Schwammspinner und deren Raupen plagen Gera schon seit 1617

Gera  Raupenplagen haben Gera schon in vergangenen Jahrhunderten heimgesucht. Aber es gab ebenso mehrere Invasionen von Libellen und Heuschrecken. Der Autor Dieter Bauke aus Gera hat für diesen Beitrag im Geraer Stadtarchiv recherchiert.

Der Schimmelspinner treibt viele Liebschwitzer in den Wahnsinn.

Der Schimmelspinner treibt viele Liebschwitzer in den Wahnsinn.

Foto: Peter Michaelis / Archiv

Invasionen von Tieren gab es des Öfteren in Gera. Zwölf in der Literatur beschriebene „Besuche“ seien hier kurz erwähnt: Im Jahre 1446 zeigten sich Libellen in der Gegend um Gera so häufig, dass ihre Menge die Luft verdunkelte. Ein riesiger Heuschreckenschwarm richtet im August 1542 in den Feldern und Gärten um Gera großen Schaden an. 1631 fand man um Gera herum seltsame Gewächse (Galläpfel) an den Eichbäumen. Im Frühjahr 1635 gab es eine große Ungezieferplage, wobei das „Ungeziefer“ nicht näher bestimmt wird.

Wanderheuschrecken fressen sich durchs Grün

Wanderheuschrecken richten 1693 durch Fraß große Schäden an der Vegetation in Gera an. Ungeheure Mengen Libellen („Schillebolder“) traten 1743 auf. Aus Gera selbst heißt es 1746, „Libellen oder Seejungfern“ ziehen einer schwarzen Wolke gleich, von Mittag kommend über Gera hin.“ Es wird auch gemeldet: „Aus Reußen vom 30. Juli 1748 wurde geschrieben, daß sich daselbst ebenfalls seit 2 Wochen unzählig viele Heuschrecken eingefunden.“ 1771 wird vermeldet: „In dem Geraischen nächst dem Vogtlande, dahin auch Heuschrecken gekommen, haben sie die Felder von Früchten, so weit sie gekommen, sehr verwüstet.“ 1816 flog ein Zug Libellen, gleich einer schwarzen Wolke, über Gera hin. Auch 1839 ziehen große Schwärme von Libellen über die Geraer Flur. Hier fehlt aber noch etwas. Hahn vermeldet: „Nachdem im Jahre 1617 durch Raupenfraß – vorher hatte man von dieser Landplage nie etwas gehört – Feld und Gärten dermaßen verheert worden waren, daß die Natur wie gestorben aussah...“

Hier wird erstmals von einer neuen Landplage berichtet, ohne aber die Art näher zu bestimmen, da aber Felder und Gärten gleichermaßen betroffen sind, haben wir hier kein „spezialisiertes“ Insekt, aber auch keine Heuschrecken vor uns. Diese Plage teilt uns auch Meißner für 1741 „Ungeheure Mengen von Schmetterlingen.“ und 1752 „Raupenfraß, später ungeheure Mengen von Schmetterlingen.“ mit. Nicht klar ist, ob hier der Schwammspinner gemeint ist. Gelegentlich kommen auch andere Raupen massenhaft vor: die Grüne Erdraupe (Raupe der Wintersaateule) 1917, die Raupe des Eichenspinners 1958. Jedoch sind von keiner anderen Schmetterlingsart in Europa immer wieder auftretende Massenvermehrungen und unspezialisiertes Fraßverhalten bekannt.

Über den Schwammspinner kann man sich heutzutage leicht informieren. Die Mittelmeer- und Balkanländer gelten als Verbreitungsschwerpunkte, da in diesen Regionen periodisch alle sieben bis acht Jahre wirtschaftlich bedeutende Massenvermehrungen auftreten. Die Populationsentwicklung wird durch warme Sommer und anhaltende Trockenheit begünstigt. Seine massenhafte Vermehrung hat aber nicht den Klimawandel als Ursache, wie eine Agentur vermeldet. Lokale Massenvermehrungen gehen über zwei bis drei Jahre, dann bricht die Population zusammen.

