Die Bundeswehr rüstet im Eiltempo auf. Panzer, U-Boot-Jagdflugzeuge, Radarsatelliten, Kampfhubschrauber: Im vergangenen Jahr wurden Waffen und Ausrüstung für 24 Milliarden Euro an die Truppe ausgeliefert. Zugleich wurden binnen zwölf Monaten große Rüstungsprojekte im Rekordumfang von 83 Milliarden Euro bewilligt, Kampfbekleidung für bis zu 460.000 Soldaten inklusive, wie das Verteidigungsministerium bilanziert. „Wir meinen es ernst damit, die Bundeswehr so schnell wie möglich leistungsstark und durchhaltefähig zu machen“, sagt Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) über die „riesigen Investitionen“.

Rüstungsausgaben steigen: Bund plant Milliardeninvestitionen in Panzer und Drohnen

In Kürze soll die Entscheidung über den eiligen Kauf von 12.000 Kamikazedrohnen fallen, drei deutsche Hersteller sind im Rennen. Es ist erst der Anfang: Eine interne Projektliste aus dem Verteidigungsministerium sieht Rüstungskäufe für die nächsten Jahre im Umfang von 377 Milliarden Euro vor. Auf dem Wunschzettel der Militärs stehen unter anderem 1000 Leopard-Kampfpanzer, 700 Puma-Schützenpanzer, 2500 gepanzerte Boxer-Transportfahrzeuge, Satelliten, 600 Skyranger-Systeme zur Drohnenabwehr.

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Das Ziel ist klar: „Die Bundeswehr soll konventionell zur stärksten Armee Europas werden“, hat Kanzler Friedrich Merz (CDU) in seiner ersten Regierungserklärung angekündigt. Es ist das wohl ambitionierteste und teuerste Versprechen der Koalition. Jetzt wird klar, wie tiefgreifend der Strategiewechsel ist: Deutschland ist auf dem Weg zu Europas Raketenmacht. Die Bundeswehr soll nicht nur verteidigen, sondern im Ernstfall mit Offensivwaffen Ziele weit im russischen Hinterland sehr präzise erreichen können – sogenannte Deep Precision Strikes sollen insbesondere Kommandoeinrichtungen, Abschussrampen oder Flugplätze zerstören.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Eine Zäsur. Der Sicherheitsexperte Fabian Hinz vom Londoner International Institute for Strategic Studies (IISS) spricht von „Deutschlands Rückkehr ins Raketenzeitalter“. Der Militäranalyst Fabian Hoffmann, der an der Universität Oslo forscht, sieht Deutschland langfristig sogar auf dem Weg zu „Europas Raketensupermacht“.

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Pläne für Tomahawk: Erstmals Langstreckenwaffen für die Bundeswehr

Vorgesehen ist laut internen Projektlisten unter anderem der Kauf von 400 Marschflugkörpern vom Typ Tomahawk aus US-Produktion. Damit würde die Bundeswehr erstmals in ihrer Geschichte über eine Langstreckenwaffe verfügen, sie könnte mehr als 2000 Kilometer weit fliegen, je nach Modell auch 2500 Kilometer – also nach Moskau und darüber hinaus. Der Tomahawk ist eine Erstschlagswaffe, eine Art unbemanntes Einwegflugzeug, das mit einem sehr modernen Navigationssystem in niedriger Höhe (30 bis 90 Meter) fliegen und seine Richtung unterwegs ändern kann.

Wegen dieser Eigenschaften sind die Cruise Missiles nur schwer für die Flugabwehr des Gegners zu erkennen. Der Tomahawk übertrifft alle in Europa vorhandenen Systeme. Bis 2019 waren solche landgestützten Mittelstreckenwaffen in Europa durch den INF-Rüstungskontrollvertrag verboten, dann kündigte US-Präsident Donald Trump das Abkommen, weil Kremlherrscher Wladimir Putin es offenkundig gebrochen hatte.

TACTICAL TOMAHAWK, THE NEXT GENERATION OF TOMAHAWK MISSILE, POINT MUGU, CALIFORNIA, AMERICA - 23 AUG 2002
Start eines Tomahawk-Marschflugkörpers von Point Mugu in Kalifornien. © Shutterstock | shutterstock

Nun würden die Tomahawks nicht nur an Land stationiert, sondern auch auf Fregatten der Bundesmarine. Noch ist die Beschaffung nicht beschlossen, aber Pistorius hat in Washington schon das Interesse am passenden Startsystem vom Typ Typhon angemeldet. Die Pläne spiegelten das veränderte sicherheitspolitische Selbstverständnis Berlins wider, sagt Hinz. Nicht nur wegen der Bedrohungslage, sondern auch technologisch: Abstandswaffen würden einerseits genauer, andererseits wichtiger, weil moderne Flugabwehrsysteme vor allem der Russen und Chinesen es schwerer machten, tiefreichende Präzisionsschläge mit Flugzeugen durchzuführen.

Schon seit 18 Monaten ist geplant, dass die US-Armee ab diesem Jahr vorübergehend eigene Tomahawks nach Deutschland verlegt, nun also soll auch die Bundeswehr dauerhaft damit ausgerüstet werden. Auch den Dark Eagle, die neue Hyperschallwaffe der USA, die nach aktuellen Daten bis zu 3500 Kilometer fliegen kann, könnte die US-Armee ab diesem Jahr zeitweise in Deutschland stationieren – so jedenfalls die Abmachung, die im Juli 2024 Joe Biden mit Olaf Scholz überraschend verkündete.

Hält sich Donald Trump an die Vereinbarung mit Deutschland?

Schon das ist eine Zäsur, eine solche Stationierung gab es zuletzt im Kalten Krieg in den 80er-Jahren, als die Nato auf die Bedrohung durch sowjetische SS20-Mittelstreckenraketen mit der Pershing-Nachrüstung antwortete. Damals hatte das eine nukleare Komponente und war in Deutschland hoch umstritten. Jetzt geht es um eine konventionelle Antwort auf die massive Aufrüstung Russlands, die ganz Europa bedroht. Die Nato verweist seit Jahren auf atombombenfähige Iskander-Raketen und Kampfjets mit Kinchal-Raketen in Kaliningrad, taktische Atomwaffen in Belarus, den Marschflugkörper SSC-8 oder Neuentwicklungen wie das Raketensystem Oreschnik, das Russland erst vor wenigen Tagen provozierend gegen Ziele in der Westukraine sehr nahe der polnischen Grenze abgefeuert hatte.

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#23 Jan van Aken über Waffen, Viren und das Geheimnis von Heidi Reichinnek
Meine schwerste Entscheidung
 

Der Sicherheitsexperte Jonas Schneider vom Deutschen Institut für internationale Politik und Sicherheit in Berlin schätzt, Moskau verfüge inzwischen über mehr als 500 bodengestützte Mittelstreckenwaffen – die Nato in Europa aber habe keine einzige. Ob sich Trump an die Stationierungszusage seines Vorgängers hält, ist indes offen. Kanzler Merz versicherte kürzlich: „Ich habe im Augenblick keine Veranlassung, an den Vereinbarungen zu zweifeln.“

Aber die US-Hilfe wäre ohnehin nur vorübergehend, im Verteidigungsministerium wird längst weitergedacht. Neben dem Kauf eigener Tomahawks soll Deutschland „in fünf bis sieben Jahren“ eine eigene Mittelstreckenwaffe für Distanzen über 2000 Kilometer entwickelt haben, das Elsa-Gemeinschaftsprojekt mit Großbritannien, Frankreich, Italien, Polen und Schweden arbeitet bereits; als Teilprojekt ist auch der Bau einer deutsch-britischen Abstandswaffe vereinbart, vermutlich ein Hyperschallgleitflugkörper. Es gehe um effektive Abschreckung, sagt Pistorius. „Jeder Schlag gegen uns wird beantwortet werden – auch konventionell.“

Bestellt sind bereits zusätzlich Marschflugkörper für die F-35-Tarnkappenkampfjets, die die Bundeswehr in den USA kauft. Der JASSM-ER soll harte Ziele in bis zu 1000 Kilometer Entfernung zerstören können, der JSM hat eine Reichweite von 500 Kilometern. Diese Distanz schafft bisher nur der Taurus-Marschflugkörper, der ebenfalls von Flugzeugen aus gestartet wird. Von dem mitunter als „Superwaffe“ gefeierten Bunkerbrecher soll die Bundeswehr 2029 die angekündigte moderne Version Taurus Neo bekommen. Ein neues Triebwerk könnte die Reichweite auf bis zu 700 Kilometer erhöhen. „Endlich fließen Beschaffungsgelder in Richtung konventioneller Waffensysteme hoher Reichweite“, sagt Militäranalyst Hoffmann.

ILA - Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung
Ein Taurus-Marschflugkörper als Ausstellungsobjekt bei der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung auf dem Gelände des Flughafens Berlin Brandenburg (BER). Die Bundeswehr soll in den nächsten Jahren auch eine moderne Version, den Taurus Neo, erhalten. © FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Aber wie wird Russland reagieren? Befeuert Deutschland einen neuen Rüstungswettlauf? Als die vorübergehende Stationierung von US-Tomahawks bekannt wurde, schäumte der Kreml und sprach von einem „Eskalationskurs von Nato und USA“. Russland werde in aller Ruhe eine vor allem militärische Antwort darauf ausarbeiten, ließ Putin ausrichten. Die neuen Bundeswehr-Pläne dürften die Gereiztheit erhöhen.

Friedensgutachten warnt: Neue nukleare Risiken durch Moskaus Reaktion

Das aktuelle Friedensgutachten von vier führenden deutschen Friedensforschungsinstituten listet denkbare Schritte Moskaus auf: die verstärkte Stationierung taktischer Nuklearwaffen, eine höhere Einsatzbereitschaft strategischer Waffen, die Entwicklung neuer Systeme sowie eine verstärkte militärische Präsenz in strategischen Regionen. Die Friedensforscher bewerten schon die US-Stationierungspläne zwiespältig: Die Entwicklung zwinge Russland dazu, in seinen Plänen für einen möglichen Angriff mehr Gebiete als potenziell gefährdet zu betrachten. „Zwar stärkt dies Europas Abschreckungswirkung, doch es birgt auch Risiken.“ Russland könne auf die Bedrohung durch konventionelle Systeme mit nuklearen Gegenmaßnahmen reagieren.

Völlig risikolos sei die Strategie nicht, meint auch Sicherheitsexperte Schneider: „Moskau militärisch etwas verwundbarer zu machen, könnte dort zu Fehlurteilen führen.“ Aber der Berliner Rüstungsforscher hält den Kurswechsel dennoch für richtig. Der Druck auf Russland könne helfen, Moskau zurück an den Tisch für Rüstungskontrollgespräche zu bringen. Schneider sagt: „Erst wenn Moskau sieht, dass die militärischen Trends dauerhaft klar zu seinem Nachteil laufen, entsteht für Putin ein Anreiz, sich auf Rüstungskontrolle zu einigen.“