Goldrausch in Rückersdorf

Christiane Kneisel
| Lesedauer: 4 Minuten
Walter Vielmuth aus Rückersdorf hier beim Einsteigen in einen der Stollen des Steinheider Goldbergbaus.

Walter Vielmuth aus Rückersdorf hier beim Einsteigen in einen der Stollen des Steinheider Goldbergbaus.

Foto: Renate Vielmuth

Rückersdorf.  Walter Vielmuth aus Rückersdorf erkundet den einstigen Steinheider Goldbergbau und dokumentiert die Stollen.

Am 14. Mai schnürt Walter Vielmuth in Rückersdorf wieder seinen Rucksack. Mit Helm, Grubenlampe und Bergbautechnik im Gepäck, zieht es ihn in die Nähe des Neuhäuser Stadtteils Neumannsgrund. Dort wartet auf den ehemaligen Bergmann ein weiteres Abenteuer „zwischen Licht und Dunkelheit“.

Denn seit 2019 frönt der agile Senior einem außergewöhnlichen Hobby: Er erkundet den spätmittelalterlichen Goldbergbau um Steinheid und dokumentiert penibel ehemalige, noch begehbare Stollen und Schächte. Walter Vielmuth ist sozusagen im Goldrausch.

Entsprechend alter Karten sucht der 75-Jährige die Eingänge der einzelnen Stollen. Stück für Stück vermisst, fotografiert, protokolliert, rekonstruiert und kartiert er die verbliebenen Relikte der historischen Goldstollen.

Von den einst 57 vorhandenen Stollensystemen – höchstens 25 werden noch begehbar sein – hat Walter Vielmuth bis Oktober vorigen Jahres 16 gefunden, elf davon befahren. Per GPS und Kompass hat er die exakte Lage bestimmt, Rissskizzen erstellt, ausführlich beschrieben und beschriftet – beispielsweise: „Vielmuth, Stollen. Nr. 7“. Dabei versucht Walter Vielmuth zugleich, seine Nomenklatur auf die historischen Stollenbezeichnungen wie „Gülden Löffel“, „Zottiger Heinz“, „Sankt Wolfgang“, „Heilige Dreifaltigkeit“ oder „Heilig Kreuz“ zu übertragen. „Das ist schwierig, da nur noch zwei Grubenrisse existieren und auch der Verbruch der Stollen weit fortgeschritten ist.“ Dennoch: Bis 2025 möchte Walter Vielmuth eine umfassende Dokumentation und Publikation vorlegen.

„Viele Geologen, beispielsweise Markus Schade als profunder Kenner von Goldvorkommen in der Welt und Leiter des Goldmuseums in Theuern, beschäftigen sich mit dem ehemaligen Goldvorkommen und Goldwäsche, allerdings weniger von seiner bergmännischen Seite“, erklärt der Rückersdorfer, der an der Bergakademie Freiberg studierte und als Revierleiter und Technologe bei der Wismut unter- und übertage arbeitete, seine Faszination. Abgesehen davon kommt er angesichts der reizvollen Landschaft um Steinheid immer wieder ins Schwärmen.

Von den zuständigen Behörden, dem Thüringer Bergamt und der Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie habe er sich selbstverständlich das Okay für seine Erkundungen eingeholt. Vom Forstamt Neuhaus hat er auch die Schürfgenehmigung für die sechs Quadratkilometer erhalten. Die Bergakademie Freiberg, die Gemeinde Steinheid und Kollegen versorgt er zudem mit Zwischenberichten.

Er ist selbst immer wieder fasziniert von diesen jahrhundertealten Relikten der Suche nach Berggold, auch wenn diese nie so ergiebig war wie erhofft. „Alles funkelt und glitzert, da muss Gold drin sein, wurde einst gedacht und man meinte, es läge nur an der Aufbereitung“, erzählt Vielmuth. Wirklich gelohnt habe sich der technische Aufwand jedoch nie. „Mehr als Goldstaub hat man nie aufgespürt. Es ist ein Vorkommen, aber keine Lagerstätte. Dort hätte nie Bergbau stattfinden müssen“, weiß der Fachmann.

Die ältesten Nachrichten über den Goldbergbau bei Steinheid stammen aus dem Jahr 1482. „Innerhalb von rund 100 Jahren, genauer von 1482 bis 1590, sollen lediglich 20 Kilogramm abgebaut worden sein. Über die tatsächliche Menge streiten sich heute noch die Fachleute. Ich möchte nachweisen, ob dies stimmt oder nicht“, so Walter Vielmuth. Dazu misst er Hohlräume aus, bestimmt den Erzgehalt, rechnet diesen hoch und hofft so, dem tatsächlichen Goldabbau auf die Spur zu kommen.

Bevor Walter Vielmuth bei mehrtägigen Exkursionen die Schächte aufsucht und in die Stollengänge steigt, die ihn in etwa 20 bis 40 Meter Tiefe führen, trainiert er für sein Abenteuer. „Man muss gesund und körperlich fit sein und darf keine Angst haben.“ Stets misst der Bergmann zur eigenen Sicherheit in den Schächten den Gehalt von Kohlenstoffmonoxid und Radongas. Manchmal begleitet Ehefrau Renate ihren Mann in die reizvolle Gegend des Thüringer Waldes, um ihn als „Hilfsknappe“ bei seinem Hobby zu unterstützen. Mitte Mai heißt es für Walter Vielmuth also wieder „Glück Auf“.