Jena, die Lichtstadt der Pendler

Jena/Saale-Holzland  25 000 Menschen, die außerhalb leben, sorgen in der Saalestadt dafür, dass es in der Wirtschaft und in Verwaltungen rund läuft

Die Stadtrodaer Straße ist eine wichtige Zufahrt für Pendler in die Stadt.

Die Stadtrodaer Straße ist eine wichtige Zufahrt für Pendler in die Stadt.

Foto: Lutz Prager

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Passieren darf in den Morgenstunden nichts auf den wichtigsten Zubringerstraßen von Jena, sonst rinnen bei Stau tausenden Einpendler die Schweißperlen von der Stirn. Jena ist dank seiner hier ansässigen Hightech-Firmen, der Universität, der Fachhochschule, dem Uniklinikum, den vielen Forschungsinstituten und nicht zuletzt wegen des boomenden Dienstleistungssektors zu einem Leuchtturm von enormer Strahlkraft geworden. Immer mehr auswärtige Arbeitnehmer fühlen sich von der Schwarmstadt angezogen.

25 610 Auswärtige, darunter 9509 Saale-Holzländer, hatten Mitte vergangenen Jahres einen Job in der Saalestadt. Die Einpendler stellen damit über 46 Prozent der 55 153 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in Jena. Umgekehrt arbeiteten „nur“ 11 267 Jenaer in einem anderen Landkreis beziehungsweise Stadt. „Jena lebt von den Wochenpendlern, das muss man ganz klar sagen“, erklärt Holger Bock, Chef der Agentur für Arbeit Jena, mit Blick auf die Zahlen. „Da wo Arbeit ist, gehen die Menschen hin.“ Dass die Arbeitslosenquote im Saale-Holzland so niedrig sei, dies sei eindeutig auf die stetig steigende Wirtschaftskraft von Jena zurückzuführen.

Der Sog erfasst inzwischen immer weitere Bereiche: Frauen und Männer, die in Sachsen, Sachsen-Anhalt oder Bayern wohnen, nehmen Pendlerstrecken von täglich über 100 Kilometer in Lauf. Allein aus Leipzig kommen rund 400 Pendler, um in Jena zu arbeiten.

Hauptprofiteur vom Jenaer Boom ist und bleibt aber der Saale-Holzland-Kreis. Nicht nur, dass knapp die Hälfte der insgesamt 18 248 Auspendler in der Lichtstadt einer Beschäftigung nachgeht: Viele, meist hoch qualifizierte Fachkräfte mit überdurchschnittlichem Einkommen haben sich im „Speckgürtel“ der Saalestadt niedergelassen und machen die dortigen Gemeinden über reich, da diese anteilig von der Einkommensteuer profitieren.

Dass Jena eine große Sogwirkung auf Arbeitskräfte hat, kann man mit mehreren Zahlen statistisch belegen. Lag die Zahl der Einpendler 2007 noch bei 19 804 Arbeitnehmern, so stieg sie in den vergangenen zehn Jahren um fast 6000. Umgekehrt legte die Zahl der Auspendler aus Jena deutlich weniger zu: Hier ist im Zehnjahres-Vergleich eine Zunahme von 9459 auf 11 267 zu registrieren.

Weniger Strahlkraft übt die Wirtschaft im Saale-Holzland aus. Hier legte die Zahl der Einpendler um gerade einmal 1000 auf 10 857 Frauen und Männer zu. Das mag auch daran liegen, dass es in den vergangenen Jahren im Landkreis quasi keinen Aufbau bei der Zahl der Beschäftigten gegeben hat. Seit 2003 dümpelt hier die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im 26 000er Bereich.

Anders verlief die Entwicklung in Jena. Obwohl namhafte Unternehmen hunderte Stellen am Standort abbauten, entstanden im Zeitraum von 2003 bis 2017 unterm Strich über 12 000 neue Stellen.

Der Arbeitskräftemangel macht sich aber immer mehr bemerkbar. Potenzial sieht Agenturchef Holger Bock bei der Gruppe der Rückkehrer und der Älteren. Hätten Arbeitgeber früher bei 55-Jährigen dankend abgewunken, so sei diese Gruppe Arbeitnehmer in den Firmen nun herzlich willkommen. „Die Blockade ist weg.“

Wer die verbliebenen Menschen ohne Job in einer Region für eine einfache Tätigkeit mobilisieren will, muss ihnen eine maßgeschneiderte Infrastruktur bieten. Soll heißen: Der öffentliche Personennahverkehr müsste stärker auf die Bedürfnisse derjenigen ausgerichtet werden, die man in die Arbeitswelt integrieren könnte. Die Abkoppelung Jenas vom Fernverkehr könnte außerdem dazu führen, dass der Standort für pendelnde Führungskräfte uninteressant wird.

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