Band „Nationalsozialistische Lager und ihre Nachgeschichte in der Stadt Region Jena“ im Rathaus Jena vorgestellt

Jena  Im Rathaus wurde ein wichtiger Baustein zur NS-Geschichte Jenas vorgestellt. Der Lernort steht vorerst in weiter Ferne.

Anlässlich 70 Jahre Befreiung wurde am Freitag zu einer Buchvorstellung und Ausstellungseröffnung ins Rathaus eingeladen. Foto: Frank Döbert

Anlässlich 70 Jahre Befreiung wurde am Freitag zu einer Buchvorstellung und Ausstellungseröffnung ins Rathaus eingeladen. Foto: Frank Döbert

Foto: zgt

Es ist nur ein unschein­barer Zettel, aber er entschied über Leben oder Tod. Er dokumentiert den bisher einzigen bekannten Auftritt des KZ-Kommandanten von Buchenwald, Hermann Pister, in Jena. Am 2. August 1944 besichtigte er ein bereits bestehendes Lager in der Löbstedter Straße um zu prüfen, ob es den Voraussetzungen für ein vom Reichsbahnausbesserungswerk beim SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt (WVHA) in Oranienburg beantragtes KZ genügt. Es genügte. So meldete Pister an das Amt D (Konzentrationslager) des WVHA, dass „nur Männereinsatz in Frage (kommt), 1000 Häftlinge sind angefordert. Hierbei 20 - 25 % Facharbeiter. Postenbedarf wegen teilweise Unübersichtlichkeit auf 1 Kommandoführer, 80 Mann festgestellt. Termine für voraussichtlichen Einsatz ca. Anfang Dezember 1944.“ Es ging dann doch schneller. Am 4. Oktober 1944 kam der erste Häftlingstransport aus Buchenwald an. Mehr als 1000 der aus vielen Ländern Europas stammenden Häftlinge leisteten im RAW Zwangsarbeit. Wie viele dabei und auf dem Todesmarsch umkamen, ist bis heute nicht geklärt. Es sind Hunderte. Trotz intensiver Suche lässt sich zum Beispiel das Schicksal des holländischen Häftlings Arie Hess (es gibt seit April 1945 kein Lebenszeichen mehr von ihm) vermutlich kaum noch klären.

70 Jahre nach der Befreiung sind immer noch langwierige Forschungen und eben glückliche Umstände vonnöten, um solche Belege wie den zu Pisters Jena-Termin zu Tage zu fördern, die den Alltag der Menschenvernichtung im Nazi-Regime illustrieren. Zu den Defiziten in der lokalen Forschung zählte bisher das System der Lager in der Stadt, in denen die Mehrheit der Zwangsarbeiter und Häftlinge während des Krieges lebten. Die Forschungsergebnisse zur antisemitischen Kommunalpolitik, der Zwangsarbeit, der Todesmärsche, der juristischen Verfolgung der Verbrechen und die Gedenkkultur sind nun in dem Band „Nationalsozialistische Lager und ihre Nachgeschichte in der Stadt Region Jena“ versammelt und Ende vergangener Woche durch Herausgeber Marc Bartuschka im Rathaus vorgestellt worden.

So verdienstvoll die Beiträge in dem 400-Seiten-Band auch sind und so erhellend sie für viele Leser sein mögen, die von diesem Kapitel der Jenaer Stadt­geschichte wenig wussten: Die Aufarbeitung der NS-Zeit kann und wird noch nicht zu Ende sein, zu vieles verbirgt sich im Dunkel der Archive. Gemessen an den vom Stadtrat und dem Kulturausschuss selbst formulierten anspruchsvollen Zielstellungen zur Erarbeitung eines NS-Gedenkkonzeptes sind zwar die ersten Hürden genommen. Das Kernstück jedoch, ein Gedenk- und Lernort, liegt unverändert in weiter Ferne. An dem Fakt, dass Räume der Imaginata offenbar nicht zur Verfügung stehen, scheint sich vorerst nichts zu ändern. Immerhin, die Gespräche sollen fortgeführt werden, kündigte OB-Büroleiter Matthias Bettenhäuser auf eine Frage aus dem Publikum hin an. OB Albrecht Schröter sagte, er wolle sich persönlich für den Fortgang engagieren. Ein Lernort sei beschlossen, „und den brauchen wir auch“.

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