Thüringer Schulwesen krankt an Überalterung und zu wenig Lehrern

500 neue Lehrer pro Jahr versprechen die Parteien, mehr als jemals zuvor. Doch für den "frischen Wind" an Thüringens Schulen braucht es weit mehr.

Einteilung der Unterrichtsstunden in der Regelschule Ranis. In den Thüringer Schulen herrscht Lehrermangel und die Überalterung tut das Ihre. Die Frage, wer heute welche Stunde gibt, ist da nicht leicht zu beantworten. Foto: Alexander Volkmann

Foto: zgt

Erfurt. Der älteste Pädagoge an Thüringens Schulen ist ein Mann und 73 Jahre alt. Mehr gibt das Statistik-Portal des Kultusministeriums nicht preis, lediglich, dass der betagte Pauker noch zwei fast ebenso alte Kollegen von 72 und 68 Jahren hat.

Indes bildet nicht das hoffentlich rüstige Trio an der Spitze der pädagogischen Kohorte das Problem hiesiger Bildungspolitik, sondern die Alterspyramide an sich. Denn die steht praktisch auf dem Kopf: Weit über die Hälfte des Lehrpersonals ist jenseits der 50. Mit den seit Jahren beklagten Folgen: hohe Krankenquote, Unterrichtsausfall, Fächer, die an manchen Schulen einfach verschwinden.

Keine Neueinstellungen, sondern nur der Ausgleich

Neue Lehrer braucht das Land, so tönten die Parteien fast unisono vor der Wahl, Linke, SPD und CDU legten sich sogar auf Zahlen fest: "Mindestens 500 pro Jahr" schrieben die Sozialdemokraten ins Wahlprogramm, 2500 für die fünfjährige Wahlperiode fixierten die Christdemokraten, 5000 bis 2024 will die Linke. Allerdings nicht etwa zusätzlich, wie es das vielfach benutzte Wort von "Neueinstellungen" nahelegen könnte. Sondern nur als Ausgleich für ausscheidende Lehrer. "Damit verfolgen wir das Ziel, alle aus dem Dienst ausscheidenden Pädagoginnen und Pädagogen zu 100 Prozent zu ersetzen", heißt es dazu im Wahlprogramm der Linken ziemlich weit hinten. Und auch im satt bebilderten "Thüringenplan" der Union offeriert erst die Seite 29, dass die 2500 neuen Lehrer vor allem die "Thüringer Unterrichtsgarantie" verbürgen sollen - mithin das, was eigentlich selbstverständlich sein sollte.

Aber wären 500 Einstellungen pro Jahr auch genug, um Thüringens Schulen wenigstens wieder ins Laufen zu bekommen, also die heutigen Personal-Lücken zu schließen? Eine nur scheinbar einfache Frage, wie sich im Zuge der Recherche erweist. Das Thüringer Bildungsministerium, um Auskunft zu den Zahlen der ausgeschiedenen und eingestellten Lehrer der letzten vier Schuljahre sowie etwaigen Prognosen gebeten, verweist zunächst auf den angeblich enormen Aufwand, die Daten zu erheben. Einige Tage, so ein Sprecher, werde man dafür brauchen.

Seltsam, wenn man bedenkt, dass etliche der Zahlen längst veröffentlicht wurden - und zwar vom Ministerium selbst. So ist den Antworten auf eine Kleine Anfrage der Grünen im Landtag vom August 2012 ganz leicht zu entnehmen, dass zwischen 2007 und 2011 jährlich zwischen 312 und 438 Lehrer-Vollzeitstellen frei, aber nur maximal 250 mit neuen Lehrern wieder besetzt wurden. Für 2012 rechnete das Haus von Ressortchef Christoph Matschie (SPD) mit 250 altersbedingten Abgängen voller Stellen, dafür sollten insgesamt 396 Lehrer und Erzieher neu ihren Dienst aufnehmen - auf knapp 330 "VZB"-Stellen. Eine Unterscheidung, die regelmäßig für Verwirrung sorgt: Lehrer und "Vollzeitbeschäftigter". Erzieher an Grundschulen zum Beispiel bekommen nur halbe "VZB"-Stellen, Quereinsteiger an Berufsschulen häufig 0,9-Zuordnung, Förder- und Grundschullehrer hingegen ganze Stellen. Merke also: Lehrer und Stelle sind nicht dasselbe.

