Kindesmissbrauch leider auch Thema im Saale-Orla-Kreis

Wo beginnt sexueller Missbrauch und woran erkenne ich, dass (m)ein Kind betroffen ist? Was können Eltern, Schule, Kirche, Gesellschaft präventiv tun? Welche Hilfsangebote gibt es für Betroffene?

Mit diesen brisanten Fragen setzten sich am Donnerstag die Gäste eines Informationsabends zum Thema „Umgang mit sexuellem Missbrauch“ auseinander, zu dem das Beratungslehrer-Team des Pößnecker Gymnasiums Am Weißen Turm eingeladen hatte. Gastreferenten waren Irene Döring und Rainer Ballnus, Vorstände des vor sechs Jahren gegründeten Vereines „Licht nach dem Dunkel“, der sich bundesweit für Präventionskonzepte und Hilfsangebote für Opfer sexueller Gewalt einsetzt. Mit etwa fünfzig Hörern war die Resonanz auf den eher diskret beworbenen Informationsabend überraschend hoch.

„Ein Kind muss durchschnittlich sieben Mal Anlauf nehmen, sein Leid zu offenbaren, bis es endlich Hilfe bekommt“, sagte Ballnus in seinem etwa 90-minütigen Vortrag. „Die Täter kommen zu etwa 85 Prozent aus dem Nahbereich der Opfer, sind also Väter, Großväter, enge Freunde der Familie. Deshalb ist der vom Kind ausgesprochene Vorwurf für die ins Vertrauen gezogenen Angehörigen oft so unvorstellbar, dass dem Kind nicht geglaubt wird.“

Ballnus, der viele Jahre als Kriminalist mit Opfern und Tätern zu tun hatte, mahnte seine Hörer, plötzliche Verhaltensänderungen ihrer Kinder, aber auch Schlafstörungen, Essstörungen, Leistungsabfall in der Schule und auftretende Agressionen unbedingt ernst zu nehmen. Diese Dinge können Alarmsignale sein, müssen es aber nicht. „Ans Herz legen“, sagte Ballnus, „möchte ich Ihnen folgende drei Grundregeln: Glauben Sie Ihrem Kind! Helfen Sie Ihrem Kind! Schützen Sie Ihr Kind!“

Der Experte merkte auch an: „Je autoritärer Strukturen sind, in denen Kinder und Jugendliche aufwachsen und erzogen werden, umso größer ist die Gefahr, dass Missbrauch stattfindet und nicht bekannt oder verfolgt wird. Je elitärer Betreuungseinrichtungen sind, desto größer ist die Angst Betroffener, ihr Leid offenzulegen, denn sie wollen keine Nestbeschmutzer sein.“

Gisela Külkens, Leiterin der Pößnecker Erziehungs- und Familienberatung des Diakonievereins Orlatal, machte auf das Angebot ihrer Einrichtung aufmerksam: „Wir arbeiten immer wieder mit Familien, in denen sexuelle Gewalt gegen Kinder – aktuell oder in der Vergangenheit – eine Rolle spielt“, sagte die Sozialpädagogin. „Wir möchten Betroffene ermutigen, qualifizierte Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wir sind als Familienberatungsstelle des Saale-Orla-Kreises in Pößneck, Neustadt, Schleiz und Bad Lobenstein für Ratsuchende da. Sie können sich auch anonym an uns wenden, telefonisch, per E-Mail, über unsere Homepage www.diakonieverein-orlatal.de oder persönlich während unserer Sprechzeiten.“

Im Gesundheitsamt des Landratsamtes des Saale-Orla-Kreises gibt es außerdem eine Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen. Verantwortlich ist Stefanie Hennig, die unter Tel. 0 36 63/4 88-0 erreichbar ist.

Der informative Abend hat einmal mehr gezeigt, dass das derzeit in den Medien sehr präsente Thema des sexuellen Missbrauchs auch in unserer Region eine Rolle spielt. „Ich bin als Kind Opfer meines Stiefvaters gewesen“, sagte nach der Veranstaltung eine junge Frau, die aber anonym bleiben möchte. „Mein ganzes Leben ist bestimmt von den Folgen: Selbstverletzung, ständige auch stationäre Therapien und trotzdem immer wiederkehrende Suizidgedanken.“

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