„Ein Museum sollte immer wieder überraschen“

Gera.  Zuvor hatte Patrick Golenia unter anderem für die Staatlichen Museen Berlin und das Auktionshaus Grisebach gearbeitet.

Patrick Golenia ist neuer Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Museums für Angewandte Kunst Gera (Musak).

Patrick Golenia ist neuer Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Museums für Angewandte Kunst Gera (Musak).

Foto: Peter Michaelis

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„Ein Museum sollte ein Thema nicht nur ansprechend vermitteln, sondern muss die Leute immer wieder aufs Neue überraschen. Denn was sonst zieht den Geraer in ein Haus, dass er vielleicht schon 30 Jahre lang kennt? Ich sehe täglich, dass die Leute ins benachbarte Parkhaus gehen, aber nicht in unser Museum“, bemerkt Patrick Golenia und umreißt damit eine Herausforderung seiner neuen Arbeitsstelle. Seit 1. September ist der Kunsthistoriker, Jahrgang 1978, als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Museum für Angewandte Kunst in Gera tätig. Damit ist nach etlichen Jahren diese Stelle wieder besetzt worden.

Patrick Golenia studierte an der TU Berlin Kunstgeschichte und Musikwissenschaft. „Für Kunsthistoriker, die sich für Angewandte Kunst interessieren, ist es nicht einfach, ein Betätigungsfeld zu finden. Denn Museen für Angewandte Kunst gibt es in Deutschland nur einige wenige. So in Berlin, Köln, Hamburg, Leipzig und eben in Gera. Als die hiesige Stelle ausgeschrieben worden war, dachte ich, da muss ich hin“, erzählt der junge Mann.

Zuvor hatte Patrick Golenia unter anderem für die Staatlichen Museen Berlin und das Auktionshaus Grisebach, eines der größten Auktionshäuser des Landes, gearbeitet. „Dort haben wir mit dem Verkauf von angewandter, dekorativer Kunst diese Sparte in vollkommen neuer Form eröffnet – Verkaufsobjekte mit ihrer individuellen Geschichte vorgestellt. Im Endeffekt müssen Museen ähnliches tun – ihre Kunst dem Besucher spannend und sinnlich vermitteln. Damit meine ich nicht nur die Objekte an sich zeigen, sondern Geschichten über deren Entstehung, Funktion und dergleichen erzählen.

„Angewandte Kunst hat mich schon immer fasziniert, wurde aber nie im Studium thematisiert“, erklärt Patrick Golenia seine Vorliebe für das Sujet- „Schließlich ist es die Kunst, die uns am meisten umgibt. Gemälde an der Wand oder Skulpturen hat ein Bruchteil der Bevölkerung. Angewandte Kunst hat jeder, sei es das Ikea-Besteck oder ein Stuhl oder Sofa. Aber auch Schmuck, die Kleidung, das Auto, das wir fahren, die Architektur, in der wir wohnen – alles ist Angewandte Kunst. Insofern ist es sehr spannend, wird jedoch meistens nebenbei behandelt.“

Sein persönliches Interesse dabei gelte insbesondere Möbeln, gesteht er. Er sei aber für anderes schnell zu begeistern: Keramik, Schmuck, Design. „In dem Augenblick, wo ich mich in etwas hineinarbeite, fange ich Feuer, möchte mehr erfahren und habe das Bedürfnis, dieses Wissen auch anderen zu vermitteln. Als Kunsthistoriker ist man eine Art Verteidiger des Kunstwerks und kann es jemandem so vermitteln, dass man dessen Interesse weckt.“

Geras Museenlandschaft habe den Berliner zu Beginn erstaunt. „Es hat mich sehr überrascht, wie viele Museen Gera hat und wie spannend diese sind. Man kämpft hier nicht auf verlorenem Posten, sondern ist umgeben von einer unglaublichen Mannigfaltigkeit von Kunst. Im Haus wird eine ziemlich spannende Sammlung aufbewahrt und wartet nur darauf, regelmäßig dem interessierten Besucher zur Verfügung gestellt zu werden“, findet der Wissenschaftler, der auch schon mit mehreren Publikationen, beispielsweise über den Berliner Kunsthändler Paul Graupe (1881-1953) auf sich aufmerksam gemacht hat.

„Die Museen können und müssen mehr leisten. Sie sollten ein noch breiteres Publikum, insbesondere mehr junge Leute, anlocken“, so Golenia. Allerdings wisse er mittlerweile um die schwierige Geschichte des Hauses und der Stadt: „Wenn kein Geld da ist, ist keines da. Aber die Sparmaßnahmen der vergangenen Jahre haben dieses Museum so ziemlich an den Rand seiner Möglichkeiten gebracht. Sammeln, bewahren, forschen, ausstellen, vermitteln sind die Aufgaben eines Museums. Aber dazu bedarf es genügend Personals. Wenn es keine Mitarbeiter gibt, kann auch die beste Sammlung nicht erforscht werden. Nun werden wieder Stellen geschaffen und besetzt. Auch die unglaublich wichtige Stelle der Museumspädagogin ist ausgeschrieben. Ich denke, die Stadtverantwortlichen haben das Potenzial der Museen erkannt.“

Patrick Golenia würde gern die Dauerausstellung „Art deco und Funktionalismus“ modernisieren. „Seit 2004 gibt es sie. Wer sie zwei-, dreimal besucht hat, möchte mal etwas anderes sehen. Exponate dafür hätten wir genügend. Vielleicht lässt sich das Ganze auch etwas lebendiger, moderner gestalten.“ Nach der aktuellen Design-Ausstellung plant das Museum für Angewandte Kunst drei Sonderausstellungen für dieses Jahr. „Wir beginnen im März/April mit Mode in der DDR aus der Frauenzeitschrift Sibylle. Schließlich besitzt unser Haus einen außergewöhnlich großen Bestand an diesen Zeitschriften. Im Fokus wird die Modefotografie, aber natürlich auch der Mythos dieser Zeitschrift stehen, die unglaublich fortschrittlich war und insbesondere in ihren Anfängen einem Hochglanzmagazin der Bundesrepublik in nichts nachstand. Im Juni/Juli werden wir uns einer Sammlung von außergewöhnlichen Barock-Schmuckstücken widmen. Über Schmuck aus dem 18. Jahrhundert existiert sehr wenig Literatur. Die Edelsteine des privaten Sammlerpaares wollen wir in den Kontext stellen: Wie entstehen solche Edelsteine und werden verarbeitet? Wie wurden sie getragen und welche persönlichen Schicksale können diese Kunstwerke erzählen? Ich bin schon jetzt auf die Reaktion der Besucher gespannt. In der Weihnachtszeit werden wir dann private Sammler, wirkliche Fachleute auf ihrem Gebiet, sowie deren Schätze vorstellen.“

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