Franka Hitzing zur Schulreform: "Diese Bevormundung regt Lehrer auf"

Mit der Landtagsabgeordneten Franka Hitzing (FDP) sprachen wir über den Reformeifer der Thüringer Schulpolitik. Sie rät Bildungsminister Christoph Matschie (SPD) zu Ruhe und Besonnenheit bei der Umsetzung der Novelle - und notfalls zu einem Aussetzen der Reform.

Die Thüringer Landtagsabgeordnete Franka Hitzing (FDP) hält es für fraglich, ob Änderungen an der neuen Schulordnung noch bis zu deren Start im August 2011 in die Novelle einfließen können. Foto: Jens-Ulrich Koch/dapd

Die Thüringer Landtagsabgeordnete Franka Hitzing (FDP) hält es für fraglich, ob Änderungen an der neuen Schulordnung noch bis zu deren Start im August 2011 in die Novelle einfließen können. Foto: Jens-Ulrich Koch/dapd

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Sie sind seit anderthalb Jahren Abgeordnete des Landtags und sogar Vizepräsidentin des Parlaments. Dennoch geben Sie weiter Unterricht an Ihrer Regelschule im Landkreis Nordhausen. Warum tun Sie das?

Weil das für eine angestellte Lehrerin möglich ist und ich den Kontakt zum Schulleben nicht verlieren möchte. Wegen der Mandatsausübung gehe ich zwar nur noch einen Tag pro Woche in die Schule, aber das sehr gern. Ich bin dort weiter verantwortlich für schulbezogene Jugendarbeit und Vertrauenslehrerin.

Was sagen denn die Lehrerkollegen an Ihrer Schule zum Reformeifer in der Thüringer Schulpolitik?

Sie haben das Gefühl, dass ihnen das Kultusministerium in gewisser Weise Kompetenz abspricht. Das regt viele furchtbar auf.

SPD-Kultusminister Christoph Matschie würde den Vorwurf weit von sich weisen.

Nur ein Beispiel: Die neue Schulordnung schreibt jedem Lehrer verpflichtend vor, dass er mindestens einmal im Jahr mit den Eltern spricht. Da fragen mich meine Kollegen: Wissen die in Erfurt eigentlich, wie oft wir mit den Eltern reden? Auch sagt die Vorschrift nichts darüber, was passieren soll, wenn Eltern trotz mehrfacher Einladung nicht in die Schule kommen. Muss der Lehrer dann die Familie zu Hause besuchen, wie es schon mal üblich war?

Zur Lehrerkonferenz am 12. April wurde sich mehr über die zusätzliche verbale Einschätzung neben den Zensuren aufgeregt. Warum halten Sie das für überflüssig?

Wenn es Sinn und Verstand haben soll, ist diese zusätzliche Arbeit nicht mit ein, zwei Sätzen getan. Bei 20 bis 25 vergebenen Fachnoten ergibt das leicht zwölf Seiten. Aber ob dieser Aufwand die Reflexion der Schülerleistung bei den Kindern und Eltern verbessert, steht aus meiner Sicht in den Sternen. An das Zensurenschema sind alle gewöhnt. Und ob es sich um eine gute oder eine schlechte Note 2 handelt, stellen wir mit dem Notendurchschnitt dar. Den kennen die Schüler sehr wohl, und zwar rechtzeitig vor Ende des Schuljahres. Insofern ist diese unterschwellige Unterstellung, wir würden mit den Schülern nicht reden, auch an dieser Stelle ärgerlich.

Manche Schulen arbeiten längst mit verbaler Leistungseinschätzung, und zwar freiwillig.

Wenn alle Beteiligten das wollen, ist es doch in Ordnung. Dagegen würde ich mich niemals sperren. Ich sperre mich aber gegen diesen Kommandoton: Ab August machen es alle so! Wo kommen wir denn hin? Ich nahm an, das hätten wir vor 20 Jahren ein für allemal überwunden.

Was ist so schlimm an einer sogenannten jahrgangsübergreifenden Schuleingangsphase, dass Minister Matschie sie nach heftigen Protesten offenbar wieder zurückzieht?

Ich habe nie gesagt, dass es schlimm ist, Kinder unterschiedlichen Alters gemeinsam zu unterrichten. Das haben auch die Lehrer nicht gesagt, die sich so massiv dagegen gewehrt haben. Ein Dorn im Auge ist ihnen die Bevormundung, die ich mir nur mit ideologischen Motiven erklären kann. Ansonsten würde man doch den Bildungseinrichtungen die Luft lassen, sich in der Vielfalt ihrer Konzepte zu entwickeln. Zwang hat noch nie zum Erfolg geführt. Das ist der Grund, warum es zur Lehrerkonferenz so laut geworden ist.

Bei einem Durchschnittsalter von 50 sind vielleicht viele Lehrer einfach schon zu alt, um sich noch einmal mit ungewohnter Methodik und völlig anderer Unterrichtsorganisation anzufreunden?

Kommen junge Leute ins Kollegium, bringen sie mit ihren Ideen frischen Wind mit, das ist unbestritten und auch richtig schön. Gleichzeitig ist aber der berufliche Erfahrungsschatz der älteren Kollegen unverzichtbar, gerade dann, wenn es um Neuerungen geht. Wir werden das noch zu spüren bekommen, wenn in etwa fünf Jahren schlagartig viele Lehrer in den Ruhestand gehen.

Der umstrittene Entwurf der neuen Schulordnung wird jetzt überarbeitet. Ende gut, alles gut?

Ich fürchte nein. Der Kultusminister hat versprochen, die Kritiken ernst zu nehmen und Änderungsvorschläge zu berücksichtigen. Nur frage ich mich, ob das machbar ist, wenn die Schulordnung ab Mitte August in Kraft treten soll. In den Schulen steht die Prüfungszeit an, ab 11. Juli sind Ferien. Und danach soll jeder Lehrer wissen, wie es geht? Es sind noch so viele ganz praktische Fragen offen, über die mit den Leuten irgendwann mal gesprochen werden müsste.

Ihr Abgeordnetenkollege Peter Metz von der SPD sagt, Sie reden "Nonsens" denn man liege im Zeitplan.

Herr Metz hat bestimmt ganz viel Ahnung vom Schulalltag. Immerhin war er mal Schüler. Sollte er gemeint haben, dass sich nur noch die Koalition einig werden muss und ganz egal ist, was die Opposition im Bildungsausschuss zu dem Murks sagt, dann ist das in der Tat so. Da bin ich völlig illusionslos.

Was würden Sie an Matschies Stelle in den nächsten Wochen tun?

Ich würde mir die nötige Ruhe nehmen und die neue Schulordnung ein Jahr aufschieben. In der Bildung darf man nichts übers Knie brechen. Denn wird die eigentlich gute Arbeit unserer Schulen durch stümperhafte Entscheidungen gestört, zahlen am Ende die Schüler die Zeche.

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