Diesen 12. Juli 2000 wird die TLZ-Belegschaft nicht vergessen. Zum ersten und glücklicherweise auch einzigen Mal versperrten massive Polizeikräfte den Beschäftigten den Zugang zu den Redaktionsräumen, damals noch in der Marienstraße. An der Einmündung der Berkaer Straße in die Belvederer Allee war der Durchgang ebenso untersagt wie aus Richtung Innenstadt. Ein martialischer Aufmarsch von mehreren Polizei-Hundertschaften machte Weimar an diesem Tag zu einer Festung.

Der Schutz galt dem iranischen Präsidenten Chatami. Der Politiker war zur Einweihung des Hafis-Denkmals an der Ackerwand gekommen. Symbolisch stehen da zwei Stühle aus Granit. Sie sind dem persischen Dichter Hafis und Johann Wolfgang von Goethe gewidmet und sollen den kulturellen Dialog zwischen Orient und Okzident fördern. Doch der Tag der Einweihung war kein Tag des Dialogs. Polizei überall in der Stadt, die Staatsgewalt zog alle Register.
„Goethe hätte am heutigen Tag bitterlich geweint“, titelt die TLZ am Tag danach in einer um etliche Sonderseiten erweiterten Ausgabe. Detailliert werden hier die zahlreichen Übergriffe der Beamten, die zum großen Teil von außerhalb Thüringens stammten, dokumentiert. So wurden sieben bosnische Frauen, die gerade erst der ethnischen Säuberung in Srebrenica entgangen waren und dort Angehörige verloren hatten, von den Polizisten beinahe eine Stunde am Theaterplatz aufgehalten und am Durchkommen gehindert. Und das, obwohl sie zuvor in Weimar von Bundespräsident Johannes Rau (SPD) empfangen worden waren. Rigorose Polizisten wiesen alle zurück, selbst eine Mutter, die an der Ackerwand wohnt und deren Kinder an diesem Tag allein zu Hause waren. 15 Demonstranten, die es bis in die Schillerstraße geschafft hatten, protestierten in Sprechchören gegen Chatami. Für die Polizei ist das keine Demonstrationsfreiheit, sondern „Hetze“, wie ein Polizist sagte. Die 15 wurden von der Staatsmacht vorübergehend festgesetzt.
Was den Menschen in Weimar das Leben an diesem Tag besonders schwer machte: Niemand konnte sich vorbereiten, die notwendigen Wege zu verlegen. Denn der Stadt war es aus Sicherheitsgründen, wie es hieß, untersagt, im Vorfeld über die von der Polizei gesperrten Bereiche zu informieren. Dort beschwerten sich Bürger, dass sie „wie Schwerverbrecher“ durchsucht worden seien.

Und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der TLZ? Die hatten zum Glück die Handy-Nummer des Einsatzleiters, bei dem sie sich bei Problemen melden sollten. Und Probleme gab es wahrlich genug. Erst nach Intervention des Einsatzleiters wurden Redakteurinnen und Redakteure zum Pressehaus geleitet, der TLZ-Geschäftsführer bahnte sich seinen Weg an seinen Schreibtisch über das Gelände der Bauhaus-Universität und kletterte dabei auch über Zäune. Später entschuldigte sich Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) bei der Redaktion. Die TLZ hatte derweil innerhalb von 24 Stunden ein Podium organisiert unter dem Motto: „Was bringen Staatsbesuche für Weimar?“ Die Taktik der Deeskalation sollte erst später bei der Thüringer Polizei die Oberhand gewinnen.































