Geraer schimpft manchmal über seinen Körper, lässt sich den Lebensmut aber nicht nehmen

Gera  Vor über 20 Jahren wird bei Dietmar Schneider Multiple Sklerose diagnostiziert

Es gibt viel Informationsmaterial zu Multipler Sklerose. Dietmar Schneider gibt den Menschen, die an MS erkrankt sind, Lebensmut. Sich beschäftigen und unter Leute gehen, gehören zu seinen Ratschlägen.

Es gibt viel Informationsmaterial zu Multipler Sklerose. Dietmar Schneider gibt den Menschen, die an MS erkrankt sind, Lebensmut. Sich beschäftigen und unter Leute gehen, gehören zu seinen Ratschlägen.

Foto: Peter Michaelis

Seine Stimme ist fest und manchmal laut. Als Lokschlosser bei der Bahn musste er sich bei ohrenbetäubendem Lärm Gehör verschaffen. „Ich vermisse meine Arbeit“, sagt ­Dietmar Schneider. Einst sein zweites Zuhause. „Ich bin auf dem Bahnhof in Zwötzen groß geworden.“ Lokführer wollte er werden. Aber die Augen machten nicht mit.

Heute sitzt er im Rollstuhl, hat Multiple Sklerose. „Aber ich lasse mich nicht gehen.“ Das könnte er auch gar nicht, dafür ist der 48-Jährige viel zu umtriebig. Erst Montag zum Regionaltag der Deutschen Multiplen Sklerose Gesellschaft (DMSG), Landesverband Thüringen, in Gera war er an einem Stand, scherzte mit jungen Leuten. Schneider erzählte den Jugendlichen, wie er mit kleinen Kniffen seinen Alltag erleichtert. „Beim Rausgehen ziehe ich mit einem Strick an der Klinke die Wohnungstür zu. Er hilft mir auch, die Beine ins Bett zu bringen.“ Sie lachten gemeinsam. Seit Sommer 2012 wohnt Schneider in einer behindertgerechten Wohnung, sogar mit einem breiteren Stellplatz vor dem Haus.

Schon in der Lehre klagte Dietmar Schneider über Krämpfe in Füßen, Beinen und Händen. Es verging wieder. Gleichgewichtsprobleme kamen hinzu. Nach paar Sekunden war alles vorbei. Als sich die Beschwerden häuften, ging er zum Arzt, bekam prompt die Krankschreibung. Oft zerriss er den Zettel. Er wollte doch arbeiten. Arbeit lenkte ihn ab. „In der Baureihe 119 gab es eine Lok aus Rumänien. Wir nannten sie U-Boot. Ständig war sie kaputt und tauchte bei uns in der Werkstatt zum Reparieren unter“, erzählt Schneider begeistert.

Als der lebensfrohe Lokschlosser eines Winterabends im Jahr 1996 nur noch Schattenumrisse, hell und dunkel sah, ging er tags darauf zur Hausärztin. „Wie ich dahingekommen bin, weiß ich bis heute nicht.“ Es folgten Augenarzt und Einweisung ins Krankenhaus. Nun bekamen die gesundheitlichen Probleme einen Namen: Multiple Sklerose. Die Nachricht war nicht die schlimmste. „Aber mich darauf einzustellen, nicht mehr arbeiten zu können... Da bin ich in ein Loch geplumpst.“ Im gleichen Zeitraum erkrankten noch seine Eltern. Im Herbst 1998 saß Dietmar Schneider im Rollstuhl. Das Krankheitsbild hatte sich verschlechtert. Doch der Lebensmut war längst wiedergekommen. Besuche bei den Arbeitskollegen bauten ihn auf. „Erst bin ich mit dem Stock zur Bahn gelaufen und dann gefahren. Ich bin auch im Verein Geraer Eisenbahnwelten, kümmere mich im Rolli um die Loks. Geht alles, wenn man will.“ Sich für ein barriesfreies Gera einzubringen, gehört ebenso zu seinem Anliegen wie Ansprechpartner für die MS-Selbsthilfegruppe zu sein, um anderen Betroffenen Mut zuzusprechen. „Nur wer sich beschäftigt, Kontakt sucht und offen mit seiner Krankheit umgeht, kann sie beherrschen.“ Nächste Woche will Schneider mit einer Fotogruppe in den Harz. Durch die Kamera die Natur festhalten, ist seine zweite Leidenschaft. Nur an wenigen Tagen kann der lebensfrohe Dietmar Schneider wütend werden. „Manchmal schimpfe ich über meinen Körper, wenn er nicht so will wie mein Kopf.“ Was wünscht sich eigentlich Schneider? „Einen schienengebundenen Rollstuhl“, blödelt der Eisenbahnfan.

Meine Meinung:

Informationen über MS und Ansprechpartner

Was ist Multiple Sklerose (MS)? Eine chronisch entzündliche Erkrankung von Gehirn und Rückenmark.

Was können Symptome sein, die auf MS hinweisen? Lähmung oder Spastizität von Muskeln, Seh- und Gefühlsstörung, Beeinträchtigung des Tastsinnes, Gleichgewichtsstörung, Müdigkeit und Energieverlust. Da die Symptome so unterschiedlich sind, wird MS auch als Krankheit mit den 1000 Gesichtern bezeichnet.

Wann sollte der Arzt aufgesucht werden? Wenn die Beschwerden länger als drei bis fünf Tage dauern.

Wie viele Menschen haben MS? 2018 sind es in Deutschland 250.000 Erkrankte gewesen. Vor einigen Jahren waren es ungefähr 120.000. In Thüringen geht man geschätzt von circa 7000 MS-Betroffenen aus.

Wie viele Neuerkrankungen gibt es jährlich in Ostthüringen? Laut Stefan Uhde, Ärztlicher Leiter des MS-Zentrums im SRH Wald-Klinikum Gera, wird von zehn bis 20 Neuerkrankungen ausgegangen. Auf 100.000 Einwohner kommen etwa 3,5 bis fünf Neuerkrankte. Bei zehn Prozent der Erkrankten beginnt MS von Anfang an schleichend.

Wann tritt die Krankheit auf? In vielen Fällen erstmals zwischen dem 20. und dem 40. Lebensjahr.

Sind mehr Frauen oder Männer betroffen? Frauen dreimal häufiger. Das Warum ist nicht geklärt.

Kann die Krankheit geheilt werden? Dies ist derzeit noch nicht möglich. Gezielte und rechtzeitige Therapien können sich positiv auf die Folgeerscheinungen der MS auswirken und erleichtern Kranken das Leben.

Ist MS eine Erbkrankheit? Nein und sie ist auch nicht ansteckend. Trotz großer Anstrengungen ist die Ursache für MS noch nicht bekannt.

Wo finden Betroffene Hilfe? Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Landesverband Thüringen, Moskauer Platz 15 in Erfurt; Telefon 0361/7 10 04 60; E-Mail: info@dmsg-thueringen.de Selbsthilfegruppe Gera Ansprechpartner: Bärbel Bastian, Telefon 036603/6 37 75; Dietmar Schneider, 0162/ 51 00 99 5, E-Mail dietmar.didi.bernhard@gmail.com Außerdem gibt es zwei Stammtische

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