Mordfall Jena-Winzerla: Angeklagter doch älter als angegeben

Jena.  Die Rechtsmedizin am Uniklinikum Jena wertet frühere Röntgenbilder aus – doch die Verteidigung sieht darin einen schweren Datenschutzverstoß.

Der Angeklagte im Gespräch mit seiner Verteidigerin Stefanie Biewald.

Der Angeklagte im Gespräch mit seiner Verteidigerin Stefanie Biewald.

Foto: Tino Zippel

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Im Prozess nach dem gewaltsamen Tod einer Rentnerin in Jena-Winzerla kann die Rechtsmedizin Jena nun nachweisen, dass der Angeklagte zum Tatzeitpunkt über 21 Jahre alt war und damit kein Jugendstrafrecht mehr in Betracht kommt. Allerdings entbrannte bei der Verhandlung am Freitag ein Streit darüber, ob sich der Gutachter die dafür nötigen Röntgenbilder widerrechtlich angeeignet hat. Inzwischen ist das Urteil gefallen

Oberarzt Daniel Wittschieber war vom Gericht mit der Alters­bestimmung beauftragt. Der Angeklagte hatte angegeben, jünger zu sein als nach seiner Einreise amtlich festgelegt wurde. Aufgrund der aktuellen Röntgenbilder schloss der Gutachter auf ein Mindestalter zum Tatzeitpunkt von 20 Jahren und sieben Monaten – Jugendstrafrecht wäre in Betracht gekommen.

Beim Abruf der Untersuchung auch Altdaten entdeckt

Allerdings hatte er beim Abruf der Untersuchungsdaten entdeckt, dass noch frühere Bilder im elektronischen Archiv des Universitäts­klinikums Jena liegen. Die erste Strafkammer unter Vorsitz von Uwe Tonndorf beauftragte ihn, auch diese Daten heranzuziehen – trotz des Widerspruches der Verteidigung, dass dafür keine Entbindung von der Schweigepflicht vorliege.

Der Mediziner bezog sich auf den Gerichtsauftrag und die Freigabe durch die Rechtsabteilung des Klinikums, der eine Entbindung von der Schweigepflicht vorliege. Erst im Gerichtssaal bemerkte der Gutachter, dass die Freigabe nicht für ihn galt, sondern nur für die forensische Psychiaterin, die für ihr Gutachten die Akten inspizieren durfte.

Wachstumsfugen im Knochen geben Auskunft übers Alter

Er hatte aber sämtliche vorliegenden Befunde zu Gebiss und Knochen analysiert. Anhand bereits geschlossener Wachstumsfugen lässt sich auf Mindestalter schließen. Das höchste ergibt sich durch eine bereits im September 2012 geschlossene Wachstumsfuge am Oberarmknochen, wonach der Angeklagte damals mindestens 16 Jahre alt war. Daraus ergebe sich ein Mindestalter von 22,3 Jahren zum Zeitpunkt der Tat, so der Gutachter.

Geht es nach Verteidigerin Stefanie Biewald, sind die Erkenntnisse nicht nutzbar. Entweder habe das Gericht die Untersuchungsbilder widerrechtlich beschlagnahmt oder der Gutachter habe sie durch eine Straftat erlangt. Beides führe zur Unverwertbarkeit.

Das Alter zum Tatzeitpunkt ist maßgeblich, weil bei Tätern unter 21 Jahren die Anwendung von Jugendstrafrecht in Betracht kommt. Die Einschätzung müsste in einem neuen Prozess durch eine Jugendkammer erfolgen. Die Befragung von allerlei Zeugen hatte kaum valide Informationen übers wahre Alter des Angeklagten erbracht.

Ex-Freundin als Zeugin geladen

Zuletzt sagte eine Freundin aus, die 2015 für wenige Monate mit ihm zusammen war. Damals habe er angegeben, zwischen 18 und 20 Jahre alt zu sein. „Er hatte keine Geburtsurkunde, weil er aus dem Bergland Afghanistans stammt“, berichtete die Studentin. Die Beziehung sei auseinandergegangen, weil sie glaubte, dass er sich parallel noch mit einer Ex-Freundin getroffen habe. „Zu mir war er immer sehr lieb“, schätzte die heute 20-Jährige dennoch ein. Der nächste Verhandlungstag findet am 2. März statt.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren