Theaterhaus Jena: Armut als Pilotprojekt

Zwischen Hunger und Gier, Askese und Kommerz - Hannes Weiler entwickelt in Jena mit Texten aus einer Tieck-Novelle das Stück "Delirious Jena. Des Lebens Überfluss". Das Premierenpublikum jubelt am Freitag.

Johanna Berger (Klara) und Mathias Znidarec (Heinrich) in "Delirious Jena. Des Lebens Überfluss" im Theaterhaus Jena. Foto: Joachim Dette

Johanna Berger (Klara) und Mathias Znidarec (Heinrich) in "Delirious Jena. Des Lebens Überfluss" im Theaterhaus Jena. Foto: Joachim Dette

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Jena. Ausschreibung scheint kein schlechter Weg, um an gute Ideen zu gelangen. "Delirious Jena. Des Lebens Überfluss" ist nach "Almenweiss & Edelrausch" bereits das zweite Projekt, das auf dem Weg der Ausschreibung auf die Bühne in Jena kommt. Hannes Weiler hat Theatererfahrung an großstädtischen Häusern in Berlin, Zürich und Frankfurt gesammelt, für Jena hat der Regisseur und Stückentwickler auf Ludwig Tieck zurückgegriffen, einen Mann, der um 1800 einige Zeit in Jena lebte. Knapp 40 Jahre nach seiner Stippvisite an der Saale, schrieb Tieck die Novelle "Des Lebens Überfluss" über ein Paar, das sich in eine kleine Stadt zurückzieht, ohne Geld, ohne Freunde, ohne Kontakte zum Umfeld lebt.

Klara und Heinrich haben nichts zu beißen, der Winter ist hart, sie frieren, sie verheizen, was nicht niet- und nagelfest ist. Er, der Schöngeist, hat keine Bücher, kein Papier, keinen Stift mehr. Sie, die Hausfrau, hat keine Köchin, die sie anleiten, kein Fleisch für die Brühe, die sie kochen könnte. Doch er schickt sie haushalten, sie ihn ins Studierstübchen schreiben.

Johanna Berger spielt die ihrem Heinrich ergebene Klara und Mathias Znidarec kongenial diesen Heinrich, der immer eifernder Askese und Armut predigt, der dem Hunger die höchste Lust abgewinnen will. Bei Tieck gibt es am Ende eine Art Fünfer im Lotto. Klara und Heinrich lassen die notgedrungene Philosophie der Armut fahren. Sie freuen sich wie Kinder bei der Weihnachtsbescherung, wieder in behaglicher Wohlhabenheit zu leben.

Weilers Heinrich aber lebt heute und im Delirium = aus der Furche geraten. Mit Klara vegetiert er in Jena in einer Art Baubude vor dem Jentower. Den hat gerade ein Krösus (Philipp Michael Börner) für seine gelangweilte Frau (Rahel Weiss) gekauft. Was aber nur Spaß bringt, bis man alle Bewohner vor die Tür gesetzt hat. Nun sind sie ganz oben, die Säcke voller Gold und innen drin immer noch die große Leere.

Wäre zu hungern wie Klara und Heinrich eine Alternative? Lassen sich die Asketen zum Bratwurstmampfen verführen? Erliegen die Armutsphilosophen dem Glanz des Goldes? Jauchzen und frohlocken sie mit Bach und Weihnachtsoratorium? Und was für eine Rolle spielt eigentlich die Bedienstete Christine? Wenn sie vor Kälte starr den langen Gang mit klappernder Tasse tut, um mit zitternder Hand etwas Warmes oder Nahrhaftes zu servieren, das Clara und Heinrich mit Haltung und in kleinen Schlucken zu sich nehmen, könnte man schon auf die Idee kommen, es gibt auch noch eine andere als die selbst gewählte Armut.

Das wäre eine von vielen Überlegungen, die Weilers Projekt generiert. Immer wieder stupst er sein aufmerksames und am Ende begeistertes Publikum auf das, was zwischen Bauboom und Bratwurstbude das Umfeld der Denkfabrik Theaterhaus ausmacht. Romantisches Fachwerk aus Tiecks Zeit spiegelt sich in den Fenstern des Jentower (Bühne: Florian Dietrich/Kostüme: Lena Hiebel). Ein Schuss fällt. Und noch einer. Ist hungern politisch? Ein Pilotprojekt? Oder nur die alberne Idee Übersatter? Im Theaterhaus gibt‘s erstmal viele Gründe für tosenden Beifall.

Nächste Vorstellungen am 12., 13. und 14. März, jeweils 20 Uhr