Mordprozess am Landgericht Gera

Verdächtige Google-Suche nach Mord an Rentnerin

Gera.  Welche Indizien ein Digitalforensiker aus dem Handy des Angeklagten gesammelt hat und warum der Name eines mexikanischen Drogenbosses in den Akten auftaucht.

Verteidigerin Stefanie Biewald bespricht sich mit dem Angeklagten.

Verteidigerin Stefanie Biewald bespricht sich mit dem Angeklagten.

Foto: Tino Zippel

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In welcher Beziehung steht El Chapo, der Chef eines mexikanischen Drogenkartells, mit dem Tod einer Rentnerin in Jena-Winzerla? Ein Digitalforensiker hat das Handy des 24 Jahre alten Angeklagten ausgewertet und dabei überraschende Erkenntnisse gewonnen. Die Analyse lieferte weitere Indizien gegen den Mann nach dem Fund der toten Rentnerin in einem Koffer.

Das Bundeskriminalamt hatte das gesperrte Samsung-Smartphone ausgelesen. Daraufhin arbeitete sich ein Kriminaloberkommissar der Jenaer Kriminalpolizei einen Monat lang durch die Daten und stellte auch längst gelöschte Dokumente wieder her. Auf diesem Wege gelang es, wertvolle Erkenntnisse über das Leben des Migranten zu sammeln.

Kontoauszug nach Pakistan geschickt

Der junge Mann wählte bei seinem Google-Konto den Namen eines Drogenbosses aus Südamerika. Dieser Absendername tauchte auch in seinen Bewerbungsmails auf: Er wollte für Sicherheitsfirmen an den Flughäfen in Frankfurt am Main oder Stuttgart arbeiten. Bereits am 27. Dezember 2018 verschickte er über Whatsapp das Foto eines Kontoauszuges (10.000 Euro Guthaben) der später getöteten Nachbarin. Das Ziel: eine pakistanische Handynummer.

Dokumente legen nahe, dass der aus Afghanistan stammende Angeklagte Handyverträge auf den Namen einer weiteren Nachbarin abgeschlossen hat. Jedenfalls landen Mails an die Frau in seinem Postfach. Auch Inkassoforderungen seien per elektronischer Nachricht eingegangen. Ansonsten interessierte sich der Handynutzer vor allem für Prostituierte in Jena und Sportwetten, wie aus seinen Google-Anfragen hervorgeht.

Dem Kriminaloberkommissar fiel auf, dass sich das Appartementhaus in Jena-Winzerla in Reichweite zweier Funkmasten befindet. Das Gerät bucht sich in der Wohnung des Angeklagten in eine Zelle ein, in der gegenüberliegenden Wohnung des Opfers sehr wahrscheinlich in die andere Zelle. Sonderermittler des Landeskriminalamtes Sachsen haben dazu ein Gutachten gefertigt. Im möglichen Tatzeitraum war das Handy für eine Stunde in die Zelle gewechselt, die eher der Wohnung des Opfers zuzuordnen ist.

Nach der vermuteten Tatzeit verhält sich der Nutzer des Handys auffällig. Er sucht via Google nach „Raubmörder“, „Todesstrafe in Deutschland“ oder „lebenslange Freiheitsstrafe Dauer der Haft“ und liest verschiedene Zeitungsbeiträge, Wikipedia-Einträge oder in einem Jura-Forum. Er wollte auf den Namen seiner längst toten Nachbarin ein iPhone ordern und einen Telefonvertrag abschließen. Im Speicher des Handys taucht ein Foto der Bankkarte der alten Dame auf. Diverse Sprachnachrichten haben nach der ersten Übersetzung belastenden Charakter. Das Gericht will diese noch einmal professionell ins Deutsche übertragen lassen.

Auch bei einem anderen Indiz lässt die erste Strafkammer unter Vorsitz von Uwe Tonndorf noch einmal nacharbeiten. Die Rechtsmedizin hatte bei der Obduktion in der Achselhöhle der Leiche einen Nagelbogen gefunden. Beim Beschuldigten stellte die Kriminalpolizei anhand eines Fotos einen eingerissenen kleinen Fingernagel fest. Eine DNA-Analyse zeigte, dass dieser vom Angeklagten stammt.

Genspuren anderer Personen am Koffer entdeckt

Allerdings sieht der Fingernagel aus, als sei er fein säuberlich abgeschnitten und nicht abgerissen. Dies sollen nun Experten der Rechtsmedizin begutachten. Eine Expertin der Jenaer Rechtsmedizin hatte zahlreiche Genspuren gesichert, darunter waren mehrere Proben, die sowohl DNA der Rentnerin als auch des Angeklagten tragen, so beispielsweise an seinem Parka, an einem Turnschuh und im Koffer, in dem die Leiche beim Fund lag. An der Kleidung, die das Opfer trug, fand das Landeskriminalamt Genspuren des Angeklagten.

Bis heute ist unklar, wo sich der Tatort befindet. Zwar schlug der Leichenspürhund in der Sitzecke im Appartement der Rentnerin an, dies könne aber durch Essensreste verursacht sein. Überhaupt stellt sich die Frage, wie ein Täter die Leiche in den Keller befördern kann. Die Frau wog 62,2 Kilogramm.

Gleich mehrere DNA-Profile stellten die Experten im Koffer fest, spürten aber nicht die zugehörigen Personen auf. Am Griff tauchte Genmaterial jenes Kumpels des Angeklagten auf, mit dem er Zeit vor der Festnahme verbracht hat. Ein Nachweis für eine Mittäterschaft ließ sich der Ermittlungsführerin zufolge nicht erbringen.

Ein Gutachten zur möglichen Tatzeit zeigt große Toleranzen. Einer Analyse zufolge wäre die Frau längst tot gewesen, als sie das letzte Mal mit Verwandten telefoniert hatte. Eine andere Untersuchungsmethode deutet auf einen Todeszeitpunkt weit nach dem eingegrenzten Tatzeitraum. Ein Rechtsmediziner verweist darauf, dass es keine Referenzkurven der Körperabkühlung bei Toten gibt, die in Koffern steckten.

Die Ermittlungsleiterin hatte auch Ungereimtheiten in der Familie des Opfers hinterfragt, aber Verdachtsmomente ergaben sich daraus nicht. So konnten die Angehörigen schlüssig erklären, warum sie die Rentnerin erst spät vermisst gemeldet hatten. Die Enkeltochter nahm mit Erlaubnis des ersten Kripobeamten vor Ort Unterlagen zu Versicherungen und Finanzen aus der Wohnung mit, die somit für eine spätere Analyse verloren waren.

Das Landgericht setzt den Prozess, der bis Mitte Januar terminiert ist, am nächsten Mittwoch fort.

Gab es Mittäter beim Rentnerin-Mord in Jena-Winzerla?

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