Der neue Grass

Wer 82 ist, muss granteln dürfen - Günter Grass' neues Buch Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung.

Günter Grass, "Grimms Wörter - Eine Liebeserklärung". (Foto: OTZ/Martin Gerlach)

Günter Grass, "Grimms Wörter - Eine Liebeserklärung". (Foto: OTZ/Martin Gerlach)

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Günter Grass ist leidenschaftlicher Tänzer. Vom Tanzen hat er vor ein paar Wochen zur Verblüffung seiner Zuhörer in Wurzbach geschwärmt, als er die dortige Grass-Ausstellung besuchte.

Leichtfüßig übers Parkett gleiten – nicht vielen 82-Jährigen ist das vergönnt. Und einiges von dieser lebhaften Geschmeidigkeit hat auch Grass’ neues, nach eigener Aussage "wohl letztes" Buch. Eine Liebeserklärung an den Reichtum der deutschen Sprache ist "Grimms Wörter" und an die beiden Männer, die sich vor über 150 Jahren daran machten, diesen Reichtum zwischen die Seiten eines Deutschen Wörterbuchs zu pressen.

Jacob und Wilhelm Grimm war nicht klar, zu was für einer Sisyphusarbeit sie sich – gerade wegen ihres aufrechten Auftretens gegen den Landesherren arbeitslos geworden – hatten überreden lassen. Die Philologen begannen, Wörter in Zettelkästen zu sammeln und baten ihre Freunde und Bekannten, dergleichen zu tun. "A, der edelste, ursprünglichste aller laute, aus brust und kehle voll erschallend, den das kind zuerst und am leichtesten hervorbringen lernt, den mit recht die alphabete der meisten sprachen an ihre spitze stellen..."

Generationen von Sprachwissenschaftlern haben nach dem Tod der Brüder Grimm weiter die Literatur seit dem 16. Jahrhundert nach Wörtern durchforstet, um sie nebst Belegstellen und Bedeutungen diesem Werk einzuverleiben. 1961 erschien der letzte, der 32. Band, und vollendete das Werk doch nur per Akklamation. Denn nur wenige Dinge sind so lebendig unterwegs, wie die Sprache. Werden so streng überwacht und geregelt. Wie obiges A-Zitat belegt, praktizierten die Grimms bereits 1854 im Wörterbuch die Kleinschreibung. Die ließ sich nicht einmal bei der letzten Rechtschreibreform durchsetzen. Zu deren erklärten Gegnern der Literaturnobelpreisträger bekanntlich gehört. Auch das neue Buch sieht keinen Anlaß, Anlass zu schreiben.

Die Geschichte des Deutschen Wörterbuchs gehört zu den merkwürdigsten deutschen Geschichten. Wie ein Kettenbrief schlängelt sich das Wörterklauben durch die Zeit. Selbst als die Deutschen sich in gegnerischen Blöcken wiederfinden, geht die gemeinsame Arbeit west- und östlich der Grenze weiter.

Wenn Günter Grass sich einem Thema zuwendet, entsteht meist der Eindruck, als entdeckt da jemand Neuland. Als habe man erst durch den "Krebsgang" vom Untergang der Gustloff gehört. Auch dass Jakob und Wilhelm Grimm nicht nur Kinder- und Hausmärchen sammelten, dass sie die Väter des Wörterbuchs sind und zu den Göttinger Sieben gehörten, ist ja so neu nicht. Auch nicht neu die Idee, sich an einem Wortgerüst durch ein Buch zu hangeln. Und die Fokussierung auf nur einen Vokal ist Jandels Mops eleganter gelungen. Trotzdem, es ist ein großes Vergnügen, wie dieser alte Schriftsteller leichten Fußes vom Hundertstens ins Tausendste springt, von Telgte zum Wahlkampf für Willi Brand, von Fonti zu Bettina. Wie er den Grimms und dem grimmen Grass nachspürt, Gespräche, Gedanken- und Lebenswelten imaginiert, sich an gewonnene und verlorene Schlachten erinnert. Er wäre wohl nicht Grass geworden, ginge es dabei nicht ab und an rechthaberisch, selbstgefällig und auch boshaft zu. Wer 82 ist, muss granteln dürfen.

Heute stellt Grass in Göttingen sein Buch vor, danach geht er auf Lesereise. U.a hat ihn die Leipziger Stadtbibliothek am 20. September in den Mendelssohn-Saal des Gewandthauses eingeladen.

Günter Grass: "Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung". Steidl. 158 S., 29.80 Euro

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