tat zu erleben. Tatsächlich werden die Ermittlungen gegen den 45-Jährigen wegen Mordes eingestellt – ein Verfahren gegen Tote ist in Deutschland nicht möglich. Dennoch versuchen die Beamten, die Abläufe und Hintergründe der Tat zu klären, heißt es von der Staatsanwaltschaft. Gegen die Partnerin des mutmaßlichen Schützen und die Fahrerin des Fluchtwagens wird demnach weiter ermittelt.
Dass sich Menschen, insbesondere mit langen Haftstrafen, im Gefängnis umbringen, scheint dabei keine Seltenheit: „Aus der klinischen Psychiatrie wissen wir: Wenn sich jemand wirklich suizidieren will, dann ist es unglaublich schwierig, das dauerhaft zu verhindern“, sagte Stefan Orlob dem „Spiegel“. Dem forensischen Psychiater zufolge ist die Selbstmordrate in deutschen Gefängnissen fünfmal höher als außerhalb.
Anmerkung der Redaktion
Aufgrund der hohen Nachahmerquote berichten wir in der Regel nicht über (mögliche) Suizide oder Suizidversuche, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Wenn Sie selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Suizidgedanken leiden oder Sie jemanden kennen, der daran leidet, können Sie sich bei der Telefonseelsorge helfen lassen.
Sie erreichen sie telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.
mit afp/dpa











