Christian Voigt hat den deutschen Politiker Hans Helmut Rösler (FDP) zum 70. Jubiläum der Thüringischen Landeszeitung (TLZ) im Jahr 2015 begleitet, als dieser die ehemalige Haftanstalt in Weimar besucht hat. Rösler saß zwischen 1948 und 1949 in dieser Haftanstalt ein – aufgrund seiner Parteiarbeit. Fast 70 Jahre später kehrt der damals 86-Jährige an den Ort zurück, an dem er gefangen gehalten wurde.

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Selten war wohl ein politisch verfolgter Mann so froh, ein Gefängnis betreten zu können. Hans Helmut Rösler strahlt über das ganze Gesicht, als ihm an der Pforte die Tür aufgeschlossen wird und er den Vorhof, umringt von hohen Mauern, Zäunen und Stacheldraht, betreten kann.
Auch interessant
Gewiss: Hans Helmut Rösler kommt an diesem Tag nicht, um zu bleiben. Der gebürtige Sudetendeutsche, Jahrgang 1929, betritt aus reinem Interesse die ehemalige Haftanstalt in der Weimarer Ernst-Thälmann-Straße. Angst, hier eingesperrt zu werden, muss er schließlich nicht haben. Er lächelt. Rösler ist rehabilitiert und die Haftanstalt unterliegt derzeit keiner Nutzung.
Aber er kennt den Ort nur zu gut: Ein halbes Jahr saß der heute 86-Jährige hier ein. Nachdem er am 7. September 1948 durch den sowjetischen Geheimdienst verhaftet wurde, folgte die Inhaftierung in Weimar. Sechs Monate später, im Februar 1949, wurde Rösler von einem sowjetischen Militärtribunal in Weimar wegen konterrevolutionärer Machenschaften, antisowjetischer Propaganda und politischer Spionage zu 25 Jahren Haft verurteilt. Ein ähnliches Urteil, zu dem auch der TLZ-Gründer Hermann Becker verurteilt wurde.
Nur durch einen Glücksfall blieb ihm die Todesstrafe erspart. Fast 70 Jahre später durfte sich Rösler den Ort des Geschehens nochmals anschauen. „Ich habe über die Jahre das Gebäude immer nur von außen anschauen können, durfte aber nie rein“, sagt Rösler. „Ich freue mich, das auf meine alten Tage noch einmal sehen zu können.“

Und das erste Fazit fällt gleich positiv aus: Deutlich schicker sei der Bau geworden, nicht mehr so grau in grau. Und die Umgebung habe sich auch leicht verändert, scherzt Rösler. Früher war das Viertel durch einen großen Bretterzaun abgegrenzt.
Es ist das Frühjahr 1946, als Röslers Schicksal seinen Lauf nimmt. In Eisenberg protestieren am 1. Mai junge Liberale gegen die kommunistische Mai-Demonstration. Überall in der Stadt verteilen sie Plakate und sprühten mit weißer Farbe das Parteikürzel der Liberaldemokratischen LDP auf die Straßen, woraufhin sie verhaftet wurden. Zu viel des Guten für den damals knapp 17-Jährigen. „Für mich war schnell klar, dass ich mich der LDP anschließe.“
Am 2. Mai suchte Rösler entschlossen den Weg in die Geschäftsstelle im Eisenberger Steinweg, die sich nur unweit seiner damaligen Wohnung befand. „Ich bin dort reingegangen und habe gerufen: Hier ist der Ersatz für die Verhafteten. Kurz darauf wurde ich Mitglied des Vorstands, sowie des Landesjugendbeirates, der in Jena tagte.“
Auch interessant
Nur herumsitzen und die Situation ertragen, das kam für Rösler nicht infrage. Die Inhaftierung der jungen Liberalen machte ihm dabei keine Angst, im Gegenteil. Rösler nahm Kontakt zu den Jungdemokraten in Westberlin und auch zur FDP in Bayern auf. Vor allem nach Westberlin verschlug es Rösler immer wieder. „Ich habe dort über die politische Situation berichtet und verschiedene Zeitschriften und Broschüren mit nach Eisenberg genommen“, erinnert er sich. Das Material verteilte Rösler, wo er nur konnte.
Gefallen konnte das den politischen Mächtigen nicht. Angst verspürte Rösler aber auch hier nicht. Grund zur Sorge gab es allerdings ausreichend: Bei seinem letzten Berlin-Besuch wurde Rösler eindringlich gewarnt, die Lage werde immer kritischer, hieß es. „Sie haben mir gesagt, dass ich 25 Jahre Gefängnis bekäme, wenn ich festgenommen werden sollte. Aber was soll ich sagen: Wir waren jung und dachten, dass schon nichts passieren würde.“
Weit gefehlt, das musste der junge Mann schnell feststellen. Röslers Fahrten nach Berlin wurden längst intensiv beobachtet. Die Kommunikation wurde auf Briefverkehr unter einem Decknamen umgestellt. Am 7. September folgte dann jedoch die Verhaftung durch den sowjetischen Geheimdienst in der Eisenberger Möbel- und Klavierfabrik, für die Rösler als Industriekaufmann gearbeitet hatte. „Letztlich muss man eingestehen, dass sie einfach schlauer waren.“
Auch interessant
Rösler verschwand mit der Inhaftierung in Weimar zunächst von der Bildfläche. Auf große Unterstützung oder Öffentlichkeit durch seine Partei und die TLZ, die wenige Monate zuvor als Parteiorgan gegründet wurde, konnte er nicht hoffen. „Nach der Verhaftung existierten wir für die Partei nicht mehr.“ Rösler existierte indes sehr wohl weiter und nahm seine Inhaftierung hin. Sechs Monate blieb er in der Haftanstalt Weimar.
Sechs Monate, an die er sich heute beim Gang durch das Gemäuer noch sehr gut erinnern kann. Die Lage sei stets angespannt gewesen. „Nachts konnten wir nicht schlafen, da die Vernehmungen stattfanden“, erinnert sich Rösler. Und tagsüber? „Da war die Aufregung zu groß, da ständig die Türen der Zellen geklackert haben und sich jeder gefragt hat: Wen holen sie nun wieder? Und bin ich vielleicht auch dran.“
Die Sowjets warfen Rösler vor, Spionageinformationen wirtschaftlichen und politischen Charakters in der sowjetischen Besatzungszone zu sammeln, sowie über die Lage der Parteien und der Bevölkerung in Thüringen zu berichtet zu haben, wie es in der Haftanordnung heißt. Dem Vernehmungsprotokoll ist ferner zu entnehmen, dass Rösler keinen der Vorwürfe abgestritten hat. „Ich bin dem Wesen der Verurteilung geständig, heißt es in der deutschen Übersetzung. Ich wusste allerdings gar nicht, was in dem Protokoll stand, da alles in Russisch aufgezeichnet wurde“, sagt er.

