Von TLZ-Gründer Hermann Becker sind die Eindrücke über seine Verhaftung im Weimarer Hotel Augusta durch den sowjetischen Geheimdienst überliefert. Becker war, bis zu seiner Verhaftung, Vorsitzender der LDP im Thüringer Landtag. Die Ereignisse beschreibt er wie folgt:

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
„Am 23. Juli 1948 wurde ich vom MGB (Anm. d. Red.: Ministerstwo gossudarstwennoj besopasnosti) verhaftet, trotz einer von der sowjetischen Besatzungsmacht den Abgeordneten zuerkannte Immunität. Ich hatte mich zwar gefährdet gefühlt, doch mit einer Verhaftung rechnete ich zu diesem Zeitpunkt nicht.
Auch interessant
Wir aßen im Hotel Augusta zu Mittag. Ich hatte ein Ferngespräch an meine Frau angemeldet, und als ich angerufen wurde, da glaubte ich, das Gespräch sei da. Mich erwartete jedoch ein Offizier der MGB in Zivil, der fragte, ob ich der Fraktionsvorsitzende Becker sei. Ich wurde unter den entsetzten Blicken zufällig vorbeikommender Leute in einen Wagen gepackt und zum MGB ins frühere Amtsgerichtsgefängnis Weimar gebracht. So einfach war es, einen Politiker und Abgeordneten einer der Blockparteien, dessen Tätigkeit bei der Bevölkerung zwar sehr beachtet wurde, der sowjetischen Militäradministration aber nicht passte, zu verhaften.
Nach den üblichen Methoden der Aufnahme – Untersuchung im entkleideten Zustand, Kleidervisitation, Abnahme der Wertsachen – kam ich in eine Zelle, in der schon zwei Häftlinge waren: ein Student aus Jena, der dort einer Gruppe von Studenten, die der SPD nahestand, angehört hatte, und ein Arzt aus Nordhausen, der als Leiter einer illegalen Widerstandsgruppe galt. Bereits in der ersten Nacht wurde ich zu einem Verhör geführt. Zur Einschüchterung wurde ich dauernd angebrüllt und als Spion, Verbrecher und so weiter beschimpft. Ich erklärte, das stimme alles nicht, und berief mich darauf, dass ich Abgeordneter sei.
Zu dem Vernehmungsoffizier sagte ich, wenn er sich beruhigen würde, könne man weiter kommen. Er sprang daraufhin auf, beschimpfte mich erst recht und sagte, ich solle mich anständig hinsetzen, Hände auf die Knie legen und ähnliches mehr. Als ich das nicht tat, wurde ich mit Fäusten bedroht.
Auch interessant
In den Vernehmungen wurde mir von Anfang an und immer wieder erklärt, ich sei ein Spion, ich hätte Verbindungen mit dem Westen, hätte eine Spitzelorganisation gegen die SED aufgebaut und antisowjetische Propaganda getrieben. Später sollte noch einiges sonstiges Absurdes hinzukommen. In der ganzen Zeit bis zum Abschluss des „Verfahrens“, in der „Anklageschrift“ und vor dem „Tribunal“ wurde dies immer wieder in den verschiedensten Variationen wiederholt. Meine politische Tätigkeit war Widerstand gegen die sowjetische Besatzungsmacht.
Ich wurde der Konspiration bezichtigt. Ich sollte Komplizen benennen. Letztlich wäre es dann die gesamte Partei gewesen. Die Verbindung, die mir zur Last gelegt wurde, war nur mein Kontakt zu einzelnen Personen meiner Partei in Westdeutschland. Auch der Austausch von Zeitungen und ähnliches war Spionage. Da half nicht der Hinweis, dass die Zeitungen öffentlich zu kaufen waren.
Nach etwa drei bis vier Wochen wurde mir ein Haftbefehl in Russisch vorgelegt, den ich unterschreiben musste. Unmittelbar danach fand die entscheidende Vernehmung statt, die geradezu gespenstisch verlief. Es war anscheinend tief in der Nacht. Als ich durch das Gefängnis geführt wurde, war es stiller als sonst. Ich kam in einen großen Saal, in dem sich ein sehr gepflegter Mann in Zivil befand, der, wie sich aus allem ergab, der Leiter des MGB in Weimar sein musste.
Auch interessant
Um den Tisch hatten hohe Offiziere Platz genommen. Hinzu kamen einige weitere MGB-Offiziere. Eine Dolmetscherin, die dieses „illustre Gesellschaft“ aus dem Konzept brachte und nervös machte, musste von einem Dolmetscher abgelöst werden. Der Mann in Zivil warf mir vor, ich hätte mit meiner Partei in Westdeutschland Verbindung gehabt und dadurch Spionage getrieben. Ich widersprach und versuchte klarzustellen, wie normal solche Verbindungen seien. Diese gäbe es auch SED und KP-West. Aber das war natürlich etwas anderes.
Vorgeworfen wurde mir noch, ich hätte sogar einmal einen Mann aus Thüringen, der einen mir bekannten Politiker in Westdeutschland besuchte, Grüße aufgetragen, und diese seien das verabredete Erkennungszeichen gewesen. Da habe ich nur fragen können, ob es bei ihnen nicht auch üblich sei, Grüße auszutauschen.
Ein Major, der, als ich mich erregte, mir sogar einige begütigende Worte sagte, neigte sich später über den Tisch zu einem Offizier und sagte so, dass ich es verstand: „Aus dem Fall machen wir etwas.“ Ich bin einigen dieser Offiziere in Berlin-Hohenschönhausen wieder begegnet. Einer von ihnen wurde mein Vernehmungsoffizier. Man war offenbar nach Weimar gekommen, um festzustellen, was aus meiner Sache zu machen sei.
Auch interessant
Aus dieser und aus anderen Vernehmungen ergab sich deutlich, dass meine Verhaftung eine rein politische Angelegenheit war, die sich gegen die LPD richtete. Die angebliche Belastung war meine politische Aktivität und mein Versuch, immer eine verhältnismäßig selbstständige Politik im Sinne der deutschen Bevölkerung zu treiben. Ich musste weg und die Partei sollte eingeschüchtert werden.
Am 23. August 1948 wurde ich nach Berlin-Hohenschönhausen abtransportiert. Was in Weimar geschehen war, war eigentlich ein Vorspiel von dem, was kommen sollte.“
Derzeit können Leserinnen und Leser der TLZ 20x zwei Tickets für einen der Lesertreff im August gewinnen. Die Führung durch den Thüringer Landtag inklusive ein Gespräch mit Landtagspräsident Thadäus König wird von Chefredakteurin Gerlinde Sommer am Mittwoch, dem 20. August begleitet. Während der Führung wird Halt vor der Gedenktafel für den Ur-Verleger Hermann Becker gemacht, sowie ein Besuch des gleichnamigen Sitzungssaals.
Informationen zu diesem und weiteren Gewinnspielen, sowie zum 80-jährigen Jubiläum der TLZ gibt es auf der Webseite: www.tlz.de/80jahre