Weniger Neue als Altersabgänge

Auch der Zeitbezug verheddert immer mal die Diskussion - Einstellungen pro Kalender- oder pro Schuljahr? Neue Lehrer starten in der Regel nach den Winter- oder Sommerferien. Deshalb konzentrieren wir uns auf die Angaben nach Schuljahren, die das Ministerium dreieinhalb Tage nach unserer Anfrage endlich liefert.

Demnach blieb in den letzten vier Jahren die Zahl der Neueinstellungen teils erheblich unter der der Altersabgänge, die um 450 Vollzeitstellen pendelte. Allerdings habe zumindest in den zwei zurückliegenden Schuljahren die Lücke mehr als geschlossen werden können, weil etliche Pädagogen aus dem "Floating" in den Vollzeitbetrieb zurückkehrten sowie Aufgabenfelder für Lehrer außerhalb des Unterrichts so umgebaut wurden, dass rund 70 Stellen wieder in die Klassenräume wanderten. Beide Kompensationen dürften allerdings für die Zukunft immer weniger in Frage kommen, da unterrichtsferne Aufgaben wie Fachberater bereits auf ein Mindestmaß eingekürzt wurden und die nach einem Gerichtsurteil erzwungene Rückkehr aus der Zwangsteilzeit namens "Floating" inzwischen von allen Betroffenen realisiert sein dürfte.

Im aktuellen Schuljahr macht der Überhang laut Ministerium rund 1250 Stellen aus, allerdings verteilt er sich höchst unterschiedlich nach Schularten: An Grundschulen gibt es gar keinen, an Förder- und Berufsschulen sind es rund 1000 Stellen. An den Gymnasien fällt er laut Prognose im nächsten Schuljahr auf null. Rolf Busch, Vorsitzender des Thüringer Lehrerverbandes, hält die "Überhänge" ohnehin für vernachlässigbar: "Das dürfte durch Krankenstände an den Schulen sowieso kompensiert sein", urteilt Busch. Allerdings gebe es präzise Daten zu dauerhaften Erkrankungen an den Schulen eben bisher auch nicht - für eine wirklich solide Personalplanung fehlt somit ein wichtiger Baustein. Zumindest eine gewisse Ahnung, wie viele neue Lehrer es in Zukunft braucht, sollte das Personalentwicklungskonzept vermitteln, das vor rund einem Jahr von Ministerium und Lehrergewerkschaften gemeinsam erarbeitet wurde.

Lehrergrundbedarf in zwei Varianten

Auf der Basis der prognostizierten Bevölkerungs- und Schülerzahlenentwicklung errechnet es den "Lehrergrundbedarf" bis ins Schuljahr 2022/23 und stellt dem gegenüber, wie viele von den heutigen rund 18"000 Lehrern noch unterrichten werden, nach zwei Varianten: Einmal für den relativ unwahrscheinlichen Fall, dass sämtliche Pädagogen bis zum gesetzlichen Renten- oder Pensionseintritt durchhalten; zweitens unter der wohl lebensnäheren Annahme, dass das gestresste Schulpersonal auch künftig zu Teilen aus den unterschiedlichsten Gründen vorzeitig ausscheidet. Aus dem Vergleich zwischen "Lehrergrundbedarf" und erwartetem Alt-Bestand resultiert dann die Prognose zum "Ersatzbedarf". Und die lässt durchaus gruseln: Selbst unter der Voraussetzung, dass alle heutigen Lehrer tapfer durchhalten, braucht es bis 2022/23 etwa 2700 Vollzeit-Einstellungen, in den letzten beiden Prognose-Schuljahren jeweils weit mehr als 600. Scheiden indes etliche Pädagogen wie bisher vor dem Pensionsalter aus, erhöht sich der Ersatzbedarf auf fast 5100 Vollzeitstellen. Schon ab dem Schuljahr 2015/16 müssten jeweils deutlich mehr als 500 Vollzeitstellen neu besetzt werden, in den Folgejahren sogar um die 700 - was de facto auf bis zu 900 neue Lehrer pro Jahr hinausliefe.

Und selbst diesen Prognosen begegnen die Bildungsgewerkschaften inzwischen mit deutlichem Misstrauen. Sie basierten schließlich auf den Zahlen des Ministeriums, wendet TLV-Chef Busch ein und argwöhnt Lücken in der Berechnung, weil das Land bestimmte Personalstunden den Schulen gar nicht mehr zurechne. Zudem könne auch nicht einfach die bisherige Praxis der Abordnungen fortgesetzt werden, mit der Lehrer, die an ihrer eigentlichen Schule die Pflichtstundenzahl nicht erfüllen, zum Unterrichten an weiteren Schulen eingesetzt werden.

Zahl der Abordnungen hat sich vervierfacht

Nach Erkenntnissen der FDP-Bildungsexpertin Franka Hitzing hat sich die Zahl solcher Abordnungen im vorigen Schuljahr gegenüber den Vorjahren vervierfacht. Fast 15"000 Unterrichtsstunden wurden von zwangsverschickten Lehrern gehalten. Allein mit diesem Instrument dürften einige hundert fehlende Pädagogen kompensiert worden sein. Umso dringender, so Busch, sei deshalb der bereits vor einem Jahr von Matschie versprochene Aufbau einer Vertretungsreserve von mindestens 300 Lehrern, um zumindest die gröbsten Löcher zu stopfen. Im Konzept des Ministeriums wird diese Reserve sogar auf rund 600 Stellen beziffert. Umgesetzt werden soll sie aber frühestens mit den Haushaltsverhandlungen für 2015/16.

"500 sind erst mal besser als gar nichts", kommentiert Kathrin Vitzthum die Versprechungen der Parteien. Die neue Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) will die Zahl aber ausdrücklich als Startpunkt für weit mehr Neueinstellungen verstanden wissen. "Eigentlich bräuchten wir mindestens 800 Neueinstellungen plus die angekündigte Personalreserve", bekräftigt Vitzthum. Allein zur Umsetzung des inklusiven Lernens, also des gemeinsamen Unterrichts von nichtbehinderten und Schülern mit Handicap, müssten massive Einstellungen erfolgen.

Nicht nur in Sachen Inklusion aber klafft zwischen den ministeriellen Versprechungen vom "frischen Wind" in den Klassenzimmern und der Realität noch eine erhebliche Lücke. So soll nach Informationen dieser Zeitung für das aktuelle Schuljahr lediglich eine Sonderpädagogische Fachkraft neu eingestellt worden sein, wie sie gerade zur Betreuung von Schülern mit Handicap gebraucht wird. Auch das Verschieben überschüssigen Personals aus den Förderschulen dürfte weithin Illusion bleiben, da zwar 24 Förder-Lehrer neu angefangen haben, indes zuvor 42 sich in den Ruhestand verabschiedeten. Immerhin: Genau 400 Vollzeitstellen hat das Kultusministerium in diesem Jahr neu besetzt, 40 mehr, als zeitgleich durch alternde oder kranke Lehrer frei wurden. Wie viele neue Pädagogen Thüringen in den nächsten Jahren wirklich braucht, soll ein neues Personalentwicklungskonzept beschreiben, das die Gewerkschaften demnächst mit dem Ministerium angehen wollen, diesmal auch unter Einbeziehung der Krankenstände in den Schulen.

Ob dann in Thüringen tatsächlich auch so viele Lehrer eingestellt werden, wie als Ersatz berechnet? Ein Finanzexperte der sich abzeichnenden rot-rot-grünen Koalition jedenfalls meint: Gut, dass die Zahl von den 500 Einstellungen pro Jahr schon verkündet ist - dahinter zurück kann so leicht keine Regierung mehr.

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