In einem Merkblatt von 1900 wird das „oftmals massenhafte Auftreten“ des Schwammspinners und damit seine Schadwirkung für Land-, Forst- und Gartenwirtschaft betont. Zur Bekämpfung kann nur die Vernichtung der Eigelege empfohlen werden. Die Eier sind zuerst blassrot und färben sich dann allmählich in ein Dunkelgrau um. Die Eier werden von den Weibchen bevorzugt auf die Südseite und die unteren Partien von Laubbäumen, Sträuchern oder Zäune und ähnliches abgelegt. Die Eier überwintern in mit Haaren bedeckten Gelegen und die Raupen schlüpfen im darauffolgenden Frühling. Das Absammeln der Eigelege – schwammartige bräunliche Anhaftungen von meist mehreren Zentimetern Durchmesser – wird hier schon seit langer Zeit als „Raupen“ bezeichnet. Dies soll natürlich vor dem Schlüpfen der Raupen, also im Februar und März erfolgen.

Erlass der Stadt: Gelege von den Bäumen holen

Im Stadtarchiv finden wir Unterlagen, nach denen das Raupen behördlich angeordnet wurde, zum Beispiel die Akte: „Die vom Stadtrat ergangene Verordnung in Betreff des Raupens an denen Bäumen und Zäune“. Ein Erlass des Rates von 1784 verweist auf die Erfahrungen mit dem Raupenbefall von 1783 an Bäumen und Zäunen, weshalb alle Raupengelege abzusammeln seien. Wegen des Befalls 1784 wurde der Erlass 1785 wiederholt. Interessant ist, dass das Verb „raupen“ für das Absammeln der Gelege benutzt wird. Und: Die Plage ist schon bekannt, es muss sie also vorher schon gegeben haben.

Verfolgen wir die Akte weiter: Ein Raupenbefall 1794 führt zu dem Erlass von 1795 über das Raupen, bei einem Befall 1805 beruft man sich auf 1797 und verpflichtet wieder zum Raupen: Zum Absammeln seien die Eigentümer der Bäume, Sträucher etc. verpflichtet, bei Nichtbefolgung des Raupens ist eine Geldstrafe zu zahlen. Es wird sogar dazu aufgerufen, säumige Bürger anzuzeigen. Dies gilt auch für den Befall 1806. Diese Nachrichten in der Geraischen Zeitung wie auch die „Aufforderungen zum Raupen“ 1812, 1826 und mehrfach 1828 zeigen auf, dass die Schwammspinnerplage immer wieder auftaucht.

In einer weiteren Akte des Stadtarchivs „Bekanntmachung, das Raupen der Obstbäume betreffend“ wird mit Bezugnahme auf 1876 festgelegt, dass bis 5. März 1894 die Raupennester von den Obstbäumen zu entfernen sind. Dies wird wohl nicht überall befolgt, denn eine Zeitungsanzeige am 2. Juli „Bekanntmachung, das Raupen der Obstbäume betreffend“ fordert nochmals die Beseitigung der Raupennester. Dies lesen wir auch in einer Zeitungsanzeige vom 23. Februar 1895. Nach Befällen 1907 und 1909 wird ab 1919 die jährliche Raupenbeseitigung festgelegt. Dies scheint aber nach und nach immer weniger befolgt worden zu sein, denn 1940 wird von einem neuen Massenbefall berichtet. Vielleicht wurden dann auch „chemische Keulen“ eingesetzt (1900 wurde Petroleum empfohlen). Anderenorts aufgetretene Massenbefälle 1992 bis 1995 scheinen hier nicht so auffällig gewesen zu sein. Nach 2012 gibt es also wieder einen Massenbefall in Liebschwitz und Umgebung.

Keine Erscheinung des Klimawandels

Massenvermehrungen des Schwammspinners in Gera und Umgebung sind also keine neue Erscheinung oder Auswirkung des Klimawandels. Schon seit Jahrhunderten haben wir mit dieser Plage zu kämpfen, die etwa alle zehn Jahre für zwei bis drei Jahre auftritt. Und unsere Altvorderen wussten schon um die einzige effektive Bekämpfungsmethode der Plagegeister: Das Absammeln der Gelege spätestens im März, bevor die neuen Raupen schlüpfen.

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