Wolfgang Hirsch ist zum 75. Jubiläum der Thüringischen Landeszeitung (TLZ) im Jahr 2020 an den Ort zurückgekehrt, an dem die erste Ausgabe der TLZ in Weimar gedruckt wurde.

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Schon am Eingang riecht es nach Farbe. Es ist nicht jener würzige Duft, der Einwohner der Gutenberg-Galaxis sinnlich stimuliert, sondern: „Wir haben die Maler im Haus“, klärt prompt Ralf Herrmann auf. „Die Schließzeit nutzen wir zur Renovierung.“ Weimar, Scherfgasse 5: Ortstermin in den ehedem heiligen Hallen der Schwarzen Kunst, hier wurde vor rund 170 Jahren die erste Zeitung gedruckt. Daran erinnert heute das Druckgrafische Museum Pavillon-Presse.

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Herrmann ist in eine zünftige, der Gutenberg-Zeit nachempfundene Montur geschlüpft, der Vereinsname leuchtet in orangeroten Versalien auf seiner Schürze. Wir stiefeln die Stiege in die verwinkelten Obergeschosse hinauf. Das Haus, eines der ältesten Weimars, wurde um 1570 erbaut und ließ sich partout nicht an die behördlichen Corona-Auflagen adaptieren. Dass es überhaupt noch steht, ist den Aktivisten der Pavillon-Presse zu verdanken.

Vor 30 Jahren, gleich nach der Wende, haben Matthias Merker und eine Handvoll Enthusiasten die abrissreife Immobilie instand gesetzt und alsbald offiziell per Erbpachtvertrag von der Stadt übernommen. Stück um Stück retteten sie dann an Druckerei-Utensilien - von filigranen Bleisatz-Lettern bis hin zu tonnenschweren Pressen - aus Thüringer Betrieben alles, dessen sie habhaft werden konnten. Inzwischen hat im Trägerverein zwar ein Generationswechsel stattgefunden, doch nicht minder Versessene - wie Herrmann & Co. - halten die Tradition weiter lebendig.

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Die bürgerliche Revolution machte Zeitung erst möglich

Hier, im alten Druckereiviertel der Klassikstadt, wurde Zeitungsgeschichte geschrieben, und der freisinnige Gelehrte Carl Panse war einer der Protagonisten. Sofort nachdem die 1848er-Bewegung so etwas wie Pressefreiheit erstritten hatte, legte er anno 1849 die bürgerlich-liberale „Revolution“ auf, die rasch zur ersten Tageszeitung mutierte: die „Allgemeine Thüringische Landeszeitung Deutschland“. Und gleich nach dem Krieg, vor genau 75 Jahren, wurde hier die erste TLZ gedruckt. Während nebenan - heute Stadtarchiv - ab 1853 der renommierte Verlag Hermann Böhlaus, bald Hofbuchdruckerei, residierte.

„Typografie ist mein Fachgebiet, meine Leidenschaft“, erklärt jetzt Ralf Herrmann. Der 44-jährige Grafikdesigner hat an der Bauhaus-Uni studiert, und obzwar mit dem alten Handwerk aufs Beste vertraut, verdient der Freischaffende seine Brötchen vorwiegend mit Web-Design. „Eins unserer jüngsten Produkte“, sagt er, „ist Walter Gropius‘ Bauhaus-Programm von 1919“ - eine Gemeinschaftsarbeit der Vereinsleute. „Das ist kein Faksimile“, betont er, „sondern ein autorisierter Nachsatz.“ Vorn prangt der berühmte Feininger-Holzschnitt, während die seinerzeit avancierte Schrifttype „Papst Old Style“ aus den USA importiert wurde.

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Mehr als 800 Bleisatz-Schriften hat die Pavillon-Presse im Fundus, daraus lässt sich nach Herzenslust setzen - wie zu Urväter-Zeiten. Sofern man so behende ist, Letter für Letter spiegelverkehrt in einen Winkelhaken zu füttern, und achtsam Zwiebelfische vermeidet. So nennen Kenner einen ins falsche Fach sortierten Buchstaben. Satzwettbewerbe für ehemalige Profis der Zunft veranstaltet die Pavillon-Presse höchstens noch zu Vereinsfesten, auch die Frage nach dem ominösen Gautschen - der Lehrlingstaufe am Johannitag - entlockt Herrmann nur ein sibyllinisches Schmunzeln.

„Wir sind ein Spezialmuseum - mit rund 1500 Besuchern pro Jahr“, sagt der Vereinsvorsitzende. Natürlich steht das Haus Bauhaus-Studenten jederzeit offen, einige Künstler arbeiten an ihren Projekten, und jedermann, der es möchte, kann an Workshops und anderen Veranstaltungen teilhaben. Nur im Moment leider nicht. Wir streifen durchs Haus, werfen Blicke in den Vortragssaal im Dachgeschoss und in die Fachbibliothek. In der Dauerausstellung erläutert Ralf Herrmann Gravierwerkzeuge und kupferne Druckklischees, an den Wänden prangen Plakate, zum Beispiel für den Weimarer Zwiebelmarkt.

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Herrmann simuliert kurz den Ablauf: wie man mit Druckballen aus Hundeleder die klebrige Schwärze aufträgt und wieviel Muskelkraft es braucht, um im Hochdruck mittels erhabenen Bleilettern edles Schriftgut aus der Handpresse zu zaubern. Standardaufträge nimmt man nur in Ausnahmen an, erklärt er, schon auf dem Wege treppab. So habe ein traditionsbewusster Weimarer Instrumentenbauer sich hier seine Geigenzettel drucken lassen. Dann betreten wir den Maschinensaal.

Die stählernen Dinosaurier wären jederzeit wieder einsatzbereit

Wie Dinosaurier in einem Reservat ruht da ein Arsenal an alten Druckmaschinen. Liebevoll hergerichtet, schlummern sie nur. Wenn es drauf ankäme, wären sie einsatzbereit. Etwa die alte, handbetriebene Steindruck-Presse oder der Heidelberger Tiegelautomat der 1930er-Jahre oder die Sigl-Schnellpresse, die im 19. Jahrhundert den Buchdruck in Fahrt brachte. Sogar deren Bänderführung für den Bogentransport haben die Vereinsleute rekonstruiert - denn die macht den maßgeblichen Unterschied zur Kniehebelpresse anno 1840 ein paar Meter weiter. Da musste für jeden neuen Papierbogen der Druckvorgang unterbrochen werden, während bei der Schnellpresse ein rotierender Zylinder das Papier auf das bewegliche Fundament mit der Druckvorlage presste.

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Es riecht nach Öl und nach Druckerschwärze, und vorm inneren Ohr meint man geradezu, das rhythmische Stampfen der Pressen zu hören. Einfach magisch! - Doch nicht nur der Sound hat sich über die Jahrhunderte hinweg geändert... Wer noch zu Gutenbergs Tagen die Schwarze Kunst erlernt hätte, wird heute im Beruf eines Medientechnologen ausgebildet. Denn auch in einer digital dominierten Welt kann der Mensch auf Gedrucktes nicht völlig verzichten. - Und im Herbst, so hofft Ralf Herrmann, soll das Museum wieder für Publikum öffnen.