Neuer Trägerkreis "Rüstungskonversion Jena" will mehr Licht in die Rüstungsproduktion in Jena bringen

Es war in den Wendetagen des Jahres 1990. Da fand sich im Müll auf dem Hof des Zeiss-Hauptwerkes ein dicker Ordner an, der die Betrachter in Erstaunen versetzte:

Der Trägerkreis der Initiative "Jena entrüstet" mit den Flyern, die jetzt überall in Jena verteilt werden. Von rechts: Christoph Ellinghaus, Nikolaus Huhn, Joachim Misselwitz, Sabine Lötzsch, Dorothea Forsch und Wolfgang Geffe.
Foto: Frank Döbert

Der Trägerkreis der Initiative "Jena entrüstet" mit den Flyern, die jetzt überall in Jena verteilt werden. Von rechts: Christoph Ellinghaus, Nikolaus Huhn, Joachim Misselwitz, Sabine Lötzsch, Dorothea Forsch und Wolfgang Geffe. Foto: Frank Döbert

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Jena. Die komplette Montage-Anleitung des Feuerleitsystems TPD-K1 für den russischen Kampfpanzer T 72 - ein Anzeichen für die Militär­produktion im Kombinat Carl Zeiss Jena, noch dazu in eng­lischer Sprache für den Export, wohl nach Indien, verfasst.

Seither ist über die Rüstungsproduktion bei Zeiss Jena zu DDR-Zeiten - "dank", muss man sagen, der akribisch geführten Akten der Staatssicherheit - vieles, aber längst nicht alles ­bekannt geworden. Dass in Jena weiterhin in den verschiedensten Sparten für militärische oder Sicherheits-Anwendungen geforscht und produziert wird, steht fest. Und dass der Mantel des Schweigens gern über solche sensiblen Angelegenheiten ausgebreitet wird, ist aus Sicht der Produzenten und Auftraggeber durchaus verständlich - aus Sicht der Bürger, die die Rüstungsproduktion als Bedrohung des Friedens ansehen, jedoch keineswegs. "Frieden schaffen ohne Waffen" lautete die von der SED unterdrückte Forderung der Jenaer Friedensgemeinschaft schon vor 30 Jahren; das Symbol "Schwerter zu Pflugscharen" (Micha 4) hat seitdem nichts an Aktualität eingebüßt.

Mehr Licht in dieses Dunkel vordringlich auf lokaler Ebene zu bringen - dieses Ziel hat sich der Trägerkreis "Rüstungskonversion Jena" auf die Fahnen geschrieben, der sich gestern konstituierte. Unter dem Motto "Jena entrüstet" wollen sich unter anderem Vertreter der Gewerkschaften (IG Metall, verdi), der Kirchen (Lothar-Kreyssig-Ökumenezentrum), des IPPNW - Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, des Studierendenrates der Universität und weitere engagierte Bürger für eine nachhaltige Rüstungskonversion in Jena und die Durchsetzung einer Zivilklausel an der Universität einsetzen. "Für dieses Ziel wollen wir uns in den nächsten Jahres mit Veranstaltungen und Aktionen verschiedenster Art in den öffent­lichen Diskurs einmischen", erklärte Christoph Ellinghaus (IG"Metall) für den Trägerkreis. Man sei sich der ökonomischen Zwänge derer bewusst, die in Rüstungsbereichen forschen, arbeiten, verkaufen und verdienen. Dennoch könne und wolle man die Augen nicht davor verschließen, dass infolge der Rüstungsexporte (Deutschland ist Nummer 3 auf dem Sektor) Menschen in anderen Regionen der Welt eine andere Erfahrung mit deutscher Hochtechnologie machen. Umrüstung auf zivile Produktion sei jedoch nicht ­ohne die politischen Entscheidungsträger zu machen. "Rüstungsexporte tragen zur Friedensgefährdung bei". Zu diesem Schluss komme der jährlich ­erscheinende Kirchenreport, so Wolfgang Geffe, der Friedens­beauftragte der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands. Das Thema Rüstung und Rüstungsexporte werde man auch auf dem Mitteldeutschen Kirchentag am 21./22. September in ­Jena diskutieren, kündigte er an.

"Wir können nicht verantworten, dass unser Wohlstand durch Rüstungsexporte gesichert wird", erklärte Prof. Joachim Misselwitz (IPPNW).

Um das Anliegen den Jenaern nahe zu bringen, werden zunächst 7000 Flyer verteilt. Dieser zeigt das Stadtwappen von Jena, den Heiligen Michael, aber zum ersten Mal in der 777-jährigen Geschichte der Stadt ohne Lanze (und ohne Drachen).

Kontakte, auf Wunsch auch vertraulich, über: www.jena-entruestet.de, kontakt@jena-entruestet.de oder Postfach 100325, 07703 Jena.

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