„Sie wollen keine Penner sein“: Schulden, Scheidung oder Kündigung oft Gründe für Obdachlosigkeit

Gera  Wohnungslose erhalten in Gera im Haus Christophorus und im Rasthaus Obolus ein Bett und Gehör

Steffen Bethge ist bei der Caritas in Gera für die Obdachlosenhilfe zuständig.

Steffen Bethge ist bei der Caritas in Gera für die Obdachlosenhilfe zuständig.

Die Scham sitzt tief. Mit uns wollte sich kein Obdachloser im Haus Christophorus, das nur Männern vorbehalten ist, sprechen. Zurzeit leben hier acht Personen in den zwei Einzel- und drei Doppelzimmern. Im vergangenen Jahr waren es insgesamt 23 Obdachlose, darunter fünf Migranten.

Wer hier oder im Obolus vorübergehend unterkommt, braucht eine Zuweisung vom Sozialamt der Stadt. Zusammen stehen in den beiden Einrichtungen 35 Plätze für Wohnungslose bereit. Alle sind belegt. Die Frauen und Männer erhalten nicht nur ein Bett, sondern Hilfe, sich wieder im Alltag zurecht zu finden, um sich eine Zukunft aufzubauen. Betreuer unterstützen sie zum Beispiel beim Ausfüllen von Anträgen, bei Gesundheitsfragen, bei der Job- und Wohnungssuche. Auch Wäsche und Hygieneartikel werden zur Verfügung gestellt.

„Manche klingeln mit einem Koffer voller Habseligkeiten, andere nur mit dem, was sie am Leib tragen, an der Tür. Sie wollen aber keine Penner sein und irgendwann wieder Fuß fassen“, sagt Steffen Bethge, einer von drei Mitarbeitern der Wohnungslosenhilfe bei der Caritas. Der Verband ist Träger des Hauses „Christophorus“ in der Karl-Matthes-Straße 23.

„Klienten“, nennt Bethge die Männer. Nicht alle seien Hilfskräfte oder Alkoholiker, wie die Öffentlichkeit manchmal denkt. Auch Studierte würden Halt verlieren. „Es trifft alle Schichten.“ Gründe können Schulden, Verlust des Arbeitsplatzes oder Scheidung sein. Nicht alle seien Hilfskräfte oder Alkoholiker, wie die Öffentlichkeit manchmal denkt. Auch Studierte würden Halt verlieren. „Manchmal braucht es lange bis sich die Menschen uns öffnen. Sie zeigen viel Abwehr.“

Steffen Bethge erzählt von Peter, Mitte 40. Er kam aus dem Strafvollzug, zeigte sich abweisend. Er war schwer zugänglich für Gespräche. Erst nach einem Monat öffnete er sich. Als Peter entlassen wurde, erhielt er eine Wohnung. 2017 heiratete er. Ein Dreivierteljahr lebte er im Christophorus. Die Aufenthaltsdauer der Männer ab 18 Jahren beträgt drei bis zwölf Monate.

Der älteste war 63 Jahre. Fast alle sind aus der Umgebung von Gera. „Ein Klient stammte aus Berlin. Er wollte hier sesshaft werden“, erzählt Bethge. „Wichtig ist, sie in eine Tagesstruktur einzubinden.“ Die Männer erhalten einen Schlüssel fürs Haus, können sich also frei bewegen. Umso mehr ist Bethge enttäuscht, wenn Müll herumliegt und noch mehr, wenn eine Person plötzlich verschwindet.

Dennoch beeindruckt es ihn, „dass es Menschen mit unserer Hilfe schaffen, wieder auf die Beine zu kommen und eine Familie zu gründen.“ Auf Unterstützung ist auch das Haus Christophorus angewiesen. Lebensmittel, Kleidung Schuhe, Bettwäsche und Drogerieartikel werden immer benötigt. Die Spendenbereitschaft der Bevölkerung hat selbst in der Corona-Pandemie nicht nachgelassen. Damit das Virus die Mitarbeiter nicht ansteckt, werden sie regelmäßig getestet und bei Verdacht die Männer. Zudem werden alle Hygiene-Verordnungen streng eingehalten.

Das gilt auch für das Rasthaus Obolus, deren Träger die Neustart gGmbH ist. „Neuankömmlinge müssen bei uns zudem in einen Quarantänebereich“, sagt die Leiterin Susanne Wöllner.

27 Plätze bietet die Unterkunft für Frauen und Männer, die bei ihrem Aufenthalt sozialpädagogisch begleitet werden. „Ziel ist es, dass jeder Wohnungslose bei uns wieder ein eigenständiges Leben führen kann. 2020 registrierten wir 6386 Übernachtungen. Auch wir sind für Spenden dankbar.“

In Trägerschaft der Stadt gibt es neun Trainingswohnungen, die vor allem für Frauen und Wohnungslose genutzt werden.

Das Sozialamt ist erreichbar unter Telefon: 0365/8 38 31 00