Kamsdorfer Tragödie vor Gericht: Der Unfall, ein Keim und der Tod

Kamsdorf/Rudolstadt.  Im Fall der vor zwei Jahren auf tragische Weise verstorbenen Julia Gruner aus Kamsdorf gibt es jetzt ein erstes Urteil.

Die Unfallstelle in Kamsdorf. In der Parkbucht rechts hatte Julia Gruner ihr Auto abgestellt. Als sie noch ein Kissen von der Rückbank holen wollte, wurde sie von einem Dacia erfasst und verletzt.

Die Unfallstelle in Kamsdorf. In der Parkbucht rechts hatte Julia Gruner ihr Auto abgestellt. Als sie noch ein Kissen von der Rückbank holen wollte, wurde sie von einem Dacia erfasst und verletzt.

Foto: Thomas Spanier

Maximal ein Jahr zu leben gaben die Ärzte der kleinen Julia Gruner, die mit fünf Herzfehlern im Oktober 1984 in Leipzig geboren wird. Sie straft sie alle Lügen, kämpft sich ins Leben - und stirbt am 31. Oktober 2018 auf tragische Weise. Zwei Wochen zuvor wird sie in Kamsdorf vor ihrem Wohnhaus angefahren und verletzt. Die Umstände ihres Todes beschäftigen noch immer die Ermittler. Jetzt gibt es ein erstes Urteil.

Wegen Verkehrsgefährdung in Tateinheit mit fahrlässiger Körperverletzung und Unfallflucht musste sich die Unfallverursacherin in der vorigen Woche vor dem Amtsgericht Rudolstadt verantworten. Sechs Zeugen und ein Sachverständiger waren schon bei einer ersten Verhandlung im Juli gehört worden, vier Tage nach dem 40. Geburtstag der Angeklagten. Die Altenpflegerin, die jetzt in Saalfeld wohnt, hatte erklärt, sie habe nach einem Zerwürfnis mit ihrem damaligen Lebensgefährten aus Frust eine Liter-Flasche Wein getrunken.

An die anschließende Fahrt zu ihrer Wohnung in Kamsdorf, bei der auch der damals fünfjährige Sohn im Auto gesessen haben soll, könne sie sich nicht erinnern. 1,64 Promille hatte der Blutalkoholtest ergeben, Zum Unfallzeitpunkt dürfte er noch darüber gelegen haben.

Angeklagte gibt an, sich an nichts erinnern zu können

Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, am 19. Oktober 2018 um 21.40 Uhr mit ihrem Dacia Logan absolut fahruntüchtig und mit ihrem Sohn im Auto an der Straße Am Weidig in Kamsdorf gegen einen Bordstein gefahren und danach mit ihrem Fahrzeug ins Schlingern gekommen zu sein. Dabei habe das Auto Julia Gruner erfasst, die gerade dabei war, aus ihrem ordnungsgemäß in einer Parkbucht abgestellten Fahrzeug ein Kissen zu holen.

In der Folge des Zusammenstoßes war die Geschädigte in ihr Auto gedrückt worden, wobei sie sich das Schienbein brach und Rippenverletzungen erlitt. Nach einer Klinikbehandlung und Infektion mit einem Krankenhauskeim sei sie am 31. Oktober verstorben - an einem septischen Schock.

Als einziger noch lebender und nicht minderjähriger Tatzeuge sagte Marcus M. vor Gericht aus. Der Lebensgefährte von Julia Gruner schilderte den Ablauf so, wie vom Staatsanwalt beschrieben. Er habe den Unfall von der anderen Straßenseite aus gesehen. Nach der Erstversorgung seiner Freundin sei er dem Auto hinterher gelaufen, das den Unfall verursacht hatte - und fand es mit deutlich sichtbaren Unfallspuren 300 Meter weiter vor dem Wohnhaus der Angeklagten.

Die Angeklagte hatte den Schlüssel noch in der Hand und wollte gerade ins Haus gehen, das Kind habe neben ihr gestanden. Sie habe einen Zusammenstoß abgestritten und sei erst nach mehrfacher Aufforderung durch ihn mit zur Unfallstelle gekommen. Dort erst habe er ihre „massive Alkoholfahne“ bemerkt.

Bewährungsstrafe und 2400 Euro für die Suchtberatung in Saalfeld

Frank Peters, Vize-Chef des Instituts für Rechtsmedizin am Uni-Klinikum Jena, kam die Aufgabe zu, die Steuerungs- und Handlungsfähigkeit der Angeklagten einzuschätzen, und wie glaubhaft ihre Amnesie ist. Grund für einen Blackout nach Alkoholgenuss sei die fehlende Übertragung vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis. Das gebe es schon ab 1,5 Promille, bedeute aber nicht den Verlust der Steuerungs- und Handlungsfähigkeit. Bei zwei Promille hätten etwa 50 Prozent der Leute größere Erinnerungslücken. Aber: „Jeder reagiert anders“, so Peters.

Im Beisein der Mutter und der Schwester von Julia Gruner plädierte der Staatsanwalt auf eine Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten, ausgesetzt zur Bewährung. Dabei sei berücksichtigt, dass die Angeklagte bereits zu früheren Zeitpunkten wegen Fahrens unter Alkohol und Drogen aufgefallen und ihr der Führerschein schon mal entzogen war. Verteidiger Richard Freitag stellte die Strafe ins Ermessen des Gerichtes. Die Angeklagte erklärte in ihrem Schlusswort unter Tränen, es tue ihr leid, aber sie könne sich an nichts erinnern.

Ermittlungen zur Todesursache dauern noch an

Richter Matthias Keller verhängte letztlich eine Freiheitsstrafe von einem Jahr, ausgesetzt zur Bewährung. Außerdem muss die Frau von ihrem Einkommen in Höhe von etwa 1500 Euro netto zwölf Monate lang je 200 Euro an die Diakonie-Suchtberatung in Saalfeld zahlen und trägt die Kosten des Verfahrens. Ihre Fahrerlaubnis, die seit dem Unfall eingezogen ist, bekommt sie erst nach dem Ablauf von vier weiteren Monaten zurück. Der spätere Tod von Julia Gruner könne ihr nicht zugerechnet werden, so Richter Keller.

Wer letztlich verantwortlich ist für den Tod der 34-Jährigen, wird womöglich ein weiteres Verfahren vor dem Landgericht Gera klären. Ein vorläufiges Gutachten der Rechtsmedizin Leipzig sieht den Krankenhauskeim Staphylococcus aureus als Auslöser einer Blutvergiftung, die zu einem septischen Schock und zum Tod geführt hat. Festgestellt wurde er nach der Überführung mit dem Rettungshubschrauber in Leipzig.

Die Thüringen-Kliniken in Saalfeld, wo Julia Grunert nach dem Unfall behandelt wurde, erklärten dazu am Dienstag auf Anfrage: „Wir bedauern den tragischen Tod der jungen Frau. Selbstverständlich unterstützen wir die Ermittlungen bzw. Untersuchungen, da uns selbst auch an einer Aufklärung gelegen ist. Wegen des laufenden Verfahrens geben wir im Moment keine Stellungnahme ab.“