„Ich habe in meinem Leben einen Preis bezahlt“

Gera.  Kompromisse sind für ihn kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke. Wer sie eingeht, ist bereit, sich zu bewegen.

Michael Kleim (59) ist Gemeindepfarrer von St. Trinitatis in Gera und wurde im November 2019 mit dem Thüringer Demokratiepreis ausgezeichnet.

Michael Kleim (59) ist Gemeindepfarrer von St. Trinitatis in Gera und wurde im November 2019 mit dem Thüringer Demokratiepreis ausgezeichnet.

Foto: Sylvia Eigenrauch

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Mit dem Thüringer Demokratiepreis ist der Geraer Pfarrer Michael Kleim kürzlich in Erfurt ausgezeichnet worden. Seit 2013 wird dieser Preis verliehen, der den langfristigen Einsatz und die innovative Arbeit für Demokratie anerkennt. Wie er diese Würdigung versteht und was er über Demokratie denkt, darüber sprachen wir mit ihm.

Wurden Sie von der Ehrung überrascht?

Ja, und ich habe mich sehr darüber gefreut. Auch über die Glückwünsche. Selbst Freya Klier hat mir gratuliert.

Wer hatte Sie vorgeschlagen?

Christa Hausigk von der Arbeitsgemeinschaft „Die Kontinuierlichen“. Uns gibt es seit etwa zehn Jahren. Wir sind eine kreative und vielfältige Gruppe, die im Widerstand gegen die Rechtsrockkonzerte in Gera entstand. Der Name ist neu. Er dokumentiert Eigenständigkeit.

Viele Jahre waren Sie Sprecher des Runden Tisches für Toleranz und Menschlichkeit, gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit in Gera. Ist der Demokratiepreis ein Dankeschön für Ihre Arbeit dort?

Der Preis würdigt mein Wirken für die Menschenrechte im Laufe meines Lebens. Zumal ich sagen muss. Ich haben in meinem Leben einen Preis bezahlt. In der DDR erlebte ich Überwachung und Zersetzungsarbeit durch die Stasi über Jahre. Ab 2000 wurde ich über das Internet und am Telefon bedroht. Das war belastend für mich und meine Familie. Dieser Druck von außen hat bei mir Spuren hinterlassen. Seit Mai bin ich krank. Vor zwei Jahren gab ich wegen beruflicher Belastungen die Mitarbeit am runden Tisch auf. Momentan gibt es ihn nicht mehr.

Was ist Ihnen wichtig?

Für mich sind Menschenrechte und Demokratie elementar. Den Preis verstehe ich als Würdigung meines Engagements, das schon in der DDR begonnen hat. Damals machte ich mich in der Oppositionsbewegung stark und trat für Offenheit ein. Mein politisches Engagement ist nicht ideologisch ausgerichtet. Es ist unscharf, wenn gesagt wird, ich sei ein linker Pfarrer. Menschenrechte sind mein Motiv. Deshalb erinnerte ich an den Völkermord in Armenien, an Opfer des Stalinismus aber auch an chinesische und iranische Dissidenten. Demokratie und Menschenrechte fallen nicht vom Himmel. Im Sozialismus haben wir um die Demokratie gekämpft. Heute haben wir sie, müssen sie aber verteidigen.

Verändert sich die Art, wie Demokratie gelebt wird?

Ich meine, ja. Es ist oft nicht Schwarz oder Weiß, hipp oder hopp. Populismus fängt für mich da an, wo einfache und platte Antworten gegeben werden. Das kenne ich aus dem Leben in der DDR. Ich will Menschen Mut machen, mit dem Komplexen umzugehen. Demokratie heißt für mich nicht vordergründig, dass die Mehrheit entscheidet, wie die Sachen sind, sondern es heißt, in komplexen Situationen einen gemeinsamen Weg zu finden. Da gehören Kompromisse dazu. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke, weil ich bereit bin, mich von meiner Position wegzubewegen. Schade, dass Kompromisse oft negativ bewertet sind.

Braucht es den runden Tisch nicht mehr, weil es die Rechtsrockkonzerte in Gera nicht mehr gibt?

