Gunther Emmerlich wird 75 – ein Gespräch über seine Kindheit in Eisenberg

Eisenberg  Gunther Emmerlich wird morgen 75. Ein Gespräch über seine entbehrungsreiche Kindheit in Eisenberg, einen Schulverweis und seine neue CD.

Sänger und Moderator Gunther Emmerlich in seinem heimischen Wohnzimmer in Dresden.

Sänger und Moderator Gunther Emmerlich in seinem heimischen Wohnzimmer in Dresden.

Foto: Robert Michael/dpa

Gunther Emmerlich feiert am 18. September seinen 75. Geburtstag. Wir sprachen vorab mit dem aus Eisenberg stammenden Sänger und Moderator am Telefon.

Herr Emmerlich, wie verbringen Sie Ihren 75. Geburtstag?

Ich feiere diesmal im kleinen Kreis. Aber meine Musiker wollten mich so nicht davonkommen lassen. Und so gibt es heute noch eine öffentliche Veranstaltung in Dresden – mit großartigen Musikern und mir wichtigen Gästen. Stumphi ist da. Und der Bezirk Gera ist mit Peter Ducke, Ulli Wegner und Andreas Schmidt-Schaller auch sehr stark vertreten. Ich darf das alles eigentlich gar nicht wissen, aber der Buschfunk hat es mir mitgeteilt. Der MDR schneidet mit; den Abend wird es also irgendwann im Fernsehen geben.

Sie leben seit ’zig Jahren in Dresden. Was bedeutet Ihnen Ihre thüringische Heimat?

Heimat ist nicht nur der Ort, wo man geboren wurde, sondern alles das erste Mal gemacht hat. Das hat Ewigkeitswert. Ich bin sehr gern in Eisenberg. Dort lebt zum Beispiel einer meiner beiden Söhne mit seiner Familie. Eine seiner Töchter, also meine Enkelin, hat mich zum Urgroßvater gemacht. Vor 14 Tagen bin ich außerdem zum zehnten Mal Großvater geworden, ich habe also zehn Enkelinnen und einen Urenkel. In Eisenberg hin und wieder aufzukreuzen, alte Freunde zu besuchen, mit denen in der „Butte“ auch mal Skat zu spielen, das kommt zwar alles zu kurz, aber es findet statt. Im Oktober bin ich zum Klassentreffen dort. Und da ich einmal aus der Schule geflogen bin, habe ich sogar zwei Klassen.

Warum sind Sie denn von der Schule geflogen?

Weil wir einen Lehrer hatten, zu dem es sich noch nicht herumgesprochen hatte, dass die Prügelstrafe abgeschafft ist. Der hat in der fünften Klasse einen damaligen Freund von mir geschlagen, und da habe ich ihm ein paar gedonnert, weil ich schon immer ein Gerechtigkeitsfanatiker war. Daraufhin sind wir beide von der Schule geflogen.

Sie sagen, Sie haben vieles in Eisenberg zum ersten Mal gemacht. Was zum Beispiel?

Alles – Hunger, rote Birne, erstes Verletzt-Sein, auch Verletzen, Klauen und Helfen, sogar mit Geklautem helfen…

Klauen?

Äpfel, Radieschen oder Kohlrabi. Ich bin in einer Zeit großgeworden, wo wir wirklich nichts hatten. Wir sind nicht in den Wald gegangen, um Pilze zu holen, weil das so romantisch war, ich habe dann auch Holz mitgebracht. Ich habe aber auch Kohlen geklaut am Bahnhof.

Ihr Vater kam nicht aus dem Krieg wieder...

Ja, da musste ich mich als Heranwachsender auch ein bisschen um die Familie mit kümmern, weil die Mutter krank war.

Ihre Mutter starb, als Sie elf Jahre alt waren. Wie sehr hat der Verlust der Eltern Sie geprägt?

Ich habe jetzt noch damit zu tun. Das verarbeitet man nie ganz. Ich habe zumindest mit der Kriegsgräberfürsorge dafür gesorgt, dass auf einem polnischen Soldatenfriedhof jetzt eine Platte liegt, wo der Name meines Vaters drauf steht. Man weiß zwar nicht genau, wo mein Vater gefallen ist, aber ich fand eine solche Platte wichtig, damit man mal hinfahren kann – auch mit der Familie. Dass mal jemand dasteht und die Mütze abnimmt.

Sie haben schon mit 15 in einer Band gespielt, und sich dennoch später fürs klassische Fach entscheiden.

Aber nicht ausschließlich. Wenn es etwas gibt, was mich auszeichnet, ist es meine Vielseitigkeit. Ich bin zwar studierter Opernsänger, aber ich habe nebenbei immer auch andere musikalische Richtungen ausgeübt. Ich habe übrigens gerade in München eine neue CD aufgenommen. Das sind poppige Nummern, teils auch etwas rockig und jazzig, mit sehr gescheiten Texten, die auch mit meinem Alter zu tun haben. Die CD kommt im Herbst heraus und heißt „Fortgeschritten“.

Stammen die Lieder aus Ihrer Feder?

Nein. Aber an den Texten habe ich zum Teil etwas mitgearbeitet, weil ich schon möchte, dass die Lieder wahrhaftig sind, dass sie zumindest von mir sein könnten. Der Komponist ist der legendäre Dresdener Bandleader Uve Schikora, der in den 70er Jahren nach München ging. Seine Combo war auch mal die Begleitband von Frank Schöbel.

Haben Sie schon neue Pläne, neue Projekte?

Oh ja. Anfang Oktober steht die Premiere eines ganz obskuren Programms im Theater von Tom Pauls in Pirna an. Er, der weltberühmte Trompeter Ludwig Güttler und meine Wenigkeit stehen dann gemeinsam auf der Bühne. Es ist auch ein Tourprogramm mit der hochgeschätzten Katrin Weber in Arbeit. Und ich spiele in Chemnitz und in Bad Hersfeld als Gast. In Mainz spiele ich im Musical „Johannes Gutenberg“ den legendären Buchdruckerfinder. Das Stück ist ein Riesenerfolg, immer ausverkauft, immer Standing Ovations. Deshalb spielen wir es im Januar wieder in Mainz und gehen damit im gleichen Jahr auf Tournee nach Frankreich, in die Schweiz, nach Österreich und natürlich in Deutschland.

Nach Pößneck kommen Sie im November mit dem Programm „Die Welt und ich – 70 Jahre Emmerlich“? Das stimmt ja nun eigentlich nicht mehr.

Das Programm ist eine Art Rückblick. Es geht um den frühen Emmerlich und die Musik, die ihn damals geprägt hat. Das ändert sich ja nicht. Aber ich werde gleich am Anfang die Schwindelei offenlegen.

Mit 75 schaut man schon mal aufs Leben zurück. Wie fällt Ihr Bilanz bisher aus?

Ich bin sehr dankbar, dass ich so viel erleben durfte. Ich habe in New York in der Carnegie Hall gesungen, in der Oper in Manaus/Brasilien und vor dem norwegischen König. Und in Hongkong habe ich Dixieland gespielt. Da kann man nur dankbar und demütig sein.

Zum Schluss würde ich gern mit Ihnen ein kleines Spiel spielen. Ich nenne Ihnen ein paar Entweder-Oder-Begriffe und Sie entscheiden sich für einen. Los geht’s: Wein oder Bier?

Beides. Das Bier um den profanen Durst zu löschen. Und den Wein, um länger bei einem guten Tropfen singen und sitzen zu können.

Sport oder Couch?

Am liebsten Sport gucken auf der Couch. Aber ich spiele auch nach wie vor Tischtennis, bin unter denen, die es nicht können, einer der Besten. Und ich wandere auch gelegentlich.

Lieber auf Reisen oder daheim?

Wenn ich auf Reisen bin, wäre ich gern daheim, und wenn ich daheim bin, gehe ich sofort auf Reise.

Chaotisch oder ordentlich?

Chaot mit Überblick.

Süß oder herzhaft?

Herzhaft.

Am liebsten Thüringer Klöße und Bratwurst?

Ja, was die Küche anbetrifft, bin ich thüringisch geprägt. Auch zu meiner heutigen Geburtstagsfeier, bei der wir ja genaugenommen hineinfeiern, bringt mein Sohn Thüringer Bratwürste mit. In Ostthüringen schmecken sie ja am besten. Und Klöße mache ich mir an festlichen Tagen höchst selbst. Ich mache die besten Thüringer Klöße in ganz Sachsen.

Beatles oder Rolling Stones?

Beatles.

Eule oder Lerche?

Ich bin eine Nachteule. Ich habe den Beruf auch ergriffen, weil die Proben erst um zehn beginnen.

Träumer oder Realist?

Da ist mir beides gegeben. Beides braucht man ja, wenn man in der Kunst tätig ist. Das Träumerische verleitet zum Fliegen, das Realistische macht klar, dass es auch eine Erdanziehung gibt.

  • Gunther Emmerlich wurde am 18. September 1944 in Eisenberg geboren.
  • Nach dem frühen Tod der Eltern wächst er bei seiner Schwester auf.
  • Zunächst studiert er an der Ingenieurschule für Bauwesen in Erfurt, um jedoch 1972 für ein Studium im Fach Operngesang nach Weimar zu wechseln.
  • 20 Jahre ist er festes Ensemblemitglied der Semperoper Dresden, wo er als Bass große Erfolge feiert.
  • Im Fernsehen avanciert seine Sendung „Showkolade“ zu Publikumsliebling. Es folgen unzählige TV-Auftritte, etwa als Moderator beim Semperopernball.

„Die Welt und ich – 70 Jahre Emmerlich“: Samstag, 2. November, 19 Uhr Schützenhaus Pößneck

Festliches Adventskonzert: Freitag, 13. Dezember, 19 Uhr, Festhalle Ilmenau

Karten gibt es in den Vorverkaufsstellen des Ticketshops Thüringen sowie unter (0361) 227 5 227 oder unter www.ticketshop-thueringen.de .

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