Erinnerungskultur

Vor den Opfern verneigt er sich mit Kippa

Gera.  „Gemeinsam gegen das Vergessen“: Der 87-jährige Dieter Nendel will Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung ins kollektive Gedächtnis rücken.

Dieter Nendel am Fluss Eger unweit der Gedenkstätte Theresienstadt, wo auf sein Betreiben seit September eine Gedenktafel an die hierher deportierten Geraer erinnert.

Dieter Nendel am Fluss Eger unweit der Gedenkstätte Theresienstadt, wo auf sein Betreiben seit September eine Gedenktafel an die hierher deportierten Geraer erinnert.

Foto: Elke Lier

Es ist ein warmer Septembertag im nordböhmischen Terezin/ Theresienstadt. In der Eger spiegeln sich der blaue Himmel und die Uferbäume, goldgelbe Blätter treiben flussabwärts. Ein Ort des Friedens 2019, ein Ort entsetzlicher Verbrechen deutscher Faschisten im November 1944. Damals wurde auf Befehl der SS die Asche der sterblichen Überreste von 22.000 jüdischen Opfern des Theresienstädter Ghettos in den Fluss gekippt.

Der Fluss widersetzte sich dem Ziel der Faschisten, ihre Verbrechen unsichtbar werden zu lassen. „Noch zwei Jahre lang war die Asche der Toten zu sehen, es waren einfach zu viele.“ Das erzählt Dieter Nendel und verharrt schweigend am Ufer. Mit einer Geraer Delegation hatte der 87-Jährige zuvor eine Gedenktafel für die elf jüdischen Deportierten aus Gera im Kolumbarium enthüllt. Auf Hebräisch, Deutsch, Tschechisch und Englisch erinnert sie seit dem 11. September 2019 an das Martyrium der Juden aus Gera. Dass sie hier ebenso wie zuvor zwei Tafeln für die 130 aus Chemnitz ins Elend geschickten jüdischen Bürger die Erinnerung an die Opfer faschistischer Verbrechen verewigt, ist das Verdienst Dieter Nendels.

Während der Gedenkfeier im Kolumbarium verneigt er sich mit schwarzer Kippa vor den Toten. „Ich bin Christ“, sagt er. „Die Kippa, ein Geschenk der jüdischen Gemeinde Chemnitz, trage ich als Zeichen der Ehrerbietung.“ Ihm ist es zu danken, dass im Lichthof des Hauptbahnhofes seiner Geburtsstadt Chemnitz eine Erinnerungstafel die Transporte von Juden, Sinti, Roma, SPD- und KPD-Mitgliedern in die Vernichtungslager unvergessen machen. Mit dem Verband der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten beider Städte und den Stadtverwaltungen organisierte er unermüdlich Finanzierung, Aufträge, Fahrten, bis die Tafeln ihren Platz gefunden hatten.

„Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus, nie wieder Hunger“

Warum? Mit seiner Mutter besuchte er als kleiner Junge die jüdischen Kaufhäuser Tietz und Schocken in der Chemnitzer Innenstadt. „In der Kinderabteilung ging es sehr kinderfreundlich und volkstümlich zu“, erinnert er sich. Und an den 10./11. November 1938, als die Schaufenster eingeschlagen, mit Brettern verriegelt und die jüdischen Kaufhäuser und Geschäfte geplündert wurden. Er sah Gewalt und Menschen mit dem Judenstern. Geächtet, entrechtet, ausgegrenzt. „Als Kind erschien es mir besonders grausam, dass die jüdischen Altersgenossen kein Haustier haben durften, es abgeben oder töten lassen mussten.“ Als Jugendlicher erlebte er, wie noch im Februar 1945 Juden aus Chemnitz über das zerstörte Dresden in die Vernichtungslager abtransportiert wurden. „Welch ein Wahnsinn!“

Die letzten Kriegstage im April 1945 verbrachte er mit Mutter und Schwester im Keller. Unter Lebensgefahr holte er bei Artilleriebeschuss der Amerikaner Wasser von einem Brunnen. Der Kampfkommandant der Stadt Chemnitz ließ Wehrmacht und Volkssturm weiterkämpfen, obwohl die Niederlage absehbar und das Zentrum der Stadt nur noch ein Trümmerfeld war. „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus, nie wieder Hunger“ – das schwor sich seine Generation. Immer wieder geht er in Schulklassen, berichtet davon. Beim Interkulturellen Verein Gera gründete er 2011 den Jüdisch-Deutschen Kulturverein. Dank seiner Kontakte zur Jüdischen Gemeinde Chemnitz kamen Chor und Tanzgruppe „Shir Semer“ nach Gera, gab es interreligiöse Fahrten in die sächsische Stadt mit dem Besuch sieben verschiedener Glaubensstätten.

2013 lud Dieter Nendel den KZ-Überlebenden Thomas Geve nach Gera ein. Der hatte als 13-Jähriger im KZ Buchenwald das Lagerleben gezeichnet und eine ungewöhnliche Dokumentation geschaffen. Ausstellung und Erinnerungen Geves berührten viele Geraer tief. Olga Lange vom Interkulturellen Verein über Dieter Nendel: „Andere Leute seines Alters leben zurückgezogen in ihren Erinnerungen. Er macht sie öffentlich, authentisch. Damit gibt er der Gesellschaft viel. Er ist ein kritischer Geist, er rührt auf, regt zum Nachdenken über Gegenwart und Vergangenheit an.“

Für die Gedenkkultur in Geburtsstadt und Wahlheimat

Ausländerfeindlichkeit in seiner Heimatstadt Chemnitz, der Angriff auf eine Synagoge in Halle, so etwas bestärke ihn, gegen neuen Rassen-und Ausländerhass vorzugehen. Dieter Nendels Vater war in den 1930er-Jahren Polizist. Ihn erkennt er 2008 auf einem Chemnitzer Flyer zu 70 Jahren Gedenken an die Pogromnacht 1938 wieder. Das Foto zeigt ihn mit Uniform und schwarzen Lederhandschuhen vor der, von SA und SS geschändeten Chemnitzer Synagoge, die die jüdische Gemeinde nach fünf Tagen auf eigene Kosten abreißen musste. Hat der Vater sich mitschuldig gemacht an den Verbrechen gegen die Juden? War er Mitläufer, war er Täter? Diese Frage bleibt unbeantwortet, treibt den Sohn bis heute um.

Am 8. November fährt Dieter Nendel zum Gedenken an den 81. Jahrestag der Reichspogromnacht nach Chemnitz, am 9. November nimmt er an der Gedenkveranstaltung in Gera teil. Am 5. Dezember ist er als Pate bei der Stolpersteinverlegung in Chemnitz dabei. „Sein“ Stein erinnert an Adele Prager, die 1882 in Gera geboren wurde, nach Chemnitz verzog und als psychisch Erkrankte von der dortigen Landeserziehungsanstalt 1940 in die Euthanasieanstalt Pirna Sonnenstein gebracht und ermordet wurde.

Dieter Nendels Wunsch: „Mehr lebendige Erinnerungskultur. Es können nicht nur wir Alten sein, die an antifaschistischen Gedenktagen den Toten die letzte Ehre erweisen. Die Erinnerung muss wach bleiben, um neue Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verhindern.“ Für die rund Geraer 1350 Zwangsarbeiter während der NS-Zeit fehle bis heute eine öffentliche Erinnerungsstelle, bemerkt Dieter Nendel. Junge Unterstützer dafür wären für ihn Anerkennung seiner unermüdlichen Erinnerungsarbeit.

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