In der finstersten Zeit des Kalten Krieges: Uwe Barschel 1984 zu Besuch in Jena

Jena  Unterlagen aus dem Univer­sitätsarchiv vertiefen Informationen zu dem Besuch von Uwe Barschel am 26. April 1984 in Jena (OTZ vom 11. Februar).

Friedenskundgebung im Oktober 1983 auf dem Markt gegen den NATO-Raketenbeschluss. Zur selben Zeit waren auf dem Forst sowjetische Atomraketen stationiert, wurden bei Carl Zeiss Jena neue Rüstungsprojekte für ein sowjetisches Sternenkriegs-Programm entwickelt, währenddessen das MfS die Jenaer Friedensbewegung zerschlug. Foto: Frank Döbert

Friedenskundgebung im Oktober 1983 auf dem Markt gegen den NATO-Raketenbeschluss. Zur selben Zeit waren auf dem Forst sowjetische Atomraketen stationiert, wurden bei Carl Zeiss Jena neue Rüstungsprojekte für ein sowjetisches Sternenkriegs-Programm entwickelt, währenddessen das MfS die Jenaer Friedensbewegung zerschlug. Foto: Frank Döbert

Foto: zgt

Für Rita Seifert ist es fast eine Lebensaufgabe, die 800 laufenden Meter Akten, die aus der DDR-Zeit der Friedrich-Schiller-Universität überliefert wurden, im Uni-Archiv zu verzeichnen. So brauchte es einige Tage, unter den in über 40 Jahren entstandenen Papieren die zu finden, die etwas mit der Barschel-Stippvisite in Jena in jenem Jahr zu tun haben. Immerhin geht daraus neben bereits Bekanntem der Ablaufplan dieser inoffiziellen viertägigen Reise hervor. Danach reiste er am 24. April 1984 über den Grenzübergang in ­Gudow-Zarrentin ein, um am selben Tag um 15 Uhr in Dresden anzukommen und dort im Hotel Newa (an der Prager Straße, heute Pullman-Hotel) zu übernachten. Am nächsten Tag stand ein Betriebsbesuch im VEB Elbe-Chemie auf dem Programm, am Nachmittag die Weiterfahrt durchs Erzgebirge und Übernachtung im Kongreß Hotel (unweit des Marx-Denkmals) in Karl Marx-Stadt. Donnerstag, 26. April 1984, dann Jena, Weiterfahrt nach Berlin und zwei Übernachtungen im Palast-Hotel, dazwischen Besuch in Potsdam und Opern- oder Theaterbesuch; am Sonntag, 28. April, 20.30 Uhr Grenzübergang ­Gudow-Zarrentin.

Die große Frage ist: Was wollte sich Barschel insbesondere im VEB ­Elbe-Chemie anschauen, was im Erzgebirge? Die Frage lässt sich mangels Dokumenten nicht konkret beantworten. Zieht man jedoch die Jenaer Gesprächspartner in Betracht und den hohen Bedarf an mit Embargo belegten Spitzentechnik aus dem Westen, darüber hinaus die von der DDR betriebenen umfangreichen Waffengeschäfte in zahlreichen Dritte-Welt-Ländern sowie mit Iran und Irak, kommt man der Sache vermutlich etwas näher.

Vom Jena-Aufenthalt Barschels wusste dessen damaliger Chauffeur Heinz Proksch schon 1992 zu berichten, dass (was nicht im offiziellen Protokoll steht) sich sein Chef auch bei Zeiss aufgehalten habe: „Ich ­habe ihn vorne abgesetzt bei dem Haupttor und hab‘ dann draußen warten müssen und nach etwa zwei Stunden kam er wieder heraus.“ Unklar ist ­geblieben, ob er in seinem Fahrzeug in der Tatzendpromenade vor dem G-Betrieb zu warten hatte oder am Hauptwerk. Uwe Barschel, der „Klassenfeind“, der inoffiziell Zeiss besucht und dann in aller Öffentlichkeit aus dem Hauptwerk spaziert? Dafür müsste es doch Zeugen geben, zumal damalige Geheimnisträger-Verpflichtungserklärungen heute nicht mehr gelten.

Orientierung an Lasern des US-Militärs

Barschel traf bei seinem Uni-Besuch mit Rektor Bernd Wilhelmi zusammen, bekanntermaßen Physiker und Laser-Experte. Und der schleswig-holsteinische Ministerpräsident soll auch mit Dr. Sch. gesprochen haben. Während letzterer sich mit CO2-Wellenleiterlasern beschäftigte und an einem 1987 aus dem Westen in einer streng geheimen Ost-West-Kooperation beschafften Hochleistungslaser dieses Typs forschte, ist aus Akten des Uni-Archives zu entnehmen, dass Wilhelmi eine siebenseitige, als Vertrauliche Dienstsache 1/84 registrierte Expertise über den Stand der Entwicklung von Laser-Waffen in den USA erarbeitete, ein knappes Jahr nachdem der damalige Präsident ­Ronald Reagan im März 1983 seine „Starwars“-Offensive angekündigt hatte. Die Entwicklungsziele bestanden demnach darin, Laser für Gefechtsfeldwaffen zu entwickeln, zum Beschuss von Frühwarn-Satelliten und zum Abschuss gegnerischer Mittelstrecken- und Interkontinentalraketen. Interessant ist darin die Feststellung, dass Anfang 1984 sich nur die CO2- und chemischen Laser in einem technischem Stadium befänden mit Leistungen im Bereich von einigen 100 Kilowatt. Ein erstes Modell solle 1984 als mobile Testeinheit der US-Army bereitgestellt werden. (Als 1987 ein CO2-Laser in der Sektion Physik streng abgeschirmt aufgestellt wurde, verfügte der über eine ähnliche Leistung und war als mobiles Gerät konzipiert.) 1983 sei es bereits gelungen, mit einem CO2 gasdynamischen Laser eine „Sidewinder“ Luft-Luft-Rakete abzuschießen. Eine Rakete dieses Typs hatte der sowjetischen Geheimdienst in der Bundesrepublik bereits 1967 in einer spektakulären Aktion „beschafft“. Der optoelektronische Zielsuchkopf wurde „Objekt 02“ im Zeiss-G-Betrieb weiterentwickelt und in Serie für den Warschauer Pakt in Großserie hergestellt.

Hochtechnologie für den Sternenkrieg made in Jena

Noch bevor allerdings Reagan die Amerikaner auf das milliardenschwere SDI-Programm einstimmte, hatte in Jena bei Zeiss vom 17. bis 21. Dezember 1982 eine Beratung mit sowjetischen Kosmos-Experten stattgefunden, in der es, wie die Geheime Verschluss-Sache GVS GR 4/21 ausweist, um die Beteiligung des Kombinates an wesentlichen Bausteinen für ein russisches SDI-Programm ging. Die Projekte nannten sich PTKP und IRIS, letzteres ein Gerät zur militärischen Erderkundung mit Bild-Übertragungen aus dem Weltraum in Echtzeit. Außerdem die Entwicklung von Geräten zur Kontrolle und Justierung von kosmischen adaptiven Präzisionsteleskopen RT-70 und RT-30 mit 70 beziehungsweise 30 Metern Durchmesser. Die zu lösenden wissenschaftlich-technischen Aufgaben ließen sich so zusammen fassen: Positionierung von Laserkanonen, Ortung strategisch bedeutender Objekte, Überwachung des Luftraumes. Demonstriert wurde während der Konferenz die Ortung eines Flugplatzes aus einem Foto einer bei Zeiss entwickelten Multispektralkamera MKF 6. Allein für die Entwicklung der dafür notwendigen CO2-Laser bei Zeiss nach Schätzung von 1987 laut GVS-p GR 4/2-405/87 auf 150 Millionen DDR-Mark veranschlagt. Erst ab 1990/92 sollten in Serie bis 4000 Laser-Zielsuchgeräte für Panzer der neuesten Generation produziert werden, dazu bis 10 Präzisionswellenleiterlaser für die Kosmos-Anwendung, und zwar in einem bis dahin in Jena zu errichtenden Optik-Technikum mit über 500 Beschäftigten.

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