Die Klassiker vom Hindukusch

Die Franz-Liszt-Hochschule hilft, in Kabul ein Archiv traditioneller Musik aufzubauen.

Foto: zgt

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Weimar/Kabul. In einem einzigartigen Projekt helfen Musikwissenschaftler der Weimarer Franz-Liszt-Hochschule dabei, traditionelle afghanische Kompositionen zu bewahren. Dank nachhaltiger Förderung vom Auswärtigen Amt und mit Partnern vor Ort bauen sie in Kabul ein Schallarchiv auf. Das gemeinsame Ziel ist es, die brutal abgerissenen Fäden Jahrhunderte alter Musiktraditionen wieder anzuknüpfen, nachdem das islamistische Regime der Taliban jegliche Musik unterbunden, Instrumente zerstört und sogar Musiker unter Todesdrohung zum Schweigen gebracht hatte. Doch inzwischen werden die "Klassiker vom Hindukusch" wieder gespielt ...

Herzlich empfängt Professor Tiago de Oliveira Pinto den Gast in seinem Büro im Hochschulzentrum am Horn. Der Mann aus São Paulo, Brasilien, bekleidet seit 2009 den Lehrstuhl für Transcultural Studies in Weimar - und ist nicht klamm bei der Frage, was denn das überhaupt sei: traditionelle afghanische Musik. Er schildert die Einflüsse aus den benachbarten indischen, persisch-türkisch-arabischen und usbekischen Kulturräumen und zeigt Fotos von Streich-, Zupf- und Perkussionsinstrumenten: Tabla, Sitar, Rubab, Dilruba, Tanbur, Dhol.

"Das Tonsystem basiert auf dem indischen Raga", erklärt er. "Es sind Improvisationen innerhalb eines festen Regelsystems." Und in seinem individuellen Variationsstil liege die besondere Kunst jedes Spielers. "Deshalb sind die Meister so wichtig." Noten? - Fehlanzeige. Die Überlieferung hat seit Urzeiten auf mündlichem Wege stattgefunden - ähnlich wie bei uns in den Handwerkszünften und Dombauhütten des Mittelalters.

Um einen sinnlichen Eindruck zu vermitteln, hat Pinto die DVD eines schon legendären Konzerts 2012 in Weimar parat. "Das Fürstenhaus war bis auf den letzten Platz gefüllt, und die, die es hören konnten, schwärmen davon bis heute", erzählt der Professor. Sechs afghanische Meister hatte er nach Deutschland zu diesem "Safar"-Konzert eingeladen. Safar heißt Reise. Und wenn man sich in die hypnotisierenden Klänge dieser charismatischen Musiker vertieft, ahnt man, wie lang der Weg bis zur Wiedergeburt dieser alten Musikkultur sein könnte.

Das Archiv in Kabul soll dafür eine Zurüstung, ein Fundament gewähren. Pintos Mitarbeiter Philip Küppers, zwei Doktoranden in Kabul und Mirwais Sidiqi, der für ein Jahr als Stipendiat in Weimar arbeiten darf, kümmern sich hauptsächlich darum. Das Auswärtige Amt gewährt pro Jahr 100.000 bis 140.000 Eu­ro an Drittmitteln. Vor Ort helfen das Goethe-Institut, aber auch das Afghanistan National Institute of Music.

Dessen Direktor Ahmad Naser Sarmast hat Pinto vor drei Jahren auf ei­nem Kongress kennengelernt; gemeinsam haben sie die Projektidee entwickelt. Denn obwohl die Taliban mit erdenklichstem Furor gegen alles weltliche Kulturtreiben wüteten, ist es ihnen nicht gelungen, die traditionelle Musik völlig auszuradieren. Pinto zeigt ein Foto des Meisters Amruddin: "Sie haben vor seinen Augen sein kostbares altes Instrument, eine Streichlaute, zertrümmert. Zehn Jahre lang ist er in Pakistan im Exil gewesen." Aber jetzt ist er wieder da.

Und das Musikarchiv? - Pinto lächelt. Wieder zeigt er Fo­tos auf dem Laptop, Räume mit recht wohlgeordnet erscheinenden Regalen. "Wie durch ein Wunder wurde das RTA-Rundfunk- ar­chiv zum Großteil erhalten", sagt der Professor. "Lauter Magnetbänder aus den vierziger und fünfziger Jahren." RTA, Radio Television Afghanistan, der staatliche Sender. Außerdem haben Pinto und Küppers eine zweite, völlig unverhoffte Quelle ausfindig gemacht: die brachliegende Schallsammlung des Musikethnologen Felix Hörburger an der Universität Regensburg. Sie bietet einen Fundus an Aufnahmen aus den 1960er Jahren.

Beide Konvolute wollen die Partner aus Kabul und Weimar jetzt digitalisieren und mit Metadaten für die Archivierung versehen. "Das sind Tausende von Titeln allein von der RTA", sagt Pinto. "Es sieht gar nicht so schlecht aus, man kann damit arbeiten." Eile indes ist geboten, denn die Bänder sind anfällig, einige müssten schon restauriert werden. Zwei bis drei Jahre Arbeit, schätzt Pinto. In Afghanistan dankt man diesen Einsatz der Fachleute, die für internationale Standards sorgen und die Klangdokumente in die Global Music Database integrieren.

Trotzdem betont Tiago de Oliveira Pinto: "Ich will keine kulturelle Entwicklungshilfe leisten." Sondern für ihn ist die Kooperation ein gegenseitiges Geben und Nehmen. "Es bringt uns viel." Denn auch die Musikstudenten in Weimar profitieren vom transkulturellen Engagement, indem sie ihren Bildungshorizont ins Globale weiten und Anregungen empfangen. Angehende Komponisten zum Beispiel. Oder Schulmusiker, die es künftig immer mehr mit Migranten aus außereuropäischen Kulturkreisen zu tun bekommen könnten.

Westliche Popmusik, auch Ethno-Pop, gibt es am Hindukusch ebenfalls längst. Die Musiktradition sei gerade dort ein dynamischer Prozess, und man sei nicht so versessen darauf, historische Musik zu spielen wie bei uns, sagt Pinto schelmisch. "Wir drängen uns in keinster Weise auf." Aber der Einsatz mit vereinten Kräften hilft in der Krisenregion, Zivilität und Identität wiederzufinden. Und bereichert die Weimarer Musiker und Wissenschaftler: um ungewöhnliche, nur scheinbar exotische Erfahrungen.

Zur Safar-Musik-Seite mit Klangbeispielen

Zur Homepage der Hochschule

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