Kettcar in der Kulturarena: Zwischen Liebesliedern und Utopie

Jena  Nach zehn Jahren kehrt die Hamburger Band Kettcar nach Jena zurück. Politischer als damals – aber immer noch im Auftrag der Liebe.

Sänger Marcus Wiebusch (2. von rechts) und seine Band Kettcar spielten am Samstag zur Kulturarena Jena vor rund 3000 Fans.

Sänger Marcus Wiebusch (2. von rechts) und seine Band Kettcar spielten am Samstag zur Kulturarena Jena vor rund 3000 Fans.

Foto: Tino Zippel

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Sänger Marcus Wiebusch scheint ein Stein vom Herzen zu fallen. „Wir hatten schon Angst, ihr erkennt uns nicht mehr“, ruft er. Zehn Jahre ist es her, dass Kettcar zuletzt in Jena gespielt haben. Doch das Publikum ist beim Auftritt in der Kulturarena am Samstag von der ersten Minute an textsicher auf ihrer Seite.

Woher also die Furcht, nicht erkannt zu werden? Freilich, Marcus Wiebusch, Erik Langer, Reimer Bustorff und Lars Wiebusch sind mit den Jahren etwas ergraut. Und mit Christian Hake ist inzwischen ein neuer Schlagzeuger am Start. Doch vielleicht spielt Wiebusch auch darauf an, dass Kettcar sich inhaltlich verändert haben. Politischer sind sie. Weniger Liebeslieder, mehr Haltung und Protest in den Texten.

Aus kryptischen Indie-Punchlines, die geradezu dazu aufrufen, mit Edding an die Wände der Hochschultoiletten gepinselt zu werden, sind Storytelling-Epen geworden, die weniger Raum zwischen den Zeilen lassen.

Die Hymnen von vor zehn Jahren funktionieren noch

Warum diese zwei Pole am Samstag trotzdem bestens zusammen funktionieren, liegt wohl daran, dass für die Band und ihre Fans schon immer beides relevant war. Die Suche nach der Liebe und dem Selbst. Und die Wut auf eine Gesellschaft, in der Nächstenliebe am Grenzzaun endet und das Ich zum vermarktbaren Objekt verkommt. Und vielleicht waren beide Motive auch schon immer in den Texten vorhanden. Früher eben weniger eindeutig und offensichtlich.

Diese spannende Diskrepanz wird gleich zu Beginn des Konzertes deutlich. Die Studenten-Hymne „Money Left To Burn“ liefert genau jene aufklebertauglichen Songzeilen, die die Erstsemester vor zehn Jahren im Kassablanca in die Luft schrien. „Als ob wir anders wären“ – vertonter Balsam für die Seele des mittellosen aber visionären Geisteswissenschaftlers.

Die Erstsemester von damals sind heute auch wieder da und singen noch immer aus voller Kehle mit. Ob sich die ergrauten Wuschelköpfe noch immer vom Geldverdienen freisingen können, ist dabei völlig egal. Es sind Hits einer Generation, deren vornehmliches Ziel und Problem zugleich die Selbstverwirklichung war.

Zehn Jahre später kann sich wohl keiner mehr ruhigen Gewissens darauf beschränken. Auch Kettcar nicht. Mit „Sommer 89“ folgt der erste Höhepunkt des Abends. In den Strophen trägt Wiebusch im Sprechgesang die Geschichte eines Jungen vor, der mit einem Bolzenschneider zur deutsch-ungarischen Grenze aufbricht, um DDR-Bürgern zu Flucht zu verhelfen. Obwohl es im Text nie explizit gesagt wird, liegt die Assoziation mit der Situation der heutigen Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa auf der Hand. Und obwohl nur der Refrain Mitsingpotenzial hat und der Großteil des Songs von der Erzählung Wiebuschs getragen wird, ist die Band nach der letzten Zeile ergriffen von der Reaktion des Publikums.

„Ich sollte beim nächsten Mal, beim Singen die Augen zu machen. Danke Jena!“, sagt Wiebusch, der an diesem Abend zum Plaudern aufgelegt ist. So wie auch Bassist Reimer Bustorff, der mit Geschichten über seine Mutter unterhält. „Lieber peinlich als authentisch“, ließe sich hier eine Textzeile der Band zitieren.

Auch der folgende „Emo-Block“, wie Wiebusch ihn nennt, folgt diesem Motto. „48 Stunden“, „Balu“ und „Balkon gegenüber“ zählen zu jenen Songs, die in eine Zeit passen, als dem Akademiker von heute „schlichte“ Gefühle noch nicht peinlich waren. In der man froh war, eine Band gefunden zu haben, die Liebeskummer auf deutsch vertonte, ohne zu tief in die Klischeekiste zu greifen.

Um Gefühle geht es manchmal auch in den neuen Songs. „Der Tag wird kommen“ ist ein Neun-Minuten-Stück über Homophobie im Fußball, das gleich mehrere Gänsehautmomente in der Arena auslöst. „Fühlt ihr das?“, fragt Wiebusch. Und das Publikum beantwortet die Frage eindeutig positiv, mit einem vorher vereinbarten Handzeichen.

Die Zuhörer fühlen das Konzert bis zur letzten Zugabe „Landungsbrücken“. Ein Song über das Ankommen und in den 2000ern ein Muss in den Jenaer Studenten-Diskos. Und auch wenn viele der damaligen Hörer inzwischen wohl ihren Hafen gefunden haben, behält er seine Relevanz. Genau wie die Band Kettcar – die zwar grauer und textlich reifer geworden ist. Aber deren Utopien von Liebe und Gesellschaft auch heute noch wunderbar (un)peinlich sind.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Kommentare sind für diesen Artikel deaktiviert.