Negativ-Trend bei Adoptionen

Im Jahr 2009 wurden in Thüringen 98 Kinder adoptiert. Das sind acht mehr als im Jahr davor, teilte das Sozialministerium auf Anfrage dieser Zeitung mit. In Thüringen kommen auf ein kind drei Bewerber.

Spaziergang in Erfurt. Foto: Alexander Volkmann

Spaziergang in Erfurt. Foto: Alexander Volkmann

Foto: zgt

Erfurt/Jena. "Auch wenn in den Jahren 2008 und 2009 die Anzahl der vorgemerkten Adoptionsbewerbungen mit 179 konstant war, setzt sich die kontinuierlich rückläufige Entwicklung der letzten Jahre fort", teilte die zuständige Mitarbeiterin des Ministeriums mit. Gesicherte Erkenntnisse über die Ursachen dieser Entwicklung lägen nicht vor. Angenommen wird die Zurückstellung des Kinderwunsches und weiterentwickelte Verfahren der künstlichen Befruchtung. Der Trend ist kein Thüringer Phänomen, sondern ist auch auf Bundesebene zu beobachten. Deutschlandweit wurden im Jahr 2009 knapp 3900 Kinder und Jugendliche adoptiert.

Auf drei vorgemerkte Bewerbung kommen laut Thüringer Sozialministerium statistisch ein Kind. Im Jahr zuvor waren es noch fünf pro Kind.

Die Kinder werden meist von alleinstehenden und geschiedenen Frauen zur Adoption freigegeben, heißt es. Seltener handele es sich um Heranwachsende , die von beiden Elternteilen betreut werden.

Mathilda ist adoptiert - Wie es Eltern geht, die auf natürlichem Weg kein Kind bekommen können

Mathilda weint. Mit kräftiger Stimme. Vielleicht weil es Mittag ist. Oder weil sie Hunger hat. Oder einfach nur so. Dann geschieht, was fast immer in solchen Momenten passiert. Die Frau nimmt Mathilda auf den Arm, wiegt sie. Mathildas Stimme verliert an Kraft und bald wird sie schlafen. Die Frau hat es geschafft – das Behagen ist wieder hergestellt. Die Frau hat alles richtig gemacht. Sie ist nicht ihre leibliche Mutter. Sie wird es niemals sein.

Als sich Heike Müller und Andreas Albrecht 1998 kennenlernten, sich zwei Jahre später verlobten und wieder zwei Jahre später am Kindertag heirateten, war das Familienglück fast perfekt. Nur Kinder fehlten, um ihr Verständnis von einem vollkommenen Leben perfekt zu machen. Die beiden wünschen sich 2002 Nachwuchs. Heike wird schwanger, ist glücklich.

Doch sie erleidet eine Fehlgeburt. Dann scheitert der zweite Versuch. Dann der Dritte. "Wir haben uns schließlich von dem Gedanken verabschiedet, Eltern zu werden", sagt Heike Albrecht. Aber nicht für immer. Die Albrechts überlegen, ein Kind zu adoptieren. Ein Jahr lang lassen sie sich Bedenkzeit, dann steht es für sie fest.

Sie wandten sich an das Jugendamt Jena, an Evelin Lindner, die sich seit der Wende um Adoptionen kümmert. Die Jenaerin war eine der ersten Adoptionsvermittler, die in Thüringen offene Adoptionen anstrebten und durchführten. Das ist inzwischen 18 Jahre her. Noch immer favorisiert sie diese Vermittlungsform. Offene Adoptionen ermöglichen dem adoptierten Kind ein selbstverständliches Erleben der "doppelten Elternschaft" in der Zugehörigkeit und emotionalen Verbundenheit mit den Adoptiveltern, sagte Evelin Lindner. Das Adoptivkind erhalte Sicherheit, lebenslange Wertschätzung der verantwortungsvollen Entscheidung der Adoptionsfreigabe und Selbstwertstärkung. Der Adoptionsvermittler begleite die Phasen der Offenen Adoption. Die Beteiligten lernen sich kennen, vereinbaren Regeln und Folgetreffen. Wenn beide Seiten – Adoptiveltern und leibliche Eltern – es wünschen und ausreichend Vertrauen entstanden ist, können die Anonymität aufgehoben und Treffen ohne Beteiligung der Vermittlungsstelle geplant werden, erzählt Lindner.

Die leibliche Mutter von Mathilda hat von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch gemacht. "Wir hätten sie gern kennengelernt, aber es war ihre Entscheidung", sagt Heike Albrecht. "Vielleicht wird sie später doch noch den Wunsch haben, uns kennenzulernen."

"Theoretisch", sagt Evelin Lindner, "ist das auch jederzeit möglich und auch in unserer Stadt schon mehrere Male vorgekommem". Jährlich werden nach städtischen Angaben rund zehn Fremd- und Stiefkindadoptionen ausgesprochen. Das Ziel der Adoptionsvermittlung bestehe darin, für Kinder geeignete Familien zu finden – nicht umgekehrt. "Im Mittelpunkt steht für uns immer das Wohl der Kinder. Mit der Adoption soll das Kind soziale Eltern und eine Familie erhalten, die dem Kind die notwendige Liebe, Geborgenheit, Zuwendung und Zugehörigkeit geben. Das heranwachsende Kind brauche belastbare Eltern", sagt Evelin Lindner. Zu prüfende Kriterien seien unter anderem Flexibilität, Problemlösungsstrategien und die Bereitschaft zum offenen Umgang mit der Vorgeschichte des Kindes. Die Vorbereitung der Bewerber dauert ein Jahr. Intensive Beratungsgespräche mit der Adoptionsvermittlung, Beschäftigung mit der eigenen Biografie und die Teilnahme an Begegnungstagen sowie an thematischen Veranstaltungen seien weitere Beispiele für die Fülle von Maßnahmen von denen es noch mehr gibt.

Diese Treffen, sagen die Albrechts, seien wichtig gewesen, aber nur ein Teil des komplexen Bewerbungsverfahrens. Im Herbst des vergangenen Jahres wurde Mathilda in einem Jenaer Krankenhaus geboren. Die leibliche Mutter trennte sich unmittelbar nach der Geburt von ihrem Kind. Einige Tage später nahmen die Albrechts Kontakt zu dem Säuling auf und konnten das Mädchen nach einer Woche zu sich nach Hause holen. Es war ein ganz besonderer Moment für sie. "Ich dachte einmal, so schnell haut mich nichts um", sagt Heike Albrecht. Doch als Mathilda plötzlich da war, waren sie als Eltern gefordert. Das Gefühl von Liebe habe sich allmählich entwickelt."Dann aber liebte ich sie so wie mein Leben", sagt Heike Albrecht.

Freunde und Verwandte hätten positiv auf den Nachwuchs reagiert. Das Paar geht offen mit der Adoption um. "Wir möchten, dass die Leute mehr über dieses Thema erfahren, auch dass wir vertrauensvoll mit dem Jugendamt zusammenarbeiten." Aber sie möchten Mathilda selbst sagen, dass sie adoptiert ist. Deswegen sind ihre Namen in diesem Beitrag geändert. Wann dieser Moment sein wird, wissen sie noch nicht. "Sie wird es erfahren, sobald sie danach fragt – dann sagen wir ihr, dass sie eine ,Bauchmama’ hat."

Albrechts feiern nicht nur den Geburtstag Mathildas an einem Tag im Herbst, sondern eine Woche später auch den "Familientag", an dem die Familie Zuwachs bekam. An diesem wollen sie etwas Besonderes unternehmen. Zu dritt. Mutter, Vater und ihr Kind.

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