Der Gründer der TLZ, Hermann Becker, wurde im Jahr 1948 von Sowjets verhaftet und inhaftiert. Von insgesamt sieben Jahren Haft hat er zwei Jahre in der Haftanstalt in Hohenschönhausen verbringen müssen. Im Jahr 2013 wollte die Gedenkstätte Hohenschönhausen eine Dauerausstellung unter anderem auch Hermann Becker widmen. Gerlinde Sommer hat im selben Jahr mit dem damaligen Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, über Hermann Becker gesprochen. In diesem Jahr hatte sich die Verhaftung von Hermann Becker zum 65. Mal gejährt.

Herr Knabe, ist die Geschichte Hermann Beckers symptomatisch für diese frühe Nachkriegszeit – oder ist sie eine Besonderheit?

Beides. Symptomatisch ist sie dafür, wie die politische Gleichschaltung in der sowjetischen Besatzungszone vollzogen wurde. Sie ist ungewöhnlich durch den großen Mut und die Unerschrockenheit, die Hermann Becker in dieser Auseinandersetzung gezeigt hat.

Was für ein Mensch war Hermann Becker?

Er war vor allem ein kluger Politiker, der versucht hat, im Rahmen der politischen Bedingungen möglichst viele seiner Vorstellungen durchzubringen. Er hat sich sehr eingesetzt für Rechtsstaatlichkeit und Rechtssicherheit. Becker hat vehement gestritten für die Verankerung der Grundrechte in der Verfassung. Als er gefragt wurde, warum, hat er gesagt: Weil das irgendwann sehr wichtig werden kann, dass die Grundrechte eines jeden in der Verfassung stehen. Hermann Becker war auch ein im heutigen Sinne erfolgreicher Politiker, der es geschafft hat, dass die Liberale Partei die zweitstärkste Fraktion im Thüringischen Landtag stellte und dass sie in Erfurt, wo er ja ansässig war, die stärkste Partei war. Und gerade dieser Erfolg bei gleichzeitiger politischer Unabhängigkeit machte ihn für die damaligen Machthaber so gefährlich.

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Welche Rolle spielte die „Thüringische Landeszeitung“ für Hermann Becker?

Er war es, der sich gleich nach Gründung und Zulassung der Partei dafür eingesetzt hat, dass die Liberalen eine Zeitung bekommen. Das ist im Herbst 1945 tatsächlich geschehen – und Becker hat immer wieder hervorgehoben, dass ihn die Führung des Verlags auch wirtschaftlich unabhängig gemacht hat – im Gegensatz zu anderen Politikern, die auf irgendwelchen staatlichen Positionen saßen und damit direkt der sowjetischen Besatzungsmacht und der SED unterstanden.

Becker war ein politischer Kopf. Die Gefahr, verhaftet zu werden, dürfte ihm klar gewesen sein. Er floh aber nicht. Hat er so sehr auf die Immunität der Politiker vertraut oder widersprach Flucht seiner Persönlichkeit?

Es ist vielleicht die Eigenschaft, die man braucht als mutiger Oppositionspolitiker, dass man nicht alle Gefahren schon in sein eigenes Handeln einkalkuliert. Zum Mut kann eine gewisse Gutgläubigkeit, dass die Dinge gut ausgehen. Becker ist ja zuvor schon einmal beinahe verhaftet worden. Der NKWD hat das im letzten Moment abgeblasen. Und es gab eine zweite Auseinandersetzung vor dem 23. Juli 1948. Becker ist damals in die sowjetische Kommandantur einbestellt worden. Da hieß es: Keine Angst, Sie werden nicht verhaftet. Und Becker entgegnete im Grunde naiv: Ich wüsste auch nicht, wieso.

Wahrscheinlich braucht es dieses Gottvertrauen, um in dieser Weise Politik zu machen. Wenn die Bürgerrechtler von 1989 immer nur das getan hätten, was realistisch gewesen wäre, würde es die DDR wahrscheinlich noch heute geben.

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Hermann Becker hat einen hohen Preis für seine politischen Überzeugungen bezahlt – mit der Haft in Hohenschönhausen und mit der Zwangsarbeit in Workuta...

Ja, das hatte er sicherlich nicht einkalkuliert, irgendwann im sowjetischen Gulag zu landen, obwohl es in der Zeit noch viele andere Verhaftungen gab.

Diese Zeit nach dem 23. Juli 1948 war eine harte Prüfung: Das schreckliche Kellergefängnis in Hohenschönhausen – mit Dunkelzellen und Nachtverhören, Drohungen, Wasser- und Stehzellen, die es dort gab. Dann das eiskalte Workuta nördlich des Polarkreises mit Permafrostboden und unsäglichen Arbeitsbedingungen. So viele sind dort elendiglich zugrunde gegangen. Das alles ist für die kurze Periode, in der Hermann Becker überhaupt politisch wirksam werden konnte – also vom Frühjahr 1945 bis Juli 1948 –, ein sehr, sehr hoher Preis gewesen.

Warum haben SED und sowjetische Besatzungsmacht denn auf ihn und andere mit dieser Rigorosität und Härte reagiert?

Es ging um die politische und wirtschaftliche Gleichschaltung nach sowjetischem Vorbild, die in einer Salamitaktik durchgesetzt wurde. Für nicht-kommunistische Kräfte gab es da nur drei Optionen: Entweder Anpassung, oder Flucht. Oder aber das Risiko der eigenen Verhaftung.

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In der neuen Dauerausstellung der Gedenkstätte Hohenschönhausen soll Hermann Becker eine wichtige Rolle spielen. Was lehrt er denn uns – den Nachgeborenen?

Wir sind sehr froh, dass wir einige sehr seltene Exponate zeigen können aus seinem Besitz. Er hat uns ein selbst gebautes Messer aus dem Straflager Workuta überlassen – und auch einen Löffel, den er dort auftreiben konnte. Beides war überlebensnotwendig, zugleich aber der Besitz verboten. Am Beispiel dieser und anderer Exponate werden wir den Besuchern erzählen, wie in der sowjetischen Besatzungszone aus den demokratischen Parteien die so verachteten Blockflöten wurden. Denen ist nämlich in Kellern wie bei uns in Hohenschönhausen das Rückgrat gebrochen worden.

Gilt das auch für Becker selbst, der nach der Zeit im Straflager im Westen Deutschlands Fuß fassen musste?

Hermann Becker hat nach Workuta praktisch keine Chance mehr gehabt, an führender Stelle Politik zu machen. Er war im Forschungsbeirat für Fragen der Wiedervereinigung, eine Institution, die in der Bundesrepublik immer stärker in Verruf geriet, weil sie angeblich nicht auf der Höhe der Zeit war. Die Wiedervereinigung hatten ja die meisten Politiker mittlerweile abgeschrieben. Insofern ist Hermann Becker seinen Idealen treu geblieben und hat sich weiterhin für Demokratie in Ostdeutschland eingesetzt, aber politisch war er in dieser Zeit weitgehend wirkungslos.