Gutachten für Gericht: Stuntmen spielen Mordfall von Rudolstadt nach

Gera.  Seit Januar verhandelt das Landgericht Gera einen Mordfall. Nun gab es eine spektakuläre Nachstellung.

Der jüngere Angeklagte – hier mit einem seiner Verteidiger – soll am Steuer gesessen haben.

Der jüngere Angeklagte – hier mit einem seiner Verteidiger – soll am Steuer gesessen haben.

Foto: Tino Zippel

Der silberfarbene Mercedes im Rudolstädter Gewerbegebiet beschleunigt. Auf der Motorhaube kniet ein Mann, daneben liegt einer, der in der ersten Linkskurve auf den Betonbelag stürzt. Er steht unverletzt auf, schließlich ist er ein erfahrener Stuntman, der diesmal im Einsatz für Recht und Gerechtigkeit arbeitet. Das Landgericht Gera will mit Hilfe der Filmaufnahmen einen Mordfall bescheiden.

Auf der Anklagebank sitzen zwei Brüder. Sie sollen nach einem Betrug in Rudolstadt für den Tod eines 68 Jahre alten Mannes verantwortlich sein. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, dass sie bei der Vermittlung eines Autokaufes mit 14.500 Euro durchbrennen wollten. Der Geschädigte und sein Vater, beide aus dem Saale-Holzland-Kreis bemerkten, wie das Brüderpaar mit dem Mercedes startete. Beide sprangen auf die Motorhaube. Der Vater zog sich beim Sturz nach wenigen Sekunden Mitfahrt tödliche Verletzungen zu, während sein Sohn verletzt, aber mit dem Leben davonkam.

Auf Autohaus-Gelände Szenen nachgestellt

Den Sturz des Rentners hatte ein Zweiradmechatroniker aus einem benachbarten Fachgeschäft beobachtet. Die neunte Strafkammer unter Vorsitz von Harald Tscherner beauftragte den Sachverständigen Michael Rohm aus Leipzig, anhand der Zeugenaussagen die verhängnisvolle Fahrt zu rekonstruieren. Bei einem Vor-Ort-Termin ließ jener das Geschehen auf dem Hof des Autohauses nachstellen. Zunächst besorgte das Team ein vergleichbares Fahrzeug, eine E-Klasse aus dem Jahr 2002. Zudem engagierte der Gutachter eine Stuntcrew, deren Mitglieder schon in der RTL-Serie „Alarm für Cobra 11“ mitspielten.

Am Steuer saß ein Stuntman, Justizwachtmeister fuhren als Insassen mit. Der Gutachter installierte Kameras im Fahrzeug und in Außenpositionen. Eine Drohne filmte alles aus der Luft, während ein GPS-Scanner die Bewegungen exakt aufzeichnete. Am wichtigsten war aber eine Kamera im Fahrradgeschäft, um exakt die damalige Perspektive des Zeugen einzunehmen.

Zeuge soll anhand von Videos Geschwindigkeit schätzen

Schließlich sollte er anhand der Videos darlegen, ob sich das Geschehen wie nachgespielt zugetragen hat. Dabei ging es dem Gericht vor allem darum, das gefahrene Tempo möglichst genau abzuschätzen. Und so zeichnete das Team den Sturz in verschiedenen Geschwindigkeiten auf. Einmal bei 15 bis 18 Kilometern pro Stunde, einmal bei 25 Kilometern pro Stunde und einmal bei 30 bis 35 Kilometern pro Stunde. Beim höchsten Tempo traute sich der Stuntman aber keinen Absprung mehr zu. Ein Video zeigt die Dynamik in diesem Fall und wie sich beide trotz Sicherung nur mit Mühe auf der Motorhaube halten.

Der Zeuge lobt die Nachstellung. „Die Positionen der Personen kommen dem sehr nahe, was ich beobachtet habe“, sagt er und legt sich auf die Variante mit 25 Kilometer pro Stunde fest. „Nur am Ende war das Auto damals schneller.“

Die Verteidiger haken kritisch nach, ob das Fahrzeug nach einer zwischenzeitlichen Bremsung überhaupt so schnell gewesen sein kann. Der Gutachter zückt den Taschenrechner, setzt die ermittelten Beschleunigungswerte des alten Mercedes und die Wegstrecke ein: 25 bis 30 Kilometer pro Stunde sei zu erreichen, bilanziert der Experte für die Analyse von Verkehrsunfällen. Allein die Kräfte der Kurvenfahrt reichen nach seiner Schätzung bei dem vom Zeugen genannten Tempo aber nicht aus, um von der Motorhaube zu fallen. Ob der Rentner in der Kurve bewusst losgelassen habe, liege im Bereich der Spekulation, sagt der Experte.

Prozess unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen

Der Prozess hatte bereits im Januar begonnen und erstreckt sich inzwischen über 23 Verhandlungstage. Er findet unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen statt. Die aus Nürnberg stammenden Angeklagten sitzen in Untersuchungshaft.

Der Prozess startete spät, weil sich der jüngere Bruder ins Ausland abgesetzt hatte und mit einem internationalen Haftbefehl gesucht wurde. Die Handschellen klickten nahe Prag. Zum Tatzeitpunkt war er 18 Jahre alt und saß der Anklage zufolge am Steuer des Wagens, während sein Bruder das Geldgeschäft mit dem Geschädigten abgewickelt haben soll. Weitere Verhandlungstage für den Prozess sind angesetzt.