Erst Jahre später erhielt er die Papiere aus Moskau samt der Übersetzung: Zu seiner Überraschung wurde der Inhalt seiner Aussagen weitgehend wahrheitsgemäß aufgenommen. Sein Geständnis half ihm indes nicht: Im Februar 1949 wurde Rösler zu 25 Jahren Haft verurteilt, in Ermangelung der Todesstrafe, wie es damals hieß. „Stalin hatte die Todesstrafe in dieser Zeit aus propagandistischen Gründen kurz ausgesetzt, sodass ich nur zu einer langen Haftstrafe verurteilt wurde“, sagt Rösler
„Es war reine Glückssache für mich. Andere Liberale nach mir wurden zum Tode verurteilt und sind hingerichtet worden.“ Rösler wurde derweil nach Bautzen gebracht, ins Gelbe Elend, wie die Anstalt damals ob ihrer auffälligen Fassade genannt wurde. Später ging es nach Torgau in die ehemalige Wehrmachtsanstalt.
Erlöst wurde Rösler 1957 durch die Bemühungen des damaligen FDP-Bundesvorsitzenden Thomas Dehler und den späteren Innen- und Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Er ging nach Bayern, stürzte sich umgehend wieder in die Parteiarbeit, rückte in den Bundesvorstand der Jungdemokraten und die bayrische FDP 21 Jahre lang als deren Hauptgeschäftsführer.

Thüringen hat Rösler aber nicht vergessen. Hierher habe er eine sehr enge Bindung. Er blicke positiv zurück, schlechter Schlaf wegen der damaligen Vorkommnisse begleite ihn nicht. „Das ist Geschichte, ich leide nicht mehr“, sagt er selbstbewusst. Klar, damals nach der Entlassung habe er noch Jahre geträumt, dass er wieder eingesperrt werden könnte. Nach dem ersten Besuch im Gelben Elend in Bautzen kurz nach der Wende sei diese Angst aber wie weggeblasen.
Die Erinnerung ist aber noch sehr präsent, das wird beim Gang durch die Haftanstalt Weimar deutlich. „Hier hat sich viel getan“, sagt Rösler. Die großen Zellen, in denen zwischen zehn und 20 Mann festgehalten wurden, gibt es nicht mehr. Auch die Gitterfenster seien nicht so schön gewesen, wie heute. Deutlich dunkler sei es zudem gewesen, da es weniger Fenster und dunkel angestrichene Wände gab. Heute wirkt alles viel freundlicher.
Hans Helmut Rösler hat abgeschlossen mit diesem Teil seiner Vergangenheit. Er erinnert sich lieber an die Zeit danach, insbesondere an die Wendezeit 1990, als er wieder regelmäßig gen Thüringen gefahren ist. Vor fast genau 25 Jahren wurde er auf die Leuchtenburg bei Kahla eingeladen. Nach der Gründung der Jungen Liberalen, die damals noch Jungliberale Aktion hieß, wurde er in einem Festakt zum Ehrenvorsitzenden ernannt. „Ich war völlig überrascht, das hat mich sehr berührt und das werde ich nie vergessen.“