Das Problem ist damit nicht verschwunden, wie der Thüringen-Monitor dokumentiert. Die Institution braucht es wieder, aber ich denke in neuer Form. Als Vertreter für die evangelische Kirche war ich lange Jahre im Sprecherrat. Oft war das kein Rat, sondern ich allein. Als Instrument des Stadtrates wollte der runde Tisch die Zivilgesellschaft mobilisieren und begleiten, für Demokratie und gegen Intoleranz einzutreten. Letztlich kann dieses Instrument nur von dem leben, was die Akteure einbringen. Seine Aufgabe ist es nicht, der Zivilgesellschaft etwas abzunehmen. Doch weil diese Mentalität vorherrschte, ruht der runde Tisch.

Hat sich Gera trotzdem entwickelt?

Ich bin seit 1995 in der Stadt. Die kritische Wahrnehmung von demokratiefeindlichen Tendenzen hat zugenommen. Seit zwei Jahren gibt es den Christopher Street Day in der Stadt. Die Vielfalt ist gewachsen. Ich habe das Gefühl, dass die Gesellschaft kreative Formen gefunden hat, für Demokratie einzustehen. Doch manche Akteure sind müde geworden.

Zählen Sie sich dazu?

Ja. Ich werde weiter in diese Richtung leben aber mir neue Formen suchen.

Sie mussten ertragen, angefeindet zu werden. Selbst Morddrohungen gab es. Wie sind Sie damit umgegangen?

Wir wissen seit dem Mord an Walter Lübcke aus Kassel, dass es nicht bei Worten bleiben muss. Das ist mit dem Preis wahrgenommen und anerkannt worden. Geholfen hat mir zwischen 2000 und 2016, als ich Hass-Mails erhielt und auch am Telefon bedroht wurde, die Unterstützung von Menschen, die an unserer Seite standen. Mein Halt für mich ist immer auch der Glaube. Doch das Erlebte hinterlässt tiefere Spuren als man möchte.

Gab es strafrechtliche Konsequenzen für die Verursacher?

Die Hauptseite der rechten Szene ist abgeschaltet worden und vier Verantwortliche wurden 2017 verurteilt.

Ohne Sie gebe es das Bewusstmachen der Pogrome am inzwischen mehrfach denkwürdigen 9. November nicht, derer Sie mit der Organisation von Gottesdiensten gedenken. War das eine Selbstverpflichtung?

Der Gottesdienst und das ökumenische Friedensgebet gehören zusammen. Für mich war es immer ein Teil meines Auftrages als Theologe und Seelsorger. Ich richte den Blick auf die, die unter Hass gelitten haben oder leiden. Ihnen versuche ich eine Stimme zu geben. Mich interessieren konkrete Menschen. Ich rücke Dinge in den Blickpunkt, die von anderen übersehen werden. Deshalb habe ich mich auch eingesetzt, die jüdisch-israelischen Kulturtage nach Gera zu holen oder pflege enge Verbindungen nach Arnheim, der Partnerstadt in den Niederlanden, und will für junge Menschen die Vielfalt und Offenheit erlebbar machen. Ich will nicht nur vom Destruktiven abgrenzen, sondern das Konstruktive gestalten. Da sind wir wieder bei den Kontinuierlichen.

Ihr Dienst für die Kirche war von Doppelbelastungen geprägt. Sie waren parallel Jugend- und Gemeindepfarrer und später stellvertretender Superintendent und Gemeindepfarrer in St. Trinitatis. Wie lässt sich das vereinbaren?

Ich hätte nicht alles machen müssen. Doch es war mir wichtig. Die gesellschaftspolitische Ebene des Liebesgebotes Gottes sind für mich die Menschenrechte, deshalb verknüpfte sich das gut. Ich versuche klar zu machen, dass Menschen verantwortlich mit ihrer Welt und ihrer Gemeinschaft umgehen. Das hat auch mit Verantwortlichkeit für mich selbst zu tun. Ich muss nun lernen, mit meinen Ressourcen hauszuhalten. Das ist ein Problem, das viele engagierte Menschen haben.

Was gibt Ihnen Kraft, woraus schöpfen Sie neuen Mut?

Zuerst sind es Menschen: meine Familie, meine Frau Jeanette, meine Freunde und Weggefährten. Dann ist es meine Spiritualität. Manchmal hilft auch ein Spaziergang an der Elster. Auch Kreativität wie Musik und Literatur. Ich fotografiere gern. Sinnlichkeit gibt mir Kraft, etwas Schönes genießen, Zeit für mich haben. Das war schon immer da, nur die Balance nicht.

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