Geraer erinnern sich an die Wendezeit: Hans-Jörg Dannenberg über Westtour und Grenztrauma

Gera  Geschichten zu „30 Jahre Friedliche Revolution und ihre Folgen“ auf der Spur. Jeder kann sich beteiligen.

Ein Schüler der Entdeckergemeinschaftsschule führt im Thüringer Medienbildungszentrum mit dem Zeitzeugen Hans-Jörg Dannenberg ein Video-Interview, angeleitet von Sybille Thomae, Leiterin der Ehrenamtszentrale der Stadt Gera.

Ein Schüler der Entdeckergemeinschaftsschule führt im Thüringer Medienbildungszentrum mit dem Zeitzeugen Hans-Jörg Dannenberg ein Video-Interview, angeleitet von Sybille Thomae, Leiterin der Ehrenamtszentrale der Stadt Gera.

Foto: Fabian Ulbrecht/TMBZ Gera

„Nach der Demonstration am 9. November traf sich unsere Gruppe noch auf ein Bier im Ratskeller. Später zu Hause angekommen, sagte mir meine Frau, dass die Mauer offen ist. Selbst hatte ich das noch gar nicht mitbekommen“, erinnert sich Hans-Jörg Dannenberg an den bewegten Moment vor 30 Jahren. Ebenso wie an den darauffolgenden Tag: „Am 10. habe ich Geburtstag, die gesamte Familie war zur Feier eingeladen. Da klingelte am Nachmittag unser Telefon. Am anderen Ende waren Tante und Onkel aus Marburg und fragten uns, wo wir bleiben. Alle Welt sei schon auf der Autobahn. Kommt uns doch besuchen, meinten sie“, erzählt Hans-Jörg Dannenberg. Auch an jene erste Westtour zu den Verwandten, bei der ein Farbfernseher und andere gekaufte Dinge den Familien-Trabi auf der Rückfahrt fast überforderten, sind dem Geraer im Gedächtnis geblieben. Aber auch der erste Grenzübertritt: „Als wir diese Anlagen das erste Mal sahen, hat uns das emotional ziemlich mitgenommen und betroffen gemacht.“

Hans-Jörg Dannenberg gehört zu jenen zehn Zeitzeugen, die für das Projekt „30 Jahre Friedliche Revolution und ihre Folgen“ ihre Erinnerungen und Gedanken an die Wendezeit wieder aufleben lassen.

Der Kulturbund Gera als Träger des Projektes beleuchtet zusammen mit städtischen Akteuren und Kooperationspartnern wie der Tag-Geschichtswerkstatt Gera-Lusan, dem Stadtarchiv, der Gedenkstätte Amthordurchgang, der Staatlichen Berufsbildenden Schulen für Wirtschaft & Verwaltung und für Gesundheit & Soziales sowie der Entdeckergemeinschaftsschule und Geraern wie Pfarrer Roland Geipel i.R. die Geschehnisse vor 30 Jahren und dokumentiert sie vielfältig.

Geraer für ein Tagebuch gesucht

Insbesondere die Schüler der Bildungseinrichtungen sind dabei gefordert, sich mit den Ereignissen der „Friedlichen Revolution“ auseinanderzusetzen, sie zu erforschen und ihr Wissen für Interessierte öffentlich zu machen. Am Montag trafen sich erneut Akteure und Partner. Das Projekt mit insgesamt fünf Bausteinen ist mittlerweile gut vorangeschritten. Für einen Schwerpunkt entstehen nach umfangreichen Recherchen im Stadtarchiv thematische Tagesblätter. Bei einem zweiten Baustein werden von den jungen Leuten Zeitzeugen befragt, die per Videointerview ihre persönlichen Erlebnisse wiedergeben. In einem dritten Schwerpunkt beschäftigen sich die Schüler mit Reportagefotografie. Dabei stellen sie den historischen Aufnahmen von Geraer Orten, an denen DDR-Geschichte geschrieben wurde, aktuelle Fotografien gegenüber. Viertens wollen sie authentische Ereignisse als gesammelte Tagebucheinträge widerspiegeln. Schließlich hält – als fünften Baustein – ein Schreiberkreis unter dem Motto „Mein Tag – Erinnerung an 1989“ private Ereignisse jenes Jahres in einem Tagebuch fest. Bisher haben etwa 25 Interessierte mitgewirkt. Die Geraer sind nochmals aufgerufen, sich daran zu beteiligen. Interessenten können sich bis 18. November melden: ehrenamtszentrale@gera.de .

Im Rahmen eines öffentlichen Gedenkens am 8. November werden im Geraer Rathaussaal erste Ergebnisse des Projekts, unter anderem der Zeitzeugen-Film, erstmals präsentiert. Zuvor laden Kirchenvertreter für 16 Uhr zu einer ökumenischen Andacht in die Johanneskirche ein. Anschließend folgt ein „Gang der Geschichte“ zu Plätzen der Friedlichen Revolution. Gegen 17 Uhr beginnt die Veranstaltung im Rathaus, organisiert von der Stadt Gera.

Meine Meinung:

Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.