Zusammenfassung

  • Walter Zipf, Jahrgang 1935, berichtet von seiner Kindheit während der sowjetischen Besatzung in Thüringen und den damit verbundenen Ängsten.
  • Die sowjetische Armee errichtete eine Kommandantur in Wutha, führte Razzien durch und verhaftete Männer ohne triftigen Grund, was zu Zwangsarbeit in Lagern führte.
  • Ein Einbruch durch russische Soldaten in Zipfs Wohnung im Herbst 1945 endete mit Gewalt und Diebstahl, wobei die Familie bedroht und ihrer Besitztümer beraubt wurde.

Walter Zipf ist Jahrgang 1935 – und der TLZ seit ihrer Gründung im Herbst 1945 dauerhaft verbunden. Schon seine Eltern hatten damals ein Abonnement. Sein Vater war mit Curt-Christian Elster befreundet, einem der Mitbegründer dieser Zeitung. Hier berichtet Walter Zipf von einem Ereignis aus jener Zeit, das noch lange seine Kindheit mit Angstgefühlen begleitete.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Es war etwa Ende Juni, Anfang Juli 1945. Wir hatten zwischenzeitlich die Notunterkunft in Ruhla verlassen und wohnten in Wutha am Weinberg 34. Das Haus stand alleine. Ich empfand die Gegend interessant durch die nahe Hörsel und den Erbstrom sowie das große Terrain des kleinen Hörselberges. Wir Kinder hatten viel Zeit und ich war auf der Suche nach neuen Spielgefährten.

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Sowjetsoldaten waren mit kleinen Panjewagen unterwegs

In dieser Zeit erfolgte der restlose Abzug der amerikanischen Truppenteile und die Besetzung ganz Thüringens durch die sowjetische Armee. In Wutha wurde eine russische Kommandantur errichtet. Es gab daher lebhafte Truppenbewegungen auf allen Straßen. Für uns Kinder war der Unterschied zwischen den Amerikanern und den russischen Soldaten ersichtlich: Bei Letzteren gab es geringe Motorisierung und Technik; sie waren mit Pferden und kleinen Panjewagen unterwegs. Große Truppenteile kamen im Fußmarsch.

Es war in den ersten Wochen streng untersagt, dass gegenseitiger Kontakt aufgebaut wurde. Nur Offiziere und höhere Dienstgrade hatten Anspracherecht. Bald waren sie etabliert und im jeden Ort ansässig, mit einem großen Truppenteil auf dem nahen Truppenübungsplatz „Kindel“. Es gab wenige Nahrungsmittel für die einheimische Bevölkerung – und nun mussten auch noch die Truppenteile versorgt werden. Wir wurden Augenzeugen, wie aus den Ställen Rinder, Kälber und Schweine geholt, erschossen und zur Versorgung der sowjetischen Soldaten abtransportiert wurden.

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Soldaten inspizieren Häuser und verhaften Männer

In dieser Zeit begannen auch die regelmäßigen „Razzien“: Dabei gingen kleinere Kommandos zwischen vier und zehn Soldaten durch alle Häuser, inspizierten alle Räume, suchten nach männlichen Bewohnern, wovon häufig einzelne – ohne triftigen Grund – verhaftet wurden und teilweise Arbeiten in sowjetischen Lagern verrichten mussten. Es gab aber auch Fälle, dass Männer, die als Kriegsgefangene schon von den Amerikanern ordentliche Entlassungspapiere erhalten hatten, in Haft genommen wurden. Bei manchen führte der Weg bis nach Workuta oder in andere sibirische Zwangslager. Ein Großcousin wurde als 17-Jähriger unter ähnlichen Bedingungen verhaftet und verbrachte sieben Jahre in Sibirien.

Mehrfach wurde unsere Wohnung durchsucht. Wahrscheinlich wurde dabei eine Einbruchsmöglichkeit ausspioniert. Und so geschah es in einer Herbstnacht 1945: Meine Eltern und ich schliefen in einem Zimmer, als plötzlich ein lauter Knall und splitterndes Holz uns aufschreckten.

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Die Einbrecher machten von ihren Schusswaffen Gebrauch

Wir sprangen alle aus den Betten und rannten durch das Wohnzimmer in Richtung Hausflurtüre. Dort erblickten wir durch eine eingeschlagene Holzplatte drei Soldatengesichter. Für mich ist dieser Eindruck unvergesslich. Mein Vater ging energisch auf die Soldaten zu und wollte sie zurückdrängen. Er forderte uns auf, im Schlafzimmer, das zu ebener Erde lag, aus dem Fenster zu springen. Da erfolgte der erste Pistolenschuss in die Zimmerdecke des Wohnzimmers. Und als meine Mutter das Fenster öffnete, wurde mehrfach von draußen durch das offene Fenster geschossen.

In meiner Angst verkroch ich mich im Bett und zog die Decke über mich. Als sich die Situation beruhigt hatte, schaute ich über die Decke: Es standen vier russische Soldaten im Schlafzimmer. Sie forderten uns auf, unbeweglich nebeneinander auf die Bettkante zu setzen und richteten die Pistolen auf uns. Weil unser damaliger kleiner Foxterrier schussfest war und jeweils dann, wenn es knallte, aggressiv und laut wurde, wollten sie ihn erschießen. Doch der Hund war unter den Betten… Später zählten wir rund um unser Doppelbett 21 Pistoleneinschüsse.

Uns blieb nur die Kleidung, die wir am Leibe trugen

Die Soldaten hatten zwischenzeitlich einen Bettbezug von der Bettdecke abgezogen. Einer hielt diesen geöffnet, zwei weitere griffen, in die Schränke, entnahmen alles und verstauten zum Abtransport. Dann führten sie meinen Vater mit vorgehaltener Pistole durch die weiteren Räume der Wohnung auf der Suche nach Wertgegenständen und Geld. Sie zertrennten Strom und Telefonleitung und drohten uns: Wir sollten die nächsten zwei Stunden das Haus nicht verlassen, sonst würden sie schießen. Als sie nach zwei Stunden das Haus verließen, besaßen wir an Kleidung nur noch das, was wir am Leibe hatten.

Der Vorfall wurde von einem deutschen Hilfspolizisten und zwei sowjetischen Offizieren ergebnislos aufgenommen und es wurde uns eindringlich mitgeteilt, dass wir im Gespräch nicht erwähnen durften, dass die Einbrecher russische Armeeangehörige waren. Sagen durften wir nur, dass es „Männer in russischen Uniformen“ gewesen seien.

Ich hatte während der Besatzungszeit noch mehrere Begegnungen mit russischen Armeeangehörigen, aber nicht mit solch großer Gewalt verbunden. Als Kind konnte ich diese Brutalität nicht verstehen. Bei späterer Betrachtung habe ich es aber auch aus anderem Blickwinkel gesehen: Diese Soldaten waren vorwiegend zu Fuß von Stalingrad bis nach Thüringen gekommen und hatten sicher auf diesem Wege solche Erlebnisse bei ihrem eigenen Volk wahrnehmen müssen, verursacht durch deutsches Militär.

  • Anlässlich von 80 Jahre TLZ blicken wir mit Ihnen zurück – auf die Zeit der Gründung, die DDR-Jahre, die friedliche Revolution, die Veränderungen seit 1989/90 bis in die Gegenwart: Schicken Sie, liebe Leserinnen und Leser, uns bitte Ihre Erinnerungen an prägende Ereignisse – und vermerken Sie bitte, was Sie mit der TLZ verbindet: g.sommer@tlz.de

Infos zu TLZ-Mitgründer Curt-Christian Elster

Die Thüringische Landeszeitung (TLZ) erschien erstmals regulär am 24. September 1945. Und zwar als „demokratische Zeitung für Thüringen“, die den Liberaldemokraten eng verbunden war.

Zu den Mitbegründern gehörte Curt Christian Elster (1902 bis 1974). Er stammte aus Berlin, hatte in Jena studiert und leistete seit 1937 seinen Wehrdienst ab, wurde aber 1940 durch eine Wehrunwürdigkeitserklärung aus rassischen Gründen aus der Wehrmacht entfernt. Elster musste fortan als Privatgelehrter seinen Lebensunterhalt verdienen.

Er lebte in Eisenach, was den Kontakt zur Familie Zipf erklärt. Gleich nach dem Krieg begann Elster, sich in der Demokratischen Partei zu engagieren, die im Dezember 1945 in der Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands (LDPD) der sowjetischen Besatzungszone aufging.

Am 1. März 1946 wurde Elster zum hauptamtlichen Landesorganisationsleiters in der LDP-Landesgeschäftsstelle in Weimar. Anfang 1947 wurde er zum Generalsekretär des LDP-Landesverbandes gewählt. Seine Partei nominiert ihn als Delegierten zum 2. Deutschen Volkskongress, wo er im März 1948 als Abgeordneter in den 1. Deutschen Volksrat gewählt wurde. Die Lage führender LDP-Leute und TLZ-Gründer wurde immer bedrohlicher: Alphons Gaertner floh am 19. Juli 1948 in die Westzone; am 23. Juli 1948 wurde Hermann Becker von den sowjetischen Behörden verhaftet. Elster trat als Generalsekretär Ende 1948 zurück, behielt zunächst sein Landtagsmandat und floh, um einer Verhaftung zuvorzukommen, wohl im April 1949 in den Westsektor Berlins. Er ließ sich in Herford nieder. red