Wilfried Goosmann, ehemaliger Geschäftsführer der Zeitungsgruppe Thüringen (heute Funke Medien Thüringen, 2015 noch Mediengruppe Thüringen) hat anlässlich 70 Jahre TLZ im Jahr 2015 mit Dieter Lücke über den Umbau der Zeitungslandschaft Anfang der 90er Jahre gesprochen. Das Interview erschien am 24. September 2015, nur wenige Woche später verstarb Wilfried Goosmann im Alter von 72 Jahren.

Wie kam eigentlich die TLZ damals zur Zeitungsgruppe?

In der Wendezeit Ende 1989/Anfang 1990 waren die seinerzeitigen Geschäftsführer der Zeitungsgruppe WAZ, Günther Grotkamp und Erich Schumann, selbst unterwegs, um nach Möglichkeiten in den Zeitungen, Verlagen und teilweise schon neu gegründeten Gesellschaften zu suchen, nach dem Muster der Zeitungsgruppe WAZ in Nordrhein-Westfalen eine solche Zeitungsgruppe in Thüringen aufzubauen. Das war die Intention.

Und welche Rolle hatten Sie?

Ich war Vertriebsleiter Verkauf bei der WAZ. Immer dann, wenn es was Konkretes gab, wurde ich gebeten, in Thüringen Termine wahrzunehmen. Und so wurde ich gebeten, mit Werner Felgentrebe, dem TLZ-Verlagsleiter, Gespräche zu führen.

Sie kamen aber nicht mit leeren Händen nach Weimar?

Es gab auch erste Absprachen darüber, dass wir ein kleines Redaktionssystem nach Weimar mitbringen, was nicht auf der Comecon-Liste stand. Da haben uns die verantwortlichen Technikleute in Essen den Kofferraum vollgepackt mit Atari-Geräten, uns damit ein kleines Redaktionssystem gebastelt. Und an der Grenze sollte ich dann notfalls sagen, dass das keine Fernseher sind. Ich wurde auch richtig gecheckt an der Grenze. Das ging an der Grenze so eine Stunde hin und her und dann bekamen wir das Okay und konnten fahren.

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Wie verliefen die Gespräche?

Werner Felgentrebe erkannte sofort, dass die TLZ ohne ein solches Konstrukt Zeitungsgruppe Thüringen Redaktionen getrennt, Anzeigen und Vertrieb gemeinsam nicht würde überleben können. Deshalb hatte er großes Interesse am Aufbau einer Zeitungsgruppe.

Zu einer Zeitungsgruppe gehören aber immer mehrere Partner.

Mit der TLZ waren wir dann sehr schnell einig. Aber er sagte uns auch, er könne uns nicht in Richtung OTN (Ostthüringer Nachrichten) in Gera helfen, auch nicht in Richtung Thüringer Allgemeine in Erfurt, denn die Verbindungen zwischen der TLZ und den beiden SED-Verlagen war alles andere als eng. Um es deutlich zu sagen: man mochte sich nicht.

Es war also noch gar nicht klar, ob die Ostthüringer oder die Erfurter TA zu einer Zeitungsgruppe Thüringen kommen würden?

Richtig. Das war damals überhaupt nicht einfach, weil ganz viele westdeutsche Verleger im Osten unterwegs waren und sich bemühten, mit den Mitarbeitergesellschaften in Kontakt und dann zum Zuge zu kommen. In Gera bestanden etwa Kontakte nach Nürnberg, und bei der TA in Erfurt gab es schon Kontakte zur FAZ (Frankfurter Allgemeinen) in Erfurt fuhren damals schon fünf weiße Golf mit dem Kennzeichen F - AZ rum. Ich konnte dann zuerst die Leute in Gera davon überzeugen, dass man das Modell der Zeitungsgruppe WAZ sehr gut auf Thüringen übertragen könnte, mit sehr vielen positiven Effekten für alle drei Titel. Der wichtigste Punkt dabei war der Vertrieb. Für den Aufbau hatte ich klare Vorstellungen. Mit den Verantwortlichen in Gera kam ich dann auch klar, auch menschlich.

... und dann gab es auch in Erfurt einen Durchbruch?

Ja. Dem damaligen TA-Geschäftsführer habe ich dann klargemacht, dass die FAZ überhaupt kein geeigneter Partner für die TA sein konnte, weil die FAZ doch keinen eigenen Vertrieb hatte. Denn die FAZ nutzte ja damals in der Bundesrepublik für den eigenen Vertrieb die regionalen Abo-Zeitungen. Und da die TA keine überregionale Zeitung sei, könne ihr die FAZ überhaupt nicht helfen.

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Das bedeutet also im Kern, dass die Geburtsstunde der Zeitungsgruppe Thüringen, heute Mediengruppe Thüringen, bei der Thüringischen Landeszeitung TLZ in Weimar schlug?

Genau! Bei der TLZ. Das war der erste Verlag, die erste Zeitung für den Aufbau der Zeitungsgruppe Thüringen.

Mal angenommen, das hätte nicht geklappt mit Gera und Erfurt, hätte das das Aus für die TLZ bedeutet?

Ich sage mal und die Geschichte hat uns das ja bestätigt, wenn man in die neuen oder jungen Bundesländer hineinschaut, dann hat dort ja keine Zeitung von den sogenannten Blockflöten-Parteien überlebt die einzige Zeitung, die als Nicht-SED-Zeitung im Osten überlebt hat, das ist die Thüringische Landeszeitung, die TLZ. Alle anderen haben es nicht geschafft. Die Abonnenten sind vor allem bei ihren alten SED-Zeitungen ­geblieben. Und ich habe dann mit dem Okay meiner Gruppengeschäftsführer dafür gesorgt, dass Thüringer Zeitungen, die aufgeben mussten, dann zur TLZ kamen, etwa die Thüringer Neuesten Nachrichten, die Thüringer Tagespost sowie die ­Mitteldeutsche Allgemeine mit Eisenacher Presse und Eichsfelder Tageblatt.

Der Vertrieb hatte für den Aufbau der Zeitungsgruppe Thüringen eine zentrale, weil besondere Rolle. Das war die Schlüsselfunktion. Warum und wie passierte das?

Richtig. Mit dem Vertrieb haben wir dann in Gera angefangen, für die OTZ und die TLZ gemeinsam. Wir waren die erste Zeitung beziehungsweise Zeitungsgruppe in den neuen Ländern, die einen eigenen Vertrieb hatte. Schon im Oktober 1990 sind wir in Gera gestartet.

Die Umstellung war sicher nicht einfach, denn die Post lieferte damals im Osten noch die Zeitungen tagsüber in die Briefkästen, oder?

Genau, die Post hatte die absolute Vertriebshoheit. Wir haben damals auch mit der Post verhandelt, aber die waren sowas von arrogant, da hieß es bei denen: Wir haben Verträge und wir stellen die Zeitungen zu, meinetwegen bis zum Sonnenuntergang. Und so haben die das auch gemacht. Dann gab es noch Poststreik zwischendurch. Und da haben wir uns einfach gelöst davon und einen eigenen Vertrieb aufgebaut.

Wie kamen Sie denn an die Adressdaten der Leser?

In Gera haben Postboten uns die Namen und Anschriften genannt. Aber wir kamen nicht an alle Abonnentenadressen, das hat die Post uns verweigert. Wir haben dann einfach gedruckt und zugestellt und in der Zeitung dazu aufgerufen: Wer keine Zeitung bekommen hat, bitte melden. Und dann habe ich das erste Mal Schlangen gesehen, die in Gera in der Puschkinstraße vor der Zeitungsgeschäftsstelle angestanden haben, weil sie keine Zeitung bekommen hatten. So haben wir dann nach und nach die ganzen Leser in Gera und Gera-Land aufgelesen. Und für die TA und die TLZ in Westthüringen haben wir dann Vereinbarungen mit der Post treffen können, wie wir dann über das Vertriebssystem der Post in Berlin an die Abonnentenadressen kommen konnten.

War es schwierig, so ein eigenes Zustellernetz aufzubauen?

Wir haben ganz klassisch Zusteller gesucht und auch gefunden und dann Reviere gebildet. Zunächst für einige Gebiete und dann flächendeckend, das hatten, wir glaube ich dann schon Ende 1990, Anfang 1991. Und gleichzeitig haben wir dazu ein Geschäftsstellennetz aufgebaut. Die Redaktionen saßen ja meist irgendwo in der ersten Etage, wir haben dann dazu die passenden Schaufenster für die Geschäftsstellen gesucht.

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Was waren bei diesem Aufbau die größten Stolpersteine und Hindernisse, und was die größten Erfolge?

Die größten Stolpersteine kamen von der Post, die sich mit Händen und Füßen gegen den Aufbau unseres eigenen Vertriebs gewehrt hat. Da kam ja sogar der Hinweis von der westdeutschen Postzentrale in Bonn, man solle sich im Osten nicht den Zeitungsvertrieb abnehmen lassen. Die Verantwortlichen der Post behaupteten, wir Verlage könnten einen Zeitungsvertrieb nicht stemmen, das schaffe nur die Post. Da hab ich denen gesagt: Dann warten Sie mal ab, denn wir wissen, wie das geht. Sie sollten sich schon mal einen neuen Job suchen. Das war der größte Erfolg und die Grundlage für alles. Ich möchte ja unseren Journalisten nicht zu nahe treten, aber die Grundlage für unsere Zeitungsgruppe war zunächst der Aufbau eines funktionierenden Vertriebs und dann zweitens die neue Technik für die Redaktionen und die Druckhäuser. Nur so konnte dann unabhängig und frei Zeitung gemacht werden.

Gab es denn in den Anfängen bei der TLZ Knackpunkte, die existenziell wichtig waren?

Verleger Werner Felgentrebe und der damalige Chefredakteur Hans-Dieter Woithon wussten beide, dass es darum ging, die TLZ am Leben zu erhalten. Und mit ihnen gab es wirklich allerbeste gemeinsame Arbeit.

Wann ist die Zeitungsgruppe denn offiziell an den Start gegangen?

Am 6. Juni 1990 wurde in Weimar die Zeitungsgruppe Thüringen gegründet, als die Dinge mit TLZ, OTN und TA klar waren. Wir haben dann viele gute Mitarbeiter gefunden und mit diesen Thüringern dann den Laden aufgebaut. Es hat funktioniert. Wir waren dann irgendwann mehr als 2000 Leute. Diese Zahl konnten wir dann aber zurückfahren durch den Einsatz moderner Technik und EDV-Systeme. Und sehr schnell kamen dann die modernen Redaktionssysteme, die uns gut vorangebracht haben.

Etwas müssen Sie, lieber Herr Goosmann, aber hier noch aufklären. Ich erinnere mich noch sehr gut, dass in Ihrer Wohnung in Elxleben ein riesiges Plakat mit einer blauen Socke hing, ein TLZ-Plakat. Was hatte das für eine Bedeutung?

Sowohl meine Frau als auch ich waren immer Anhänger des TLZ-Karikaturisten Nel. Ich habe im Laufe der Jahre auch einige dieser tollen Nel-Zeichnungen geschenkt bekommen. Und als dann die Nel-Karikatur mit der blauen Socke kam es war ja eine Reaktion auf sogenannte rote Socken, da hat uns dies so viel Spaß gemacht, dass wir uns diese Karikatur haben vergrößern lassen, und die hing dann in unsere Wohnung in Elxleben von unten bis ganz oben an der Wand - als Kunstwerk. Diese Karikatur habe ich dann auch mit ins Ruhrgebiet, in mein jetziges Zuhause genommen.

Die blaue Socke hat dann sicher für interessanten Gesprächsstoff gesorgt, oder?

Natürlich. Man muss wissen, dass sich die Chefredaktionen von TA, OTZ und TLZ anfangs überhaupt nicht richtig grün waren, obwohl alle wussten, dass eine Zeitungsgruppe nur durch die Zusammenarbeit funktionieren kann. Nachdem meine Frau und ich im Juli 1993 in das Haus in Elxleben einzogen waren, da hat sich nicht nur meine Frau im örtlichen Vereinsleben engagiert, etwa im Karneval. Da haben wir auch den westfälischen Grünkohl nach Thüringen geholt. Es galt, den Zusammenhalt der drei Zeitungen zu erreichen und zu festigen. Das haben wir über die Grünkohlabende mit den Geschäftsführern und Verantwortlichen der Chefredaktionen erreicht. Später haben wir solche Grünkohlabende auch für die Karnevalsfreunde der Gemeinschaft Erfurter Carneval (GEC) und für befreundete wichtige Multiplikatoren in Thüringen, vor allem in Erfurt, gemacht. Und als ich dann 2008 in den Ruhestand gegangen bin, da habe ich das Gefühl gehabt, dass ich alles gut bereitet hatte, dass die Zeitungsgruppe Thüringen mit den Verlagskaufleuten und den Redaktionen eine Einheit geworden ist.

Wenn wir jetzt an 70 Jahre TLZ erinnern, was fällt Ihnen dann sofort ein, vor allem mit Blick auf die Zeitungsgruppe beziehungsweise die heutige Mediengruppe Thüringen?

Ich freue mich vor allem darüber, dass das alles so gut funktioniert hat. Ich freue ich mich darüber, dass die TLZ das alles so wunderbar geschafft hat. 70 Jahre Thüringische Landeszeitung, das ist für mich eine echte Erfolgsgeschichte! Und ich kann nur bescheiden sagen: Ich bin stolz, dass ich die TLZ dabei ein Stück der Wegstrecke begleiten durfte. Und dass ich mit dafür sorgen durfte, dass das alles so gut funktioniert hat.