Übelkeit am Morgen, bleierne Müdigkeit, ein Ziehen in Armen und Brust, Stimmungsschwankungen – was nach den klassischen Beschwerden einer Schwangerschaft klingt, betrifft in manchen Fällen nicht die werdende Mutter, sondern ihren Partner. Mediziner sprechen dann vom sogenannten Couvade-Syndrom.

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„Am besten lässt es sich als mitfühlende Schwangerschaft beschreiben“, sagt Catherine Caponero von der Cleveland Clinic der BBC. Gemeint ist ein Phänomen, bei dem nicht schwangere Partner körperliche und psychische Symptome entwickeln, die an eine Schwangerschaft erinnern – obwohl es dafür keine direkte biologische Ursache gibt.

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Ein verbreitetes, aber wenig erforschtes Phänomen

Lange galt das Syndrom als Randerscheinung. Inzwischen deutet eine wachsende Zahl von Studien darauf hin, dass es deutlich häufiger vorkommt als angenommen. Je nach Untersuchung berichten zwischen einem Fünftel und mehr als der Hälfte der werdenden Väter von entsprechenden Beschwerden. In einzelnen Studien – etwa aus Polen oder China – liegen die Werte sogar noch höher.

Eine aktuelle Untersuchung mit mehreren Hundert Teilnehmern zeigt, dass ein Großteil der befragten Männer während der Schwangerschaft ihrer Partnerin zumindest einzelne Symptome verspürt, von Gewichtszunahme über Schlafstörungen bis hin zu Übelkeit und erhöhtem Stress.

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Auffällig ist dabei: Die Beschwerden folgen häufig einem ähnlichen zeitlichen Muster wie eine Schwangerschaft selbst. Sie treten vermehrt im ersten und im letzten Trimester auf und klingen nach der Geburt wieder ab.

Keine offizielle Diagnose

Trotz dieser Zahlen ist das Couvade-Syndrom bislang nicht als eigenständige Krankheit anerkannt. Weder die World Health Organization noch die American Psychiatric Association führen es in ihren Klassifikationssystemen.

Auch in der medizinischen Ausbildung spielt es kaum eine Rolle. „Es gibt nur sehr wenige Informationen dazu“, sagt Caponero laut BBC. Entsprechend viele Fragen sind offen – vor allem, was die Ursachen angeht.

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Zwischen Psyche und Biologie

Einigkeit besteht in der Forschung vor allem darüber, dass es sich um ein vielschichtiges Phänomen handelt. „Die Mechanismen sind nicht gut verstanden“, sagt der Psychologe Daniel Singley der BBC. Neben psychischen Faktoren könnten auch biologische Prozesse eine Rolle spielen.

Tatsächlich zeigen neuere Studien, dass sich während der Schwangerschaft nicht nur der Körper der Frau verändert. Auch bei Männern lassen sich hormonelle Verschiebungen beobachten. Forschungen der Psychologin Robin Edelstein von der University of Michigan belegen etwa sinkende Testosteronwerte bei werdenden Vätern. Diese Veränderungen stehen im Zusammenhang mit stärkerem Fürsorgeverhalten nach der Geburt.

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Parallel dazu passen sich offenbar auch die Gehirne an. Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass sich bei Vätern nach der Geburt Strukturen verändern, die für Bindung und Empathie wichtig sind.

Ausdruck von Stress – und Nähe

Neben biologischen Erklärungen spielt die psychische Dimension eine zentrale Rolle. Die Geburt eines Kindes gilt als einer der größten Einschnitte im Leben. Symptome des Couvade-Syndroms könnten ein Ausdruck dieser Umbruchphase sein.

Hinzu kommt: Auch Männer sind in dieser Zeit belastet. Studien zeigen, dass etwa jeder zehnte werdende Vater depressive Symptome entwickelt, während ein deutlich größerer Anteil von erhöhter Angst berichtet.

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Ein weiterer Ansatz sieht im Couvade-Syndrom eine Form von Empathie. Männer, die besonders sensibel auf die Gefühle ihrer Partnerin reagieren, berichten häufiger von körperlichen Beschwerden. Manche passen auch bewusst ihren Alltag an – etwa beim Essen oder bei Freizeitaktivitäten.

Ein alter Begriff, neu bewertet

Der Begriff „Couvade“ geht auf den Anthropologen Edward Burnett Tylor zurück, der im 19. Jahrhundert über Rituale berichtete, bei denen Männer symbolisch Schwangerschaft und Geburt nachahmten. Lange wurde das Phänomen belächelt oder als Kuriosität abgetan.

Heute verschiebt sich der Blick. Für viele Forscher ist Couvade weniger eine „Störung“ als ein Hinweis darauf, dass Schwangerschaft und Elternschaft beide Partner betreffen – körperlich, emotional und sozial.