Pflegen am Limit: Ein ambulanter Pflegedienst berichtet über Personalnot und steht kurz vor dem Verkauf

Wenn der Dienst am Menschen kaum noch machbar ist. Wie private Pflegedienste derzeit arbeiten müssen. Ein Beispiel aus Weimar.

Pflegedienst Akzent aus Weimar: Marko Füssel berichtet aus seinem Alltag und von der Sorge um sein Unternehmen.

Pflegedienst Akzent aus Weimar: Marko Füssel berichtet aus seinem Alltag und von der Sorge um sein Unternehmen.

Foto: Conni Winkler / OTZ

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Im Büro von Marko Füssel, der den privaten Pflegedienst Akzent vor elf Jahren in Weimar gegründet hat, ist es vormittags ruhig. Alle Pflegekräfte sind unterwegs in den knallig roten Dienstwagen. An der Wand hängt der Dienstplan, der für ihn und seine Frau Tanja Füssel kaum freie Tage verzeichnet. Darüber die Bilder der Mitarbeiter, handgezeichnet von einem ihrer Kunden. „Ja, bei uns geht es familiär zu“, sagt Füssel. Ein Zertifikat der Krankenkassen bestätigt die hohe Qualität seines Pflegedienstes und benotet sein Unternehmen mit der Note Sehr gut. Viel Personal hat er nicht. Jetzt sind sie noch zu fünft, vier Pflegefachkräfte, eine Pflegehilfskraft. Bald geht eine Fachkraft in den Ruhestand. Und genau darin liegt sein Problem. Er bekommt keinen Ersatz.

Wenn er nicht dringend eine Pflegefachkraft findet, kann er die medizinische Versorgung seiner Kunden nicht mehr übernehmen. Denn dafür braucht es laut Sozialgesetzbuch V mindestens vier Pflegefachkräfte in einem Pflegedienst. Sonst können nur pflegerische Maßnahmen wie Körperpflege getätigt werden. Alle, die medizinische Versorgung benötigen, werden dann auf der Strecke bleiben.

Marko Füssel sagt, dass er seinen Pflegedienst in diesem Fall verkaufen wolle, damit sein Kundenstamm weiter umfassend versorgt wird. Wie viele private Pflegedienste steht er am Rande seiner Existenz. Seine Frau Tanja zählt auf, welche privaten Anbieter vor kurzem schon aufgegeben haben. „Wir finden einfach kein Fachkräfte, Erhöhung der Löhne hin oder her, das zaubert auch kein neues Personal herbei. Diese Arbeit wollen viele einfach nicht machen“, sagt sie. Es könne auch nicht jeder aushalten, ständig mit Verfall und endenden Lebensgeschichten konfrontiert zu sein.

Auch der private Pflegedienst Marion Kösling in Weimar ist davon betroffen. Dessen Pflegedienstleiterin Ellen Kollasky sagt, auch ihr Unternehmen stehe am Abgrund. Derzeit arbeiten die verbliebenen fünf Mitarbeiter am Limit und haben eigentlich kaum frei. Sie betreuen 40 bis 50 Kunden täglich. Selbst Hilfskräfte seien kaum zu finden. Aktuell suchen sie akut nach Mitarbeitern, denn eine Kraft ist schwanger, zwei sind langzeitkrank und zwei haben gekündigt. „Solange Hartz IV so hoch ist, gibt es keine Motivation, als Hilfskraft zu arbeiten“, sagt sie. Dabei bekäme man so viel zurück von den alten Menschen. „Die sind so dankbar, dass wir kommen. Aber selbst sie sagen, ihr müsstet mal frei haben.“ Sie kritisiert außerdem, dass man Menschen nicht nach der Stoppuhr pflegen könne und dass „die großen Verbände wie Caritas, Diakonie und Awo besser unterstützt werden und von den Krankenkassen mehr Geld für die Pflege bekommen.“

Auch bei Akzent liegen die Nerven blank. Den Tränen nahe steht Tanja Füssel vor dem Dienstplan und erklärt, dass sie in drei Monaten drei freie Tage hat. „Aber ich habe nicht etwa frei, an diesen Tagen schreibe ich Dienstpläne, Dokumentationen und Abrechnungen.“ Ihr Mann zählt auf, was er alles schon versucht habe, um die Situation zu entschärfen. Er zahle immer mehr als der Gesetzgeber es fordere. „Für Pflegeleistungen geben wir unseren Mitarbeitern mehr Zeit.“ So seien laut Krankenkasse für das Waschen einer Person zwanzig Minuten vorgesehen, er bezahle seinen Leuten 30 Minuten. In einem Wunschbuch können freie Tage von den Mitarbeitern angefragt werden. „Und die Wünsche erfüllen wir immer.“ Wer denn da einspringe bei der Personallage? „Na meine Frau und ich.“ Urlaub sei so gar nicht mehr drin für den Unternehmer.

Bei der Personalsuche ist Marko Füssel nicht untätig gewesen, hat vor drei Jahren eine Bekannte seiner Frau in der Ukraine, Irina Ollach, für sein Unternehmen angeworben. Erfolgreich. Bei ihm arbeiteten Hilfskräfte aus dem Iran, Irak und Afghanistan. Er half bei der Wohnungssuche, zahlte, wo nötig, den Führerschein. „Was will man noch mehr machen?“, fragt er und erwartet von niemandem eine Antwort. Derzeit hat er in zwei Pflegeschulen in der Ukraine Stellenausschreibungen hängen. Keiner meldete sich bisher. Aushänge in den Firmenfahrzeugen. Eine Anfrage bei der neu gegründeten Deutschen Fachkräfteagentur für Gesundheits- und Pflegeberufe (Defa). Doch die Defa ist auf Nachfrage noch in der Gründungsphase und hilft zunächst nur weiter bei selbst angeworbenem Personal in Mexiko und den Philippinen. Personalvermittlung durch die Defa soll es, vorsichtig geschätzt, ab Mitte des Jahres geben, jetzt sei die Agentur noch nicht soweit, heißt es. Das ist für Füssel jedoch zu spät.

Und Prämien von mehreren tausend Euro zahlen, wie Krankenhäuser es auch in Thüringen tun (unsere Zeitung berichtete), kann er nicht. Dafür sei sein Unternehmen zu klein. Tanja Füssel fragt sich, was aus ihren Kunden werden soll, es gebe doch kaum noch freie Kapazitäten bei ambulanten Pflegediensten. Und es könne ja nicht angehen, dass nur noch große Träger mit Hundertschaften mobile Pflege betrieben, wo jeden Tag ein anderer käme und den Leuten den Popo abwische. „Das will doch keiner!“ Sie klingt resigniert und wütend.

Laut Statistik der Arbeitsagentur Thüringen ist im 10-Jahres-Vergleich die Fachkräfte-Nachfrage in der Altenpflege um das 2,5-fache gestiegen. Nur neun Prozent der Arbeitslosen in der Altenpflege verfügen über eine Qualifikation als Pflegefachkraft. Derzeit sind in Thüringen laut Statistik der Bundesarbeitsagentur 720 Stellen als Pflegefachkraft in der Altenpflege zu besetzen (Stand Dezember 2019). Insgesamt fehlen in Thüringen 1900 Pflegekräfte inklusive Helfern, Fachkräften, Spezialisten und Experten. 2018 waren über 18.000 Menschen in der Altenpflege beschäftigt, Tendenz weiter steigend. Auch die Löhne sind kontinuierlich gestiegen. Verdiente ein Arbeitnehmer im Durchschnitt in der Altenpflege 2016 noch 2102 Euro, so waren es 2018 schon 2350 Euro.

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