Liebe Leserin, lieber Leser,

es dürfte Ihnen nicht im Verborgenen geblieben sein, dass ich in Berlin lebe. Ich mag die Hauptstadt. So groß, so unübersichtlich, und dann doch in ihren Kiezen nachbarschaftlich, wenn man möchte. Oder auch ganz anonym. Mein Herz schlägt aber nach wie vor für das Ruhrgebiet. Für Dortmund, wo ich aufgewachsen bin, für Essen, wo ich mit meiner eigenen Familie lebte, für Gelsenkirchen, wo meine Eltern in ihren späten Jahren eine Heimat fanden. Ich kannte alle unsere Nachbarn, ob als Kind, ob später mit der eigenen Familie, ob bei meinen Eltern in Gelsenkirchen. Ob jemand einen Migrationshintergrund im Freundeskreis, in der Nachbarschaft hat? War in meiner Wahrnehmung sehr wahrscheinlich, aber völlig egal, ob persisch, kroatisch, türkisch oder syrisch.

Birgitta Stauber-Klein Newsletter Bild
Birgitta Stauber, Textchefin der FUNKE Zentralredaktion© Montage | FMG/Reto Klar/FFS

Worauf ich hinaus will: Das Ruhrgebiet ist ein Schmelztiegel, und zwar seit vielen Jahrzehnten. Die Menschen sind weltoffen. Fremde sind willkommen, werden schnell integriert, selbst wenn sie, wie mein Mann, aus München-Schwabing kommen.

Kippt jetzt das Ruhrgebiet ganz nach rechts?

Doch dieses Lebensgefühl könnte nun kippen: An diesem Sonntag sind Kommunalwahlen, und die Umfragen zeigen, dass die AfD in einigen Städten einen Erdrutschsieg davontragen könnte. Mein Kollege Tobias Blasius ist Korrespondent in der Landeshauptstadt Düsseldorf. Er hat am Beispiel Gelsenkirchen erklärt, warum so viele Menschen offenbar mit dem Gedanken spielen, eine in weiten Teilen rechtsextreme Partei zu wählen.

Wahrscheinlich ist, dass die etablierten Parteien noch einmal knapp davonkommen, zumindest hoffe ich das sehr. Die Protagonisten sollten es als Warnschuss nehmen, so mein Kommentar dazu. Und alles dafür tun, damit die Menschen in den Kommunen nicht länger sagen: „Das ist nicht mehr meine Stadt“.

Montag, Mittwoch, Freitag

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Das zweite Gefühl, das hinter der Protesthaltung steckt: „Das ist nicht mehr meine Politik“. Diese recht weit verbreitete Haltung hat auch schon die Ampel-Regierung zu spüren bekommen. Zu wenig Verlässlichkeit, zu wenig Bestandsschutz: auch das hat zum Ende geführt. Bestes Beispiel: Das plötzliche Ende, quasi über Nacht, der E-Auto-Förderung im Dezember 2023. Wer ein Auto bestellt, aber noch nicht zugelassen hatte, ging leer aus. Meine Kollegen Theresa Martus und Jan Dörner sind nun der Frage nachgegangen, wie die schwarz-rote Koalition die Auto-Industrie unterstützen will. Experten jedenfalls warnen bereits vor einem erneuten Schlingerkurs, der Kunden verunsichern und der Branche schaden könnte.

Baerbock ist schon in den USA, Habeck will noch hin

Am meisten Kritik haben in der letzten Regierung die beiden Grünen-Politiker Annalena Baerbock und Robert Habeck abbekommen. Nun ist Baerbock als Präsidentin der UN-Generalversammlung in New York und zeigt mit flotten Social-Media-Auftritten, wie sie sich auf den Job vorbereitet. In der Kaffeebar beim Bagel, mit High Heels und To-go-Becher auf dem Sprung ins Taxi.

Baerbock in New York
Baerbock gibt sich cool in New York. © abaerbock/Instagram | abaerbock/Instagram

Mich erinnert das an eine Szene aus dem Film „Der Teufel trägt Prada“. Anna Hathaway rennt darin als Assistentin Andy für ihre Chefin Miranda (Meryl Streep) mit Tüten und Kaffeebecher bepackt auf die 5th Avenue, um ein Taxi zu stoppen. Andere denken eher an „Sex and the City“, aber das war nie meine Serie. Jedenfalls tobt das Netz über Baerbock, mal voll des Lobes, weil Experten ihr bescheinigen, ihre Reichweite  zu stärken, noch bevor sie beginnt, über ihren Job zu posten. Mal wird ihr eine krasse Selbstinszenierung vorgeworfen, was ich ganz gut nachempfinden kann. Die Videos, die in meinem Instagram-Feed auftauchten, habe ich jedenfalls recht emotionslos weitergewischt.  

Und Robert Habeck? Theresa Martus hat recherchiert, was er jetzt vorhat. Ihn zieht es ebenfalls in die USA, genauer, an die Elite-Uni Berkeley – als Gastprofessor. Schreiben will er auch wieder. Und in Dänemark über Außen-, Sicherheits- und Entwicklungspolitik forschen.

Anton Hofreiter wäre beinahe als Wissenschaftler in Dänemark gelandet

Ein anderer Grüner, und zwar Anton Hofreiter, hat einen Job in Dänemark ausgeschlagen. Das erzählt er im Podcast „Meine schwerste Entscheidung“. Ich habe sofort reingehört, denn Hofreiter löst bei mir immer ein gewisses Wohlbefinden aus, weil er so ruhig seinen oberbayerischen Akzent spricht, wobei er seine Sätze mit einem langgezogenen „Uund“ aneinanderreiht.

Auch interessant

Jedenfalls hat der promovierte Biologe Hofreiter seine Karriere als Wissenschaftler an den Nagel gehängt, und zwar für die Politik. Schweren Herzens allerdings, erzählt er. „Ich war sehr gerne Wissenschaftler.“ Weil er dann doch erst mal nicht loslassen konnte, hat er in den ersten zwei Jahren als Abgeordneter noch zehn Paper veröffentlicht. Um seine Haare geht es auch – und den  bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU), der sich so gerne auf Social Media als Liebhaber der Bratwurst präsentiert. („Mensch Söder, benimm dich doch mal vernünftig“). Und seine Haltung zum Ukraine-Krieg. Reinhören lohnt sich auf jeden Fall.

Haiti und die Domenikanische Republik: Eine Insel, zwei Welten

Haben Sie schon mal in der Karibik Urlaub gemacht? Etwa eine Pauschalreise in die Dominikanische Republik? Mit Cocktail am Strand, berieselt von launiger Jazz-Musik? Ich war vor gut zehn Jahren auf der anderen Seite der Insel: In Haiti.

Die Strände damals: überbaut mit Latrinen, gefressen von Erosion. Ich habe einen Raubüberfall live miterlebt und UN-Helfer gesprochen, die vollkommen frustriert von der Nutzlosigkeit ihres Daseins erzählten. Ich habe Schulen besucht, wo Kinder nicht Lesen lernten, weil sie nur Kreol sprechen, aber auf Französisch unterrichtet wurden. Totales Chaos, ein kaum zu rettendes Land, so damals mein Fazit.

Proteste in Haiti
Gewalt ist Alltag in Port-au-Prince, der Hauptstadt von Haiti. © Odelyn Joseph/AP/dpa | Odelyn Joseph

Inzwischen ist es viel schlimmer, schreibt unser Südamerika-Korrespondent Klaus Ehringfeld.  Anarchie, Massenarbeitslosigkeit, Umweltschäden und Bandenkriminalität machen jeden Versuch, das ärmste Land der westlichen Welt aufzubauen, zunichte. Gleichzeitig wächst der Wohlstand im Urlaubsparadies Dominikanische Republik immer weiter.  

Berliner sterben öfter den Herztod als Hamburger oder Dortmunder

Zurück zu meiner Wahlheimat Berlin und meinem schlagenden Herzen für das Ruhrgebiet: Die Wahrscheinlichkeit, dass ich hier den Herztod sterbe, ist doppelt so hoch wie in meiner alten Heimat. So jedenfalls der aktuelle Herzbericht, den Anne-Kathrin Neuberg-Vural ausgewertet hat. Das liegt nicht an der schlechten Versorgung mit Kardiologen, sondern am allgemein schlechteren Gesundheitszustand, fehlender Aufklärung und mangelhafter Prävention.

Heart attack heart attack conceptual artwork-3d illustration
Beim Herzinfarkt geht es um jede Minute. © Getty Images | peterschreiber.media

Die Analyse, ergänzt mit Tipps eines erfahrenen Kardiologen, zeigt, wann es auf die Gesellschaft ankommt und was jeder für seine eigene Herzgesundheit tun sollte. Klar ist: Wer sich und sein Herz schützen will, sollte schleunigst aktiv werden, empfiehlt meine Kollegin in ihrem Kommentar zum Thema. Also: Blutwerte checken, auf die Ernährung achten, nicht rauchen, Sport treiben. Ich ergänze: das Wochenende achten.

Das gilt auch für diesen Sonntag. Ich wünsche Ihnen jedenfalls gute Erholung.

Ihre Birgitta Stauber

Wollen Sie regelmäßig die besten Lese-Geschichten bekommen? Dann abonnieren sie gerne mit diesem Link meinen kostenlosen Newsletter „Das Beste am Sonntag“. Und wenn Sie Kritik haben oder auch Anregungen, freue ich mich über eine Mail an birgitta.stauber-klein@funkemedien.de