Serina Riedels Drama von Ulm wiederholt sich nicht

Zeulenroda  Serina Riedel wird Deutsche Siebenkampf-Meisterin und Peter Fleißner fällt ein Stein vom Herzen, als sein Schützling im ersten Versuch 6,03 Meter springt. An ihrer Paradedisziplin scheiterte sie einst an gleicher Stelle.

Erstmals deutsche Mehrkampf-Meisterin: Serina Riedel vom TSV Zeulenroda.

Erstmals deutsche Mehrkampf-Meisterin: Serina Riedel vom TSV Zeulenroda.

Foto: KJPeters

Vorbereitung auf den ersten Schultag am Gymnasium. Serina Riedel hat gerade ihr Hausausgabenheft eingerichtet, schnell mal auf Instagram geschaut und sich über die Nachricht von Thomas Röhler gefreut. „Riesenglückwunsch“ schreibt er. Nicht nur der Speerwurf-Olympiasieger hat Serina Riedel zum Deutschen Meistertitel im Siebenkampf gratuliert.

Schon in Ulm am Sonntag lagen die Athletinnen nach dem abschließenden 800-Meter-Lauf erst am Boden, dann in den Armen, es gratulierten die Trainer der Konkurrentinnen. „Das ist das Besondere an uns Mehrkämpferinnen. Wir sind wie eine Familie, zollen uns Respekt, da ist nichts verstellt oder aufgesetzt. Wir wissen was es heißt, sieben Disziplinen durchzuziehen“, sagt die 16-Jährige, die in Naitschau zu Hause ist und für den TSV Zeulenroda startet.

„Da haben wir schon eine Welle produziert“, sagt Trainer Peter Fleißner und schiebt mit einem Schmunzeln nach, „wer uns jetzt alles kennt“. Seit 1977 ist er Trainer im Waldstadion, hat viele kommen und gehen gesehen. Dass er Serina Riedel zum Ende seiner Laufbahn betreuen darf, sieht er als Glücksfall, aber auch als besondere Herausforderung. „Wir trainieren fast jeden Tag, am Wochenende fahren wir zu Wettkämpfen, da gibt es auch mal Spannungen, nicht jeden Tag scheint die Sonne“, sagt der 63-Jährige. Dem Trainer fällt es schwer, abzuschalten. „Ich bin vierundzwanzig Stunden Trainer von Serina Riedel.“

Thüringer Rekord um fast 200 Punkte nach oben geschraut

Das schlaucht, das zehrt aus, doch sie zahlt es mit ihren Leistungen zurück. Nach Silber und Bronze bei den Deutschen U 16-Meisterschaften in den vergangenen beiden Jahren 2019 der deutsche U 18-Mehrkampftitel, erkämpft mit 5661 Punkten – das ist Thüringer Rekord. Die alte Bestmarke lag bei 5473 Punkten. „Das war schon ein starker Wettkampf“, sagt der Trainer.

Zwar räumte sein Schützling die letzte Hürde ab, doch mit 14,59 Sekunden war der Auftakt geglückt. Stark die 1,75 Meter im Hochsprung mit manch blitzsauberem Versuch. Die 13,17 Meter mit der Kugel und die 12,47 Sekunden im 100-Meter-Sprint bezeichnet Peter Fleißner als „mehrkampftauglich“. Der erste Tag war gelaufen. Serina Riedel in Führung.

Beim Abendessen mit den Eltern beim Italiener, lauschig an der Donau, sollte es nicht um den Wettkampf gehen. Abschalten, den Kopf frei bekommen. Doch beim Trainer war schlagartig das Drama von Ulm präsent. Bei den Deutschen Meisterschaften im gleichen Stadion, in der gleichen Grube hatte sich Serina Riedel in ihrer Spezialdisziplin drei Fehlversuche geleistet, war dreimal übergetreten und mit 5,83 Metern Weitsprung-Achte geworden.

Ein Sprung und Trainer Fleißner ist sicher: „Jetzt wird es Gold“

Sollte das wieder passieren, wäre alles für die Katz‘ gewesen. Doch Serina Riedel sprang am Sonntag um 9.30 Uhr im ersten Sprung 6,03 Meter weit. „Ich hab‘ das gar nicht so mitbekommen, dachte, ja, der Sprung war okay.“ Sie habe sich gewundert, als der Trainer ihr bedeutete. Schluss! Aus! Ende! Der eine Sprung reicht, der bringt Punkte satt, „wir sparen Kraft, schonen die Nerven“ – und meinte vor allem seine. Aber das sei eben Serina Riedel. „Sie ist kein Nervenbündel. Sie macht das, was sie kann, was sie sich im Training angeeignet hat.“ Und Peter Fleißner wusste nach dem Sprung über die sechs Meter: „Jetzt wird es Gold.“

Die 39,90 Meter mit dem Speer mehrkampftauglich und 800 Meter zum Ende hin sieht der Coach als „eine Demonstration des Willens“. Vor dem Lauf musste sich Serina Riedel noch schnell die Leader-Startnummer ans Trikot heften. Betreuer, die Eltern und der Trainer hatten sich um die Bahn postiert und feuerten sie an, riefen die Richtzeiten. Nach 2:27,75 Minuten stand fest: Gold für Serina Riedel. Auf dem Podest ganz oben zu stehen, ein besonderer Moment. Und während auf dem Handy die ersten Glückwünsche aufploppen, dachte sie an die vielen Unterstützer, ohne die es ihr nicht möglich gewesen wäre, insgesamt 87 Starts in dieser Saison zu bewerkstelligen.

Trainer Peter Fleißner hat drei Wochen Pause verordnet – die Ferienzeit war Trainingszeit. „Ach, ich könnte schon wieder trainieren“, sagt sie und der Trainer rollt mit den Augen. Doch auch er ist in Gedanken schon in der neuen Saison. „Wir wollen das ganze Paket noch sicherer schnüren. Es gibt viel Potenzial.“ Am 23. Mai in Bernhausen wird Serina Riedel ihren nächsten Mehrkampf bestreiten, der Termin steht fett im Kalender – es gilt unter die ersten drei zu kommen, um sich für die U 18-EM in Italien zu qualifizieren. Erst einmal die Quali schaffen und dann ist alles möglich, sagt Peter Fleißner und weiß, dass die nächste Saison seine letzte als Trainer sein wird.

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