Der Mittelstand ist abgebrannt

Altenburg  Premiere für „Biedermann und die Brandstifter“ in Altenburg: Regisseurin Angelika Zacek mischt Gesellschaftsanalyse und Comic.

Max Frischs Brandstifter: Maximilian Popp als Eisenring und Thorsten Dara (rechts) als Schmitz.

Max Frischs Brandstifter: Maximilian Popp als Eisenring und Thorsten Dara (rechts) als Schmitz.

Foto: Rebecca Sparkes

„Wehe“ mahnt der Chor. „Wehe“. Im antiken Drama begleitet er die Helden auf ihrem Weg in den Untergang. Max Frisch greift diese Möglichkeit einer kommentierenden, seherischen Ebene auf, als 1958 „Biedermann und die Brandstifter“ in Zürich ihre Uraufführung erleben. Die Handlung selbst ist schnell erzählt. In Biedermanns Vaterstadt treiben Brandstifter ihr Unwesen. Da drängt sich dem Fabrikanten Biedermann ein Obdachloser auf. Was mit Brot und Wein beginnt, führt zu einer Schlafstelle im kalten Dachstuhl. Dort nistet sich ein weiterer Kumpan ein. Zusammen schaffen sie Benzinfässer auf dem Dachboden, die dazu dienen werden, Biedermanns Haus und die ganze Stadt niederzubrennen.

Frischs Brandstifter gerieren sich einerseits als Opfer, andererseits agieren sie nicht nur aggressiv, zynisch und menschenverachtend, sie nehmen auch kein Blatt vor den Mund: Tod und Verderben für die Anderen, ein Maximum an Spaß für sich selbst sind ihr Ziel. „Ein Lehrstück ohne Lehre“ nennt Max Frisch das Stück.

Wer ist Biedermann? Wo werden die Brandstifter verortet? Das sind immer die spannenden Fragen, wenn dieses so kluge und immer aktuelle Stück auf dem Spielplan steht. Regisseurin Angelika Zacek und ihr Bühnenbildner Peter Lehmann beantworten die erste Frage hinreißend einfach und deutlich, in dem sie auf ein gutbürgerliches Interieur verzichten. Gottlieb Biedermann (Bruno Beeke) lümmelt in seiner guten Stube auf Säcken voll Kohle. Auf ihnen beruht seine Sicherheit, über sie stolpern er und seine Gattin Babette (Ines Buchmann) aber auch immer wieder. Irgendwann reißt Babette sogar so einen Sack auf und schickt Hausmädchen Anna mit einer Handvoll Scheine einkaufen.

Spiel mit dem Feuer alternativlos

Wer sich durch Körperbeschriftung nicht ablenken lässt, merkt aber auch: Biedermanns Haufen wird kleiner und kleiner. Die Kohle wird umverteilt, die Brandstifter reißen sie sich unter den Nagel, bevor sie den kläglichen Rest nebst seiner Besitzer verbrennen. Wie tägliche Nachrichten informiert im Bühnenhintergrund Laufschrift über die gigantische Umverteilung von Vermögen von unten nach oben. Als Aktivisten von Greenpeace über Lobbycontrol bis Occupy mahnt der Chor den Mittelständler Biedermann, der Gier der wenigen Reichen Einhalt zu gebieten.

Die Brandstifter Schmitz (Thorsten Dara) und Eisenring (Maximilian Popp) maskieren sich als Comic-Figuren und ihr Spiel mit dem Feuer als gewissermaßen alternativlos. Fasziniert und tatenlos sieht Biedermann zu. Er selbst ist ja auch profitorientiert, aber eben kein Globalplayer.

Die Inszenierung hat mit Bruno Beeke einen ebenso smarten und großartig blinden Biedermann. Am Ende tanzen wir alle ausgelassen auf dem Vulkan. Biedermann ist jedermann.

Nächste Vorstellung: 3. März, 19.30 Uhr, Landestheater Altenburg

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