Begrüßung

-         Angehörige von Insassen des Speziallagers, vor allem Astrid Rühle von Lilienstern,

-         Oberbürgermeister Peter Kleine

-         Superintendentin Dr. Constanze Hartung,

-         MdL Lennart Geibert

-         Damen und Herren

Nun sind es schon 81 Jahre her, dass der erste Transport mit Inter­nierten der sowjetischen Besatzungsmacht im früheren KZ Buchenwald eintraf. Damit war das sowjetische Speziallager Nr. 2 Buchenwald gegründet. Bis zur Auflösung des Lagers im Februar 1945 waren hier insgesamt über 28.000 Menschen interniert.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Viele Internierte waren kleinere Funktionäre und Angehö­rige der NSDAP und ihrer Organisationen gewesen. Einige wenige hatten sich als Offi­ziere in SS oder Gestapo schwerer Verbrechen schuldig gemacht. Andere waren Jugendliche, denen unterstellt wurde, etwa als angebliche „Werwolf“-Mitglieder oder auch als „Spione“ eine Gefahr für die sowjetische Besat­zungsmacht darzustellen. Schließlich befanden sich unter den Insassen des Speziallagers auch Menschen, die keinerlei Verantwortung für den National­sozialismus trugen und mehr oder weniger willkürlich von den sowjetischen Geheim­diensten festgenommen worden waren. Einige waren zuvor sogar Opfer der NS-Verfolgung gewesen.

Nur in Einzelfällen lag der Internierung ein Urteil zugrunde. In keinem Fall entsprach sie rechtsstaatlichen Grundsätzen. Über 7000 der 28.000 Inter­nierten starben an den Folgen von Hunger und Krankheiten, das ist jeder Vierte. Ihre Leichen wurden außerhalb des Lagers in zwei Grabfeldern verscharrt. An einem der beiden Grabfelder werden wir im Anschluss Kränze niederlegen und an die Toten denken.

Ja, die meisten Insassen des Speziallagers Buchenwald hatten zuvor dem NS-Regime gedient. Etliche hatten sich schuldig gemacht, wenn auch nicht in führender Position. In keinster Weise rechtfertigt das aber ihre unmensch­liche Behandlung im Lager, eine Behandlung, die rechtsstaatlichen Prinzipien fundamental widersprach. Die Würde des Menschen und seine grundlegen­den Rechte wurden im Speziallager Buchenwald brutal missachtet.

Die Geschichte des Lagers lehrt uns vor allem eines: Der Rechtsstaat und die Menschenrechte müssen für alle gelten. Die Würde des Menschen ist unan­tastbar.

Wie schon im vergangenen Jahr findet die Gedenkveranstaltung zur Geschichte des Speziallagers Buchenwald diesmal ohne ehemalige Insassen statt. Das ist eine deutliche und schmerzhafte Zäsur. Die meisten ehemali­gen Insassen sind mittlerweile verstorben, andere so betagt, dass sie die Reise hierher nicht mehr bewältigen können.

Zwei, die bis 2024 an vielen Tagen der Begegnung teilnahmen, waren Eber­hard Schmidt und Wilhelm Kramer.

Speziallager Buchenwald
Dank an Volkhard Knigge wurde 2020 ausgesprochen, der in seiner Zeit als Direktor der Gedenkstätte Buchenwald, die Aufarbeitung auch der Geschichte des Speziallagers unterstützt hat:  Heidrun Brauer, Vorsitzende der Initiativgruppe, und die Überlebenden  Rolf Staudte, Günter Schnabel, Eberhard Schmidt und Wilhelm Kramer. Schmidt und Kramer sind im zurückliegenden Jahr verstorben.© Gerlinde Sommer | Gerlinde Sommer

Eberhard Schmidt wurde 1929 in Dessau-Rosslau geboren und im Mai 1946 vom Sowjetischen Geheimdienst als vermeintlicher Spion verhaftet. Über das Gefängnis Hohenschönhausen in Berlin und das Speziallager Fünfeichen bei Neubrandenburg kam er 1948 in das Speziallager Nr. 2 Buchenwald. Im Januar 1950 wurde er entlassen und kehrte nach Dessau zurück. Erst Jahr­zehnte später begann er, seine Geschichte zu erzählen. 2019 nahm er erst­mals an einer Gedenkveranstaltung zum Speziallager in Buchenwald teil. Im Februar 2026 ist er im Alter von 97 Jahren verstorben.

Wilhelm Kramer wurde Anfang 1946 im Alter von erst 14 Jahren vom NKWD verhaftet. Als Begründung verzeichnen die sowjetischen Akten seine Mitgliedschaft in der HJ und Gewalt gegen polnische Zwangsarbeiter auf dem elterlichen Bauernhof. Nach Haft in den Speziallagern Ketschendorf und Jamlitz wurde er im April 1947 in das Speziallager Nr. 2 in Buchenwald einge­wiesen. Bei dessen Auflösung im Februar 1950 überstellten die sowjetischen Behörden den von Tuberkulose und jahrelangem Hunger gezeichneten jungen Mann an die DDR-Justiz. Deren Urteil stand schon vor dem Schnell­verfahren in Waldheim fest: 5 Jahre Zuchthaus. Erst 1955 wurde er entlas­sen, 9 Jahre nach seiner Verhaftung. Wilhelm Kramers Geschichte ist die Geschichte einer verlorenen Jugend.

Als es nach dem Ende der DDR möglich wurde, öffentlich über seine Geschichte zu sprechen, engagierte sich Wilhelm Kramer in der Initiativ­gruppe Buchenwald für die Erinnerung an das Speziallager Buchenwald und seine Insassen, zuletzt, wie bereits gesagt, 2024. Letztes Jahr konnte er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr nach Weimar kommen, und wenige Tage nach der Veranstaltung im vergangenen Jahr starb er im Alter von 94 Jahren.

Wilhelm Kramer und Eberhard Schmidt fehlen – wie auch die vielen anderen ehemaligen Spezial­lager-Insassen, die nach 1990 enge Beziehungen zur Gedenkstätte Buchen­wald aufgebaut hatten und mittlerweile verstorben sind.

Umso mehr danke ich Ihnen, den Angehörigen, den Kindern und Enkeln ehemaliger Speziallager-Insassen, dass Sie heute mit uns gemeinsam an das Speziallager Buchenwald erinnern. Ganz besonders begrüße ich Astrid Rühle von Lilienstern, deren Großvater Curt Rühle von Lilienstern als ehemaliger Generalmajor der Wehrmacht im Januar 1946 im Speziallager Buchenwald starb. Liebe Frau Rühle, es freut mich sehr, dass Sie die heutige Ansprache halten!

Ein besonderer Gruß geht darüber hinaus an Claudia Höfert, die Tochter von des Speziallager-Insassen Lothar Vollbrecht, die uns den Nachlass Ihres Vaters übergeben hat. Dafür möchte ich mich herzlich bedanken.

Liebe Gäste, es ist unübersehbar: Der Kreis der Teilnehmenden an der Gedenkveranstaltung zum Speziallager Buchenwald wird seit Jahren kleiner. Ich danke Oberbürgermeister Kleine und dem CDU-Landtagsabgeordneten Lennart Geibert, dass sie auch in diesem Jahr wieder an der Veranstaltung teilnehmen, und Herr Kleine wird ja auch noch ein Grußwort sprechen.

Aber wo sind die Vertreter:innen der anderen demokratischen Landtagsfrak­tionen? Wo sind die Vertreter der Landesregierung, wo die Kolleginnen und Kollegen anderer Kultureinrichtungen und der historisch-politischen Bildung?

Das offensichtlich nachlassende Interesse macht Sorgen, vor allem auch, weil die Geschichte immer mehr für aktuelle Zwecke instrumentalisiert und verfälscht wird. Das gilt nicht nur für den auf die NS-Verbrechen bezogenen Geschichtsrevisionismus, sondern auch für die Geschichte der sowjetischen Besatzungszone und der DDR. Ich denke da etwa an die Wahlkampfveran­staltung der AfD mit dem nach rechts außen abgebogenen Schauspieler Uwe Steimle, bei der rechtsextreme Parolen vom gemeinsamen Singen der DDR-Hymne gerahmt wurden. Auch eine Veranstaltung von AfD, Freien Sachsen und sogenannten Reichsbürgen im Jahr 2024 gehört dazu, bei der der Herausgeber des rechtsextremen Compact-Magazins Jürgen Elsässer zur Gründung einer neuen DDR aufrief, eines „Deutschen Demokratischen Reichs“ mit einem „Reichskanzler Höcke“ an der Spitze, das zusammen mit den Russen Polen angreifen solle.

Westdeutsche Rechtsextreme setzen auf DDR-Nostalgie und antiwestliche Ressentiments, um ihre rassistische Ideologie in die Köpfe der Ostdeutschen zu hämmern. Dabei wird die Geschichte zurechtgebogen und gelogen, dass sich die Balken biegen.

Der Fälschung, Verharmlosung und Instrumentalisierung der Geschichte sowohl der NS-Verbrechen als auch der sowjetischen Besatzung und des SED-Unrechts müssen wir eine quellengestützte, wissenschaftlich fundierte und ethisch mit einem klaren demokratischen und menschenrechtlichen Kompass ausgestattete kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte entgegensetzen, eine Auseinandersetzung, die die Opfer würdigt, zugleich aber Kontexte mit Ursachen und Folgen berücksichtigt und vor allem auf die Grautöne und die Ambivalenzen in der Geschichte blickt.

Eine solcherart differenzierende Auseinandersetzung mit der Geschichte lässt es zu, um die Toten des Speziallagers zu trauern, ohne auszublenden, dass es sich bei ihnen oft um NS-Belastete handelte. Gerade in Zeiten grassierender Fake History ist seriöse historisch-politische Bildung nötiger denn je – und das nicht nur an Gedenktagen wie heute, sondern auch an den übrigen 364 Tagen im Jahr, und nicht nur in Buchenwald, sondern auch in der gesamten Gesellschaft.

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