Wie im Krimi: Neues aus der Pathologie - Corona-Tagebuch von OTZ-Chefredakteur Jörg Riebartsch

Private und dienstliche Erlebnisse rund um das derzeit wichtigste Thema der Welt (58). Man kennt ihn aus Krimis, den Pathologen, den Gerichtsmediziner, der an Leichen herumschnippelt um herauszufinden, woran der Mensch denn nun gestorben ist. Das gewinnt auch bei den Todesfällen in Coronazeiten an Bedeutung. Und die Weltgesundheitsorganisation WHO sieht derzeit acht Forschungsvorhaben auf dem richtigen Weg zu einem Impfstoff - sogar früher als befürchtet.

Pathologen der Charité erforschen das Krankheitsbild von Corona, möglichst viele Obduktionen sind geplant. Sie sollen zeigen, was sich bei Covid-19 im Körper wirklich abspielt. Das könnte helfen, die Behandlung von Patienten zu verbessern

Pathologen der Charité erforschen das Krankheitsbild von Corona, möglichst viele Obduktionen sind geplant. Sie sollen zeigen, was sich bei Covid-19 im Körper wirklich abspielt. Das könnte helfen, die Behandlung von Patienten zu verbessern

Foto: Bernd Wüstneck/dpa (Symbolfoto)

Dienstag, 12. Mai 2020: Zuerst hatte ich vor mehreren Tagen über die Pathologie des Universitätsspitals von Zürich berichtet, die an Corona verstorbene Patienten seziert hatte (und sie werden das auch heute noch tun). Die Frage lautet: Woran sind denn die Menschen nun genau gestorben?

Dem Fachmagazin „Annals of Internal Medicine“ lässt sich nun entnehmen, dass am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) ebenfalls zwölf Tote autopsiert wurden, die mit Corona infiziert waren. Die Forschungsgruppe dazu wird von dem Infektiologen Dominic Wichmann geleitet.

Er und seine Kollegen stellen nun fest: Sars-Covid-2 kann zu Blutgerinnseln und tödlichen Lungenembolien führen. Zumindest bei sieben der zwölf untersuchten Toten wurde ein Blutgerinnsel gefunden, das sich in tiefliegenden Venen der Beine gebildet hatte. Vier weitere Patienten waren an einer akuten Lungenembolie gestorben. Dabei wird ein Blutgerinnsel in die Lungenarterien eingeschwemmt. Das wiederum behindert den Sauerstofftransport im Körper. Mit diesem Vorgang kenne ich mich deshalb einigermaßen gut selbst aus, weil eine Familienangehörige das Problem hatte - lange vor Corona. Das gewissermaßen persönliche Erlebnis führte damals allerdings glücklicherweise nicht zum Tode der Patientin.

Gerinnungsstörungen betreffen etwa die Hälfte aller Covid-19-Patienten

Wie ich einer Mitteilung des Portals „Business Insider“ entnehme, ist das Thema mit dem Blutgerinnseln auch an der Münchner Klinik in Schwabing bekannt. Auch auf dieses Krankenhaus war ich in meinem Tagebuch zu Corona bereits eingegangen. „Offensichtlich führt eine Infektion mit Sars-CoV-2 zu einer gesteigerten Formation von Blutgerinnseln, die bei Auftreten von Lungenembolien auch als Todesursache bei einem Teil der Patienten in Frage kommt“, stellt bei „Business Insider“ Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin an der München Klinik Schwabing, fest: „Man muss davon ausgehen, dass die Gerinnungsstörungen etwa die Hälfte aller Covid-19-Patienten betreffen kann.“

Die Hamburger Forscher vermuten nun, dass Covid-19 zu Blutgerinnungsstörungen führen kann und das Blutgefäßsystem einen zentralen Angriffspunkt für das Coronavirus darstellt. Meiner Meinung nach widerspricht dies nicht den Ergebnissen der Pathologen aus der Schweiz, die durch die Obduktionen ihrer Corona-Toten meinten herausgefunden zu haben, dass das Virus das Endothel schädigt. Damit bezeichnet man die zum Gefäßlumen hin gerichteten Zellen der innersten Wandschicht von Lymph- und Blutgefäßen. Unabhängig von ihrem unterschiedlichen Aufbau sind alle Gefäße aus dem Herz-Kreislauf-System des Menschen mit einer einzelligen Lage von Endothelzellen ausgekleidet.

Vielleicht werden all diese Forschungsergebnisse bald einmal am Universitätsklinikum der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen zusammengeführt. Dort will das Institut für Pathologie ein zentrales Register für Covid-19-Obduktionen einrichten. Ziel ist ein umfangreiches Patientenregister mit Daten aus Deutschland und dem deutschsprachigen Raum. Wenn man nämlich weiß, was das Coronavirus tatsächlich im Körper anrichtet, kann man sowohl einen Impfstoff danach ausrichten, als auch ein Medikament zur besseren Heilung.

400 Wissenschaftler weltweit arbeiten an Impfstoff

Was die Entwicklung eines Impfstoffes anbelangt, sieht die Weltgesundheitsorganisation WHO größere Fortschritte als ursprünglich angenommen. Acht vielversprechende Ansätze für ein Pharmaprodukt würden derzeit verfolgt, teilte die WHO mit. Im März war die Organisation noch davon ausgegangen, dass es bis zu anderthalb Jahren dauern kann, bis ein Impfstoff verfügbar ist. Nun soll es wesentlich schneller gehen. Bis zu acht Entwicklungen hält die WHO für vielversprechnd, ohne nähere Details zu schildern. Derzeit sollen weltweit 400 Wissenschaftler an einem verwertbaren Impfstoff arbeiten. Das Coronavirus Covid-19 gilt bei der WHO als äußerst ansteckend. Weltweit seien mehr als vier Millionen Menschen infiziert. Das Robert-Koch-Institut (RKI) bestätigte diese Zahl heute Vormittag, Dienstag, 12. Mai 2020. Die sogenannte Reproduktionszahl, also die Quote, wieviel Kranke Gesunde anstecken, liegt aktuell immer noch leicht über 1 in Deutschland.

Die heutige Corona-Todeszahl, ermittelt um 12 Uhr, liegt laut RKI bei 7533 für Deutschland. Die Hochrechnung der amerikanischen Johns-Hopkins-University sagt 7661 Tote in Deutschland.

Die WHO meldet weltweit etwa 275.000 Tote infolge einer Infektion mit dem Coronavirus.

Bleiben Sie gesund!

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