„Belastende Situation für uns alle“: Geraer Familie bittet dringend um Lockerung des Besuchsverbots

Gera.  Familie Winkelmann aus Gera sorgt sich um ihre demenzkranke Mutter, die in einem Seniorenheim lebt. Mit einem Offenen Brief wendet sie sich an Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn.

Monika Winkelmann (Mitte) mit Ehemann Willfried und ihrer Schwester Ulrike Löscher vorm Seniorenpflegeheim "Franz Lenzner" in Lusan.

Monika Winkelmann (Mitte) mit Ehemann Willfried und ihrer Schwester Ulrike Löscher vorm Seniorenpflegeheim "Franz Lenzner" in Lusan.

Foto: Peter Michaelis

Monika Winkelmanns Mutter ist fast 95 Jahre alt. Aufgrund von Demenz lebt sie im „Franz Lenzner“-Heim. „Von uns wurde sie viermal in der Woche besucht, wobei wir meist mit ihr spazieren gegangen sind. Seit mehr als sechs Wochen gilt das Besuchsverbot in Alten- und Pflegeheimen. Unsere große Sorge ist ihre seelische Verkümmerung und ob sie uns noch erkennen wird. Wie erklärt man einer demenzkranken Frau, dass ihr Besuch nicht mehr kommt? Dies und viele andere Fragen lassen uns als Angehörige nicht zur Ruhe kommen. Die Situation ist für uns alle sehr belastend", so Monika Winkelmann.

Zusammen mit Ehemann Willfried und ihrer Schwester Ulrike Löscher hat Monika Winkelmann einen Offenen Brief an Thüringens Ministerpräsidenten Bodo Ramelow und an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn geschrieben. Darin schildert die Familie ihre Lage und fragt nach Lockerungen: „Denken Sie bei Ihren Verordnungen an das psychische Wohlergehen dieser dort lebenden Menschen? Wie lange soll dieser unzumutbare Zustand noch andauern?“

Zudem wollen die drei Geraer insbesondere auf die Lage von Menschen mit Demenz aufmerksam machen. Wie psychisch belastend die Situation momentan ist, weiß auch Silvia Bogdanowa, Leiterin des Lenzner-Heims. „Sowohl für die Bewohner als auch das Personal“, berichtet sie. „Die Mitarbeiter sehen, wie die Bewohner darunter leiden. Mancher werde unruhig, auch aggressiver. „Viele fragen verstärkt nach, wo ihre Angehörigen sind, warum sie nicht mehr kommen“, so Bogdanowa. „Teils werden die depressiven Krankheitsbilder, die in der Demenz eine Rolle spielen, ausgeprägter. Und schwer dement Erkrankte verstehen gar nicht, was da passiert.“ Erschwerend komme hinzu, dass ebenso die Angebote im Haus eingeschränkt seien. Kleingruppen und Einzeltherapien seien die Bewohner nicht gewöhnt. Erst vor wenigen Tagen habe sich die Heimleitung in einer Videokonferenz bundesweit über all das ausgetauscht. Um die Lage für die Bewohner annehmbarer zu gestalten, regt das Heim telefonischen Kontakt an, sucht nach digitalen und Fensterlösungen. Ostern wurden Kartengrüße gestaltet und verschickt.

Das Heim-Personal mache vieles möglich, versichert Monika Winkelmann, „aber sich um jeden Einzelnen intensiv kümmern wie es Angehörige können, schaffen die Mitarbeiter gar nicht.“ Ein Wiedersehen auf Distanz mit der Mutter auf dem Balkon wie angeboten, sei in ihrem Fall keine Lösung. „In Entfernung vom zweiten Stock aus erkennt uns unsere Mutti nicht“, gibt die Tochter zu bedenken.

Natürlich ist der Familie bewusst, dass die Pandemiezeit äußerste Vorsicht verlangt: „Wir wollen nicht das Heim betreten. Es würde uns reichen, wenn wir nach Vorkehrungen aller Schutzmaßnahmen unsere Mutter vor dem Heim im Rollstuhl in Empfang nehmen, eine Runde spazieren gehen und sie dann den Pflegern vor dem Heim übergeben“, sagt Monika Winkelmann. Eine Antwort aus Erfurt steht noch aus. Auf Nachfrage der Redaktion bittet die Staatskanzlei „aufgrund der derzeit extrem hohen Zahl an Anfragen“ um Geduld. Regierungssprecher Günter Kolodziej wirbt um Verständnis für die Besuchsverbote. „Eine schrittweise Lockerung für Pflegeheime wird allerdings erst in Betracht kommen, wenn sich die gesamte Situation weiterhin deutlich verbessert“, heißt es.

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