Kunstpause: Engel am Straßenrand

Frank Quilitzsch über ungeahnte Folgen eines Sturzes.

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Am späten Donnerstagabend bin ich auf dem Heimweg mit dem Fahrrad gestürzt und erwachte in der Notaufnahme. Was passiert ist? Keine Ahnung.

Passanten haben mich gefunden. Es gibt in meinem Gedächtnis einen kurzen, nebulösen Moment, da sitze ich verwirrt irgendwo am Straßenrand, und um mich herum zwei, drei besorgte Gestalten. Die haben sicherlich den Rettungswagen gerufen.

Aber vielleicht habe ich das auch nur geträumt. Wo sind wir, wenn wir nicht bei uns sind?

Nachts zum Beispiel, wenn wir im Traum versinken. Da spazieren unsere Gedanken durch fremde Welten, wandern durch die Zeiten, und manchmal blicken wir von oben auf uns selbst herab.

Mit dem Weckersummen ist alles vorbei. Mal ehrlich: Wissen wir wirklich, was in unserem Hirn vor sich geht? Wo war ich in der halben Stunde, bevor ich im Klinikum wieder zu mir kam? Im Jenseits? Vermutlich hat mein Mund mit den Helfern gesprochen, nur erinnere ich mich nicht mehr daran. Mein Geist war ausgezogen, streifte umher und verkehrte womöglich... mit Engeln?

Manchmal frage ich mich, in welcher Sprache die Himmlischen mit uns kommunizieren, es muss eine universelle sein, eine, die ein jeder versteht.

Ich hatte, als ich stürzte, das druckfrische Bändchen von Martin Walser im Rucksack: „Mädchenleben oder Die Heiligsprechung“. Eine Legende. Auf meinem Krankenlager schlage ich das Buch auf und lese darin Sätze wie „Sehnsucht ist da, bevor sie ein Ziel hat.“ und „Erst seit ich Engel brauche, weiß ich, dass es sie gibt.“

Und denke bei mir, dieser Walser mit seinen bald hundert Erdenjahren schreibt doch längst aus dem Jenseits. Jedes Jahr schickt er von dort eine neue literarische Botschaft, die der Verlag an seine getreuen Leser weiterleitet.

Als der Arzt das Krankenzimmer betritt, verberge ich das Buch unter meinem Arm. Der Arzt schaut sich meine Verletzungen an, blättert im Unfallbericht und murmelt: Es hätte schlimmer kommen können.

Sie müssen einen Schutzengel gehabt haben.

Nein, sage ich. Es waren zwei oder drei. Ich glaube, sie standen am Straßenrand.

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