Zeitzeuge aus Greiz erinnert sich: „Kommt nur raus, der Krieg ist vorbei“

Greiz  Der Greizer Wolfgang Kriester erinnert sich gut an den Zweiten Weltkrieg. Die Berichte zum 70. Jahrestag des Kriegsendes haben ihn animiert, über seine Erlebnisse zu berichten.

Der Greizer Wolfgang Kriester berichtet, wie er das Kriegsende vor 70 Jahren erlebt hat. Foto: Katja Grieser

Der Greizer Wolfgang Kriester berichtet, wie er das Kriegsende vor 70 Jahren erlebt hat. Foto: Katja Grieser

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In den zurückliegenden Wochen und Monaten gab es zahlreiche Berichte anlässlich des 70. Jahrestags des Kriegsendes. „Im ganzen Land gab es Gedenkveranstaltungen von offizieller Seite, nur in Greiz so gut wie nichts. Das kann ich nicht nachvollziehen“, ärgert sich Wolfgang Kriester. Deshalb haben wir den 77-Jährigen gebeten, uns seine Erinnerungen an den Krieg zu schildern.

„Jede Nacht gab es Fliegeralarm, als Gera bombardiert wurde“, erzählt der Greizer. Von Pohlitz aus habe er die so genannten Christbäume sehen können, die vor den Bomben abgeworfen wurden. „Wir mussten jede Nacht raus in den Keller des Gasthofs Pohlitz, bis die Entwarnung kam“, so Kriester. Eines Tages wollte der damals Siebenjährige nicht mit. „Dann hat meine Mutter gesagt: ‚Da geh ich eben allein‘. Naja, ich bin schließlich doch mitgegangen“, erinnert sich der Greizer. Da ­viele Häuser keine Keller hatten, versammelten sich die Bewohner in den Gebäuden mit Keller. „30 bis 35 Leute können es schon gewesen sein, die mit uns im Luftschutzkeller saßen“, denkt Kriester zurück.

Vor Augen hat er auch noch, wie die Bomben auf Greiz gefallen sind. „Bei meinem Onkel im Garten haben wir gesehen, wie eine Bombe ausgeklinkt wurde“, beschreibt Wolfgang Kriester, der sich auch erinnert, welche Häuser es, beispielsweise in der Waldhausstraße, erwischt hat.

Exakt kann der Senior beschreiben, was am 16. April 1945 – der Geburtstag seines Vaters, der eingezogen wurde und zu der Zeit nicht in Greiz war – geschehen ist. „Um 14 Uhr gab es Feindalarm, die Leute sind nach Hause gerannt und in den Luftschutzkeller gegangen“, erinnert sich Wolfgang Kriester. Das Bedrückende an der Situation war, dass keiner wusste, wie lange man sich verstecken musste. „Meine Mutter hatte deshalb immer einen Koffer dabei, in dem ein paar Lebensmittel waren“, erzählt der Greizer. Am 16. April mussten sie im Keller bleiben, von dem „herrlichen, fast Sommertag“, wie ihn Wolfgang Kriester beschreibt, haben sie so gut wie nichts mitbekommen. Tagsüber seien Schüsse gefallen, in der Nacht habe es sich beruhigt. „Eine ältere Frau aus der Zaschbergstraße, die immer sehr mobil gewesen ist, ist am frühen Morgen aus dem Keller gegangen“, erinnert sich der Rentner. Nach einer Weile kam sie zurück mit den Worten: „Kommt nur raus, der Krieg ist vorbei. Die Amerikaner sind da. Ich habe schon mit ihnen gesprochen, es sind gute Leute.“

Einige Greizer waren dennoch verängstigt, noch immer waren ab und an Schüsse zu ­hören. „Später kam eine Panzertruppe die Pohlitzer Straße rauf und fuhr Richtung Mohlsdorf. Dann sind wir nach Hause ­gegangen, es war Ruhe“, erzählt der Greizer. Die Begegnung mit den Amerikanern in der Oberen Braunstraße hat Kriester in ­guter Erinnerung, Schokolade und Kaugummi bekam der ­Junge damals. Die Verpflegungssituation habe sich dank der Amerikaner verbessert. „Als sie weg waren und die Russen ­kamen, wurde die Versorgung wieder schlechter“, erinnert sich der 77-Jährige, dessen Familie noch bis zum Sommer 1945 ­warten musste, bis der Vater nach Greiz zurückkehrte.

Die Nachkriegsjahre bezeichnet Wolfgang Kriester als „schlimme Zeit“, erinnert sich noch gut, wie die sich Greizer in der Anlage Einigkeit Gärten ­angelegt haben, um sich besser ­versorgen zu können.

All die Erinnerungen wurden durch die Veranstaltungen zum 70. Jahrestag des Kriegsendes bei dem Greizer wach. Vergessen werden sollte nichts, findet Wolfgang Kriester, der deshalb seine Geschichte erzählt hat.